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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-09-08 · Heft 37 (8.9.1874) · p. Seite 627

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 37 (8.9.1874)
Date
1874-09-08
Page
Seite 627 (sequence 9)
Language
German
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627 . wesenen Redacteur des hier erscheinenden klerikalen czechischen Blattes „Cech"! K. 0. V. Frankreich. Marseille, im August. (Privatmitth.) Einige Jahre hindurch war das Großrabbinat nach dem Tode des sehr verdienten und in rühmlichem Andenken verbliebenen Großrabbiner Cahen unbesetzt und durch den Vorbeter Herrn Vidal verwaltet worden. Nach dem Vorschläge des Consiftoriums von Marseille und dem einstimmigen Beschluß des Central-Consistoriums wurde Herr Jonas Wehl, bisher Gemeinderabbiner zu Nim es, zum Großrabbiner gewählt und am 14. Juni feierlich installirt. lieber diese erhebende Ceremonie ist eine eigene Broschüre erschienen: „Installation de M. le Grand-Rabbin de la circonscriplion consistoriale de Marseille. Marseille 1874.“ Der schöne Tempel war geschmackvoll ausgeschmückt und von einer andächtigen Menge gefüllt, unter welcher sich auch die Spitzen der Behörden befanden. Zunächst verlas der Präsident des Consiftoriums nach einigen Chorgesängen mit Orgelspiel die Wahlurkunden und hielt eine tiefgefühlte Ansprache, in welcher er die Verdienste des verewigten Großrabbiners feierte, dem interimistischen Verweser für seine lobenswerthe Amtsführung dankte und den neuen Großrabbiner, dessen bisherige Laufbahn so viele Erwartungen erregt, herzlich begrüßte. Alsdann bestieg Herr Jonas Weyl die Kanzel und hielt eine ergreifende, begeisterte und begeisternde Predigt, in welcher er besonders die Unterschiede zwischen einem Priester und einem Rabbiner, zwischen einem Rabbiner der alten und der neueren Zeit in den veränderten Bedürfnissen und Anforderungen schilderte, und feierlich versprach, alle seine Kraft auf die Erfüllung seiner Pflichten zu verwenden/ Weihevolle Gebete und Gesänge beschlossen die Ceremonie, welche einen dauernden Eindruck auf alle Anwesenden machte. Italien. Rom, im August. (Privatmitth.). Auch Israel vergißt seine Kinder nicht und beklagt sie, wenn sie irre oder verloren gehen, wie einst Rahel aus dem Grabe bei Bethlehem. Darum interessirt das Schicksal und der Entwickelungsgang des von den päpstlichen Schergen einst mit Gewalt seinen Eltern entrissenen Mortara. Man erinnere sich, daß dies geschah, als der römische Papst über Bologna gebot, auf die Aussage einer treulosen Amme, welche behauptete, den Säugling heimlich getauft zw haben; man erinnere sich, daß die ganze civilisirte Welt darüber empört war, daß die Diplomaten der Großmächte sich für die unglückliche Familie und das gewaltthätig mißhandelte Menschenrecht verwandten, daß aber hierbei Pius IX. zum ersten Male seine wahre Natur zeigte , zum ersten Male sein non pössumus der menschlichen Gesellschaft entgegenhielt. Nun, der Knabe Mortara ist jetzt ein fanatischer Augustinermönch, seine Mutier ist im Jrrenhause gestorben; aber der Papst hat auch seine Herrschaft über Rom, wie über Bologna verloren, und vermag solche Thrten in keinem Gebiete der Erde mehr auszuführen. Daß der fünfjährige Mortara zu einem fanatischen Mönch erzogen und herangebildet worden, ist erklärlich. Schwerer ist es zu begreifen, wie in einer solchen Menschenseele alles Bewußtsein der Gewaltthat, die an ihm und seiner Familie verübt worden, verschwunden, oder vielmehr gar nicht aufgekommen ist. Wie weit geht es, daß alle Logik des Verstandes und alle Geradheit der Gefühle durch dogmatische Spitzfindigkeiten verdrängt wird! Allein es ist noch nicht alle Tage Abend; jetzt schwärmt noch der junge Mensch mit seiner Einbildungskraft und mit dem entzündeten Ehrgeiz. Nicht selten aber wird es mit der Zeit anders; die Schleier fallen und das an die Dunkelheit gewöhnte Auge sieht, was hinter dem Vorhänge vorgeht, und dann rächt sich oft, die gekränkte Natur auf eine furchtbare Weise, doch das überlassen wir der vergeltenden Vorsehung. — Bei Gelegenheit des neulichen Auftretens des Augustinermönchs als Prediger in Paris, enthielten hiesige Blätter einige Notizen über ihn, die wir hier wörtlich wiedergeben wollen. . Der Judenknabe Mortara, dessen Raub durch die päpstliche Behörde einst in ganz Europa besprochen ward, ist im Laufe der Zeit ein junger Mann und Augustinermönch geworden und hat neulich das erste Mal öffentlich gepredigt. Diesen Anlaß benutzt die Gazeta d'Jtalia, um Einiges'von den Schicksalen Mortara's zu erzählen. Er blieb von 1858, in welchem Jahre er seiner Familie entrissen ward, bis zum October 1870 stets in Rom. Die päpstliche Regierung ließ ihm eine sorgfältige Erziehung geben und ernannte ihn, noch in zartem Jünglingsalter, zum lateranensischen Canonicus. Bis 1867 hatte er mit seiner Familie nicht den geringsten Verkehr. Nach dem Gefechte von Mentana trat der Vater, der auf eine baldige Besetzung Roms hoffen mochte, in Briefwechsel mit.seinem Sohne, den die päpstlichen Behörden gnädigst erlaubten. Die Briefe des jungen Menschen verriethen Bildung und schloffen stets mit der Aufforderung an seine Familie, sich zum Christenthume zu bekehren. Die Briefe wurden natürlich, ehe sie abgingen, immer erst von den Vorgesetzten des jungen Mortara gelesen. Nach der Einnahme Noms durch die italienischen Truppen begab sich der Vater in die neue Hauptstadt Italiens, um den Sohn wieder zu holen. Aber zwölf Jahre pfäffischer Erziehung hatten diesen mürbe gemacht, und er wollte nichts mehr von seinem Vater wissen. Der alte Mortara wendete sich nun an die Regierung und bat Lamärmora um Hülfe. Der General gab ihm gute Worte, fand es aber aus Rücksicht für-die Klerikalen, „die man'nicht'erbittern dürfet, gerathen, nicht einzuschreiten. Bald darauf schrieb der junge Mortara von Bologna aus einen Brief an seine Eltern, worin er ihnen anzeigte, daß er fest im christlichen Glauben verharre und sich deshalb nicht mit seiner Familie vereinigen könne. Er ging dann Nach Belgien, und Lamamöra' war früh, durch 37

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