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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-09-08 · Heft 37 (8.9.1874) · p. Seite 626

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 37 (8.9.1874)
Date
1874-09-08
Page
Seite 626 (sequence 8)
Language
German
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626-, ' Oesterreich-Ungarn. Prag, 21..August. (Privatmitth.) Die Zahl der „Czechen jüdischer Confession" in Böhmen nimmt von Jahr zu Jahr in rapider Weise ab; einen eclatanten Beleg hierfür Mieten die letzten hier vorgenommenen Landtagsergänzungswahlen, bei denen in allen czechischen Wahlbezirken, in denen Juden wohnen, die verfassungstreue Partei bedeutendere Minoritäten als in allen früheren Jahren, in einem sogar einen vollständigen Sieg erreicht hat.. Wir sind weit entfernt .davon, diese günstigen Resultate ganz auf Rechnung der hier zu Lande wohnenden Israeliten zu schreiben, auch bei der nichtjüdischen böhmischen Bevölkerung beginnt .sich der Verfassungsgedanke immer mehr Bahn zu brechen, und wenn wir speciell den Anschluß der Juden an die reichstreue Partei hier hervorheben, so geschieht es nur deshalb, weil gerade auf diese Kreise von unseren Oppositionellen die stärkste und nachhaltigste Pression ausgeübt wird und.alle möglichen Mittel versucht werden, um die Juden Böhmens in's reichsfeindliche Lager hinüberzulocken. So wird ihnen von der nationalen Presse Mangel an Patriotismus und Engherzigkeit vorgeworfen, und ihnen die Juden Frankreichs, Hollands rc. entgegengehalten, die sich als Franzosen, resp. Holländer fühlen, während der böhmische Jude nicht böhmisch, sondern deutsch denke. Dabei scheint man jedoch zu vergeffen oder vielmehr vergessen zu wollen^ daß in den oben genannten Ländern sich die nationale Idee mit der Staatsidee nicht nur vollkommen deckt, sondern daß die letztere durch die erstere gerade gefördert und .gestärkt wird; ein französischer Jude, ein halländischer ist dann ein rechter Staatsbürger, wenn er sich ganz als Franzose, ganz als Holländer fühlt, in Böhmen aber, wo die nationale Idee dem Verfassungsgedanken gerade zuwiderläuft und denselben zu untergraben sucht, wäre ein Fraternisiren der Juden mit der nationalen Partei nichts weniger als Patriotismus, es wäre geradezu ein Verrath an der. Verfassung; daß aber die Juden mit den Deutschen gehen, läßt sich daraus erklären, daß die deutsche Partei in Oesterreich die einzige ist, die die Verfassung hoch hält, und daß „deutsch" heute bei uns so viel, wie „gut österreichisch" bedeutet. Wie gut übrigens die Nationalen hier zu Lande ihren jüdischen Gesinnungsgenossen Freundschaft zu entlohnen wissen, zeigt folgendes Histörchen. In dem Städtchen Neubydschow, in welchem eine der ältesten jüdischen Cultusgemeinden Böhmens besteht, stimmten die dort wohnhaften Israeliten bereits dnrch mehrere Jahre mit den . Czechen. Als aber in letzter Zeit, einige Israeliten an den Stadtrath das Ansuchen um Ertheilung des Bürgerrechtes stellten, wurde das Gesuch ohne Angabe der Gründe einfach zurückgewiesen. Uebrigens können sich die Herren von Neubydschow mit dem Gedanken trösten, daß es ihren Gesinnungs- und Glaubensgenossen >in Polen nicht besser geht, wo man jetzt zum Danke für die Creirung der „Polen jüdischer Confession" Vereine zu dem Zwecke organisirt, um den Juden nichts mehr, abzukaufen, und so ihren Handel lahm zu legen, ein , Gedanke, der bei uns in Böhmen nicht nur nicht neu, sondern schon ziemlich verbraucht ist, indem die vielen seiner Zeit zu demselben Zwecke gegründeten Vereine , die den . schönen Namen „Consumvereine" trugen und, von gewisser Seite unterstützt, sich eine Zeit lang erhielten, sämmtlich zu Grunde gingen. V —. Das Gesetz, demzufolge die Anstellung jüdischer Religionslehrer an öffentlichen Schulen von Staatswegen erfolgt, ist bereits zur Durchführung gelangt, und die Honorirung der betreffenden Lehrer vom Staate übernommen worden, demzufolge auch von der hiesigen Cultusgemeinde-Repräsentanz das an dieselbe pro 1873—1874 für den Religionsunterricht gezahlte Schulgeld (bisher wurde die Besoldung der an den Prager Schulen angestellten israelitischen Religionslehrer von der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde bestritten, weshalb ihr auch das von den Schülern gezahlte Schulgeld zukam) an die Schüler der hiesigen Schulen. zurückerstattet wurde. Wir können dieses Gesetz nur mit Freuden begrüßen, da dadurch einerseits dem Lehrer eine von der Gemeinde unabhängige Stellung geschaffen, andererseits aber dem Gegenstände selbst unendlich genützt wird, indem bisher in dem Religionsgegenstande, der für uns Israeliten doch auch als Sprachfach behandelt sein will, theils aus Mangel an tüchtig geschulten Lehrkräften, noch mehr aber aus Mangel einer bestimmten Norm, wie viel wenigstens geleistet werden muß, sowie einer geregelten Ueberwachung und Jnspicirung des Unterrichtes, beispielsweise durch alle Jahrgänge einer Mittelschule weniger geleistet wurde als in einem andern Fache bei gleicher Schüler- und Stundenzahl in zwei Jahren, leider eine Regel, die nur wenig, sehr wenig Ausnahmen erleidet. Jetzt aber, wo der Staat die Verpflichtung der Besoldung der betreffenden Lehrkräfte übernimmt, wird er von seinem seit jeher bestehenden, Rechte, die Leistungen derselben streng zu normiren und zu überwachen, wohl auch Gebrauch machen. (Personalien.) Dr. Zucker, Vertheidiger in Strafsachen, seiner Zeit Docent an der k. k. Universität zu Prag, wurde zum außerordentlichen Professor des österreichischen Strafrechtes an derselben Universität ernannt. Professor Zucker ist nunmehr der siebente Professor an der Prager Hochschule, der einzige jüdische Professor dagegen an der juridischen Facultät daselbst, neben ihm wirkt an derselben von unseren Glaubensgenossen, bloß noch der Docent Dr. Krasnopolski, die meisten jüdischen Lehrkräfte besitzt die medicinische Facultät, drei (außerordentliche) Professoren (Fisch!, Pick, Przibram) und drei Docenten (lw. Schütz, vr. Przibram, Dr. Kisch), die philosophische Facultät zwei ordentliche (Prof. .Lieben und Prof. Hirschfeld) und einen außerordentlichen Professor (Kaempf). . Als Curiofum theile ich noch folgende Ernennung mit: Einen freigewordenen Lehrerposten an der hiesigen deutschen Josephstädter Hauptschule, die nur von Kindern mosaischer-Confession besucht wird, besetzte der hiesige Stadtrath mit dem ge-

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