Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-09-08 · Heft 37 (8.9.1874) · p. Seite 630

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 37 (8.9.1874)
Date
1874-09-08
Page
Seite 630 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3226960-3226998--32904-3255895
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Frau. Da nun solche Briefe, einerseits den Beamtenstand in den Augen der Laien herunterdrücken, andererseits die schnödeste Geringschätzung des. „Localrabbiners" gegen seine eigene Gemeinde, an-den Dag legen, und wahrscheinlich schon der Eine oder der Andere sich ködern ließ, so wollen wir hiermit dem Schreiber, der sich selbst als einen ungewöhnlichen Menschen, als kundig in den klassischen und sechs fremden Sprachen bezeichnet, ernstlich rathen, seiue widerlichen, lügenhaften Briefe zurückzubehalten. Wir würden sonst, keinen Anstand nehmen, seinen Namen öffentlich zu nennen und seine dringende Bitte, „von diesem Schreiben keinen für mich nachtheiligen Gebrauch zu machen" unbeachtet lassen. _ R. Vermischtes, : Ein ewiger Jude. In dem eben erschienenen ersten Heft seiner „Geschichte der Juden in Bayern", .erzählt S. Taußig (S. 64) folgendes Euriosum, Im Jahre 172 t machte ein sonderbarer Vorfall in München, großes Aufsehen. Am 22. Juli kam am Isarthore ein alter Mann an, gebräunten Angesichts, mit gefurchten Zügen und fremdartigem Aussehen. Als er auf Befragen sich dem Thorwächter als den ewigen Juden angab, ließ ihn dieser nicht ein, ohne zuvor die Erlaubniß. vom stävtischen Magistrate erhalten zu haben, und auf geschehene Anfrage verweigerte ihm auch dieser den Eintritt in die Stadt. ‘ Dieser fremde Mann begab sich nun noch selbigen Tages nach Haidhausen, wo er Unterkunft fand und einige Zeit sich dort aufhielt, indem er mit Schmucksachen, Gold und Perlen, die er mit sich führte, Handel trieb. Da sich die wunderbare Mähre von diesem Manne schnell verbreitete, so erhielt er großen Zulauf von Leuten , jeden Standes und Geschlechtes sowohl aus der Stadt München, als aus der nahen und fernen Umgebung. Er erzählte den Leuten, er sei wirklich und wahrhaftig der ewige Jude, Ahasverus mit Namen, ein Schuster aus Jerusalem, welcher den christlichen Religionsstifter verhöhnt und ihm eine kurze Rast auf der Steinbank vor seinem Hause verweigert habe, und deshalb zur Strafe auf der Erde bis zum Ende der Welt herumwandern müsse, und er habe bereits schon siebenmal die Erde ganz durchwandert. Er erzählte ferner die genauesten und ganz unbekannten Geschichten über denselben, die ihm freilich Niemand widerlegen konnte; berichtete auch von seinen Wundern. Die Apostel wollte er alle sehr gut gekannt haben. Alle die albernen Mährchen fanden bei der Menge des zugelaufenen Volkes unbedingten Glauben,.so daß dieser Mann bei seinem Handelsgeschäfte eine gute Speculation machte, indem fast Jedermann von dem „ewigen Juden" etwas besitzen wollte. Auf dem Gästeigberge betrachtete er lang und genau das Krucifix, das noch gegenwärtig daselbst aufgestellt ist, und von dem Hofbildhauer Gabriel Luidl zu München verfertigt worden war. Deshalb befragt, gab. er zur Antwort, , dieses sei allein die rechte- Abbildung des Religionsstifters, das Gesicht und die Länge des. Körpers sei ihm vollkommen gleich. Nachdem.dieser Mann einige- Zeit sein Unwesen getrieben hatte, ohne merkwürdigerweise darin, von der Polizei auch nur im Geringsten gestört worden zu sein, verschwand er eines Tages wieder ebenso, plötzlich als er den Münchnern erschienen war. Wir lesen in den nächsten paar Jahren von dem wiederholten Erscheinen des ewigen Juden am mehreren Orten des Frankenlandes, namentlich in Bamberg und Würzburg; aber dort überall ausgewiesen, verschwand er spurlos nach kurzer Zeit. ___ In einem Bortrage, den der Prof. vr. Ferdinand v. Höchst eit er, eine der bedeutendsten naturwissenschaftlichen Autoritäten, am 3V. Mai d. I. in der Wiener Akademie der Wissenschaften über „die Fortschritte der Geologie" gehalten, spricht derselbe auch über den Ursprung des Menschen, und zeigt die vällige Verwerflichkeit der Affentheorie, ganz ohne diese zu nennen. Er sagt: „Der prähistorische Mensch in'Europa, dessen Gebeine wir aus den Ablagerungen der Quartärperiode zusammen mit Knochen vom Mammuth und Höhlenbären ausgraben, er war von Körper ein Mensch wie wir — nur vorschnelle Beurtheilung einzelner Funde konnte zu anderen Schlüssen führen — von Geist und Gemüth war er ein Kind und ein Wilder von Gesittung; das beweisen uns seine Werkzeuge, seine. Waffen und sein Schmuck. Andere Thiere umgaben ihn und andere Pflanzen, und wahrscheinlich hatte die Erde selbst eine andere Gestalt, ein anderes. Klima. Langsam ist er.aufgestiegen von Stufe zu Stufe, von der Wlldheit zur Barbarei, von der Barbarei zur Civilisätion. Hatte man nicht allen Grund, zu vermuthen, daß der rohe, fast thierische Culturzustand des Urmenschen auch in. seiner physischen Beschaffenheit Ausdruck finde? Der berühmte Neanderthalschädel schien diese Annahme zu bestätigen, allein er wurde von. Virchow als eine pathologische Mißbildung erkannt. Und.. vom Schädel von Engis sagt Huxley, er könne gerade so gut das Gehirn eines Philosophen als das eines stumpfsinnigen Wilden enthalten haben. Kein wesentliches Merkmal.unterscheidet also das Knochengerüste des. europäischen Wilden der Mammuth- oder Renthierzeit von dem hoch civilisirten Europäer der Gegenwart; und doch liegen Jahrtausende und. Jahrtausende der Entwickelung zwischen beiden. Aber diese Entwickelung, sie vollzog sich nicht in einer Formenentwickelung zu neuen Arten und Gattungen, wie im Thierreich, sie manifestirt sich als geistige Entwickelung in einer fortschreitenden Ausbildung des Geistesorganes, in der Vervollkommnung der intellectuellen und moralischen Eigenschaften unseres Geschlechtes. So erscheint uns . der Mensch — die „Krone der Schöpfung" als der Ausgangspunkt einer neuen Entwickelungsreihe. Die Geschichte der Organisation wird' mit ihm zur Geschichte der Civilisätion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.