Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1874)
- Date
- 1874-09-08
- Page
- Seite 623 (sequence 5)
- Language
- German
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Ansichten, Gefühle und Bestrebungen gemeinsam haben. So war es denn auch, und die revolutionären Bewegungen fanden sie in keinerlei Weise, nach keiner Richtung hin sich ausschließend, sondern wie alle Bürger in einer und derselben Strömung sich bewegend und hingeriffen. Daraus kann man ihnen sicherlich keinen Vorwurf machen. Man hatte gegen ihre bürgerliche Gleichstellung in der vorhergehenden Zeit so oft eingewendet, daß sie dem Volke nicht angehörig seien — setzt fand man sie mit dem Volke gänzlich amalgamirt und fabricirte hinterdrein wiederum hieraus einen Vorwurf für sie. Allerdings hatten sie in Deutschland und Preußen und noch mehr in Oesterreich noch ganz besondere Ursachen der Verstimmung. War ihnen doch in Preußen bis zu dem Iudengesetze vom 23. Juli 1847 selbst die Freizügigkeit von einer Provinz in die andere, selbst durch die Gewerbeordnung vom Jahre 1845 noch mannichfaches Gewerbe versagt, hob doch erst das vorhergedachte Gesetz mannichfache Kränkungen, wie die Unzulänglichkeit ihrer Zeugenaussagen in Criminalfällen auf, und verweigerte ihnen dasielbe von Neuem jede öffentliche Laufbahn. In Oesterreich war es noch schlimmer mit ihnen bestellt. Die provinzielle Abschließung war in einzelnen Provinzen bis zu einer fixirteN Matrikelzahl getrieben und selbst in Wien durften sie sich nicht ansässig machen, kaum aufhalten, und noch unterlagen sie in großen Theilen des Staates besonderen Judensteuern. Auch in Ungarn war ihr Loos nicht viel bester, man ließ sie nicht einmal in die Zünfte eintreten. Bei der Cultur,. welche sich die Juden, insbesondere die deutschen, augeeignet hatten, war das Gefühl des Unrechts, das ihnen geschah, und dessen, was sie gu entbehren hatten, sehr lebhaft in ihnen und zu oft hatten sich Stimmen aus dem Volke, namentlich aus den Stadtbehörden in Preußen, zu ihren Gunsten erhoben, als daß das Verlangen nach ihrer Gleichstellung nicht in ihnen selbst das'lebhafteste sein mußte. Zu klar war es ihnen dagegen geworden, daß sie von den Regierungen nichts oder doch nur wenig zu erwarten hätten. Hegten demnach die Juden in der Erlangung der bürgerlichen Gleichstellung ein besonderes natürliches und berechtigtes Motiv, sich der freiheitlichen Bewegung im Volke anzuschließen, so begegneten sie sich doch hierin auch mit anderen Religionsclassen, welche in den verschiedenen Staaten benachtheiligt waren oder sich benachtheiligt glaubten, und die Gleichstellung der Culte bildete sosehr eine der allgemeinen Forderungen, gehörte dabei nach der bereits erlangten Entwickelung der Zeit so sehr zu den selbstverständlichen, durchaus nicht zu den höchstgespannten oder extravaganten Forderungen, daß sie einer besonderen Anstachelung und Thätigkeit, eines besonderen Hervortretens in der allgemeinen Sache nicht bedurfte. Jndeß ist es nicht zu übersehen, daß durch die bestehenden Verhältnisse der Juden ein besonderer Zustand hervorgerufen war, den wir nicht übergehen dürfen. Dadurch, daß den Juden bei der seit fast einem Jahrhundert in ihnen entstandenen Culturbewegung jede öffentliche Laufbahn, jede reale Betätigung des Geistes in einer öffentlichen Wirksamkeit verschlossen geblieben, war bewirkt, daß unter ihnen eine verhältnißmäßig nicht geringe Zahl solcher Individuen sich vorfand, welche; mit der Gabe des Wortes und der Schrift ausgerüstet, dieser jede regelmäßige und die Zukunft sichernde Verwendung abge^ schnitten sahen. Die Einen hatte trotz der ungünstigen Umstände der innere Geistesdrang zur wissenschaftlichen Bahn getrieben, in der sie auf jedem Schritt sich gehemmt sahen, und nicht selten zu einer Vollständigkeit auf derselben nicht einmal gelangen konnten; Andere waren durch die Hoffnung, daß es endlich doch hierin bester würde, darin festgehalten worden, eine Hoffnung, die durch die beständige Ventilirung dieser Frage immer wieder angefacht wurde. Hatte dieses Verhältniß doch schon zwanzig Jahre früher einen Börne und Heine vorzugsweise in die Reihe der Opposition getrieben. Es kann daher nicht auffallen, wenn von derartigen Juden mehrere innerhalb der revolutionären Bewegung sofort hervortraten und einige derselben eine Zeit, lang eine gewisse Rolle spielten. Diese ebenfalls ganz natürliche Erscheinung ist es denn auch, welche später die Reaction zu der Behauptung veranlaßte, daß die Juden die besonderen Urheber und Träger der Revolution im Jahre 1848 gewesen seien. Wir müssen daher hier ein wenig näher in die Details eingehen. Wir sehen dabei sofort von Italien und Frankreich ab, weil sich in diesen Ländern eine besondere Theilnahme der Juden an der ganzen Bewegung anders als im allgemeinen Verhältnisse gar nicht Nachweisen läßt, die Juden in Frankreich auch eher zu verlieren als zu gewinnen hatten. Aber auch Ungarn müssen wir hier hinzugesellen. In Ungarn war die Bewegung eine rein magyarische. Wie diese ihre Spitzen gegen die anderen Nationalitäten richtete, gegen die deutsche und slavische, so schloß sie auch die Juden aus, denen sie, selbst auf Ludwig Koffüth's Betreiben, die bürgerliche Gleichstellung, z. B. das active und passive Wahlrecht versagte. Daß demungeachtet auch unter den Juden die magyarische Begeisterung in manchen Herzen erglühte, daß in der Stunde der Gefahr auch Juden in die Reihe der Honveds traten, auch Juden der Sache des Vaterlandes Opfer brachten, ist sicher und sehr natürlich; eben so sicher ist es aber, daß dies in keiner irgend hervorragenden, aus der Menge hervortretenden Weise geschah. Waren doch im Anfang der Bewegung mit ihr zugleich in Ungarn wie im Elsaß arge Judenverfolgungen aufgetreten, die erst durch Anwendung von Gewalt unterdrückt werden mußten. Wenn daher der Feldmarfchall Fürst Windischgrätz bei seinem Borrücken in Ungarn den Befehl erließ, daß jeder Jude, der als Spion betroffen würde, gehängt, aber auch die jüdische Gemeinde, der er angehöre, mit 20,000 fl. Strafe belegt werden solle, wenn Baron Haynau nach der Unterwerfung Ungarns die Juden, weil sie an der Revolution Antheil genommen, mit einer besonderen Strafe von 3 Millionen fl. belegte: so geschah dies, aus jener Unkenntniß der Verhältnisse, des Landes und des Volkes, welche diese beiden österreichischen Feldherren besonders auszeichnete, und wurde ihr Jrrthum dadurch bekundet, daß bald