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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-09-08 · Heft 37 (8.9.1874) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 37 (8.9.1874)
Date
1874-09-08
Page
Seite 622 (sequence 4)
Language
German
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622 war mit ihrer Lage unzufrieden, und schob den Umstand, daß sie in vielen Zweigen von den Fabriken und Magazinen überflügelt wurde, auf die Gewerbefreiheit. Je eingeschränkter die Aeußerungen über die einzelnen politischen Verhältnisse und Vorgänge waren, desto mehr bildeten sich in den denkenden und wissenschaftlichen Köpfen die Theorien des Liberalismus und der socialistischen Richtung aus und drangen in die Geister zahlreicher Jünger ein. Man weiß, daß solche in den wissenschaftlichen Schulen geschaffenen Theorieen viel eifrigere Anhänger finden, als eine blos allgemeine Gesinnung, die einer -festen Gestaltung entbehrt. Endlich ist nicht zu übersehen, daß die ganze Lehrerwelt mit ihrer Stellung, namentlich zur Geistlichkeit, und ihrer pecuniären Armuth höchst unzufrieden war, und daß sich dieser, wenn auch weniger offen, die niederen Beamtenkreise anschlossen. Eine solche innere Volksbewegung nimmt stets eine rasche und energische Entwickelung, die trotz aller polizeilichen und admninistrativen Beschränkungen tausend Canäle findet, durch welche sie sich Bahn bricht, anschwillt und sich überall hin verbreitet. Immer mächtiger wurde diese Entwickelung, die nun durch halbe Zugeständnisse, wie den vereinigten Landtag und das Religionspatent (1347) viel mehr vorwärts getrieben. als zurückgehalten und eingedämmt ward. —In Oesterreich lagen die Dinge ebenso, in vielen Punkten noch schlimmer. Hier war das Regierungsshstem noch viel unveränderlicher und zugleich unthätiger, der Polizeidruck viel härter und grausamer als in Preußen, dabei die Finanzen in völliger Zerrüttung. Das Abschließungsshstem und die Spionage glichen ehernen Fesseln und ätzendem Gift. Andererseits war Lbie Volksbildung durchaus vernachlässigt und deshalb bei aller Gemüthlichkeit die Brutalität größer. Hierzu kam, daß in dem aus vielen Völkerschaften bunt zusammengesetzten Kaiserstaate überall in den Nationalitäten ein starker nationaler Sinn erwacht war, der den Bestand des Staates äußerst bedrohte und deshalb die Regierung zu immer härteren Maßregeln veranlaßte. Am stärksten war dies in den italienischen Provinzen der Fall, die dem Kaiserstaate das ihm fremdartigste Element hinzugefügt hatten. Endlich war in der kleineren Hälfte des Reiches, in Ungarn, ein reges constitutionelles Leben, das durch die Comitate bis in die kleinsten Kreise seine Wellen schlug, seit alter Zeit vorhanden, rang für sich zu immer stärkerer Entwickelung, und weckte durch sein Beispiel in den andern Nationalitäten das Verlangen ähnlicher Verfassungen. So war bei dem Beginne des Jahres 1848 eine allgemeine Spannung in den Staaten diesseits der Weichsel vorhanden, die nur in einzelnen gutconstitutionellen Staaten bereits ihre geordneten Ventile hatte. Die Entwickelung war rasch und energisch im Volke vorwärts gegangen, während die Regierungen alle Kräfte anstrengten, sie zu hemmen oder doch zu zügeln. Es waren die Völker ganz und gar davon ergriffen, keine besondere Classe mehr als die andere inficirt, selbst der größte Theil derjenigen, welche später als Conservative auftraten, waren in der allgemeinen Strömung nicht frei davon; der Liberalismus führte überall allein das Wort, und die reactionäre Gesinnung wagte sich nur in Staatsschriften und Negierungserlässen zu äußern. Mögen immerhin in der unteren Bolksclasse die Wünsche in politischer und socialer Beziehung noch nicht formulirt zum-Bewußtsein gekommen sein, . hier und da nur eine örtliche oder gewerbliche Gestalt, besonders eine starke nationale Färbung angenommen haben, in der großen gebildeten Masse bis an die höchsten Räche der Kronen heran, war man sich der zu erstrebenden Ziele wohl bewußt. Ueber die Mittel freilich war man sich nicht klar, und eine allgemeine Umwälzung nur eine Ahnung, nicht aber Plan und Absicht. Dachten doch selbst in Paris die Führer der Reformbewegung an keine Revolution, wurden von ihr überrascht und zum Theil sofort verdrängt, wie Odillon Barrot, Thiers u. A., und es war keine bloße Kurzsichtigkeit, wenn der Herr von Radowitz, der preußische Gesandte bei Louis Philipp, die Festigkeit des Thrones desselben einige Tage vor dessen Sturz rühmte. Aber wenn irgend einmal, paßte hier das Gleichniß vom gefüllten Pulverfaß und dem Funken, der es explodiren machte. Dieser Funke entzündete sich in Italien, wo. das unterdrückte Nationalgefühl die einzelnen größeren und kleineren Herrscher aus fremdem Stamme, die nichts als Absolutismus und Druck übten, leicht in die Luft sprengte, durch die Reformzugeständniffe des neuen Papstes Pius IX. entflammt war und am Könige von ^Sardinien, Carl Atbert, eine eifrige Stütze fand. Bon hier sprang das Feuer nach Paris über, wo man den Widerstand der Regierung gegen die, die Abschaffung des Census betreffende Reformbestrebung und in kleinlicher Weise gegen die, wahrscheinlich harmlos verlaufenden Reformbanquette zu bekämpfen dachte, aber bei dem ersten Erfolge kopfüber in die Revolution stürzte. Da brach das revolutionäre Fieber schnell in Deutschland und Oesterreich ein. Es fand das gesammte Volk auf der einen und die furchterfüllten Regierungen auf der anderen Seite, die in ihrem Schrecken, nach einer kurzen Abwehr, die Armeen aus den revolutionirten Hauptstädten abziehen ließen und sich selbst aufgaben, zufrieden, daß die Revolution vor dem Throne stehen blieb. Gerade weil das gesammte Volk mit allen seinen Schichten in die Umwälzung eingetreten, dachte in Deutschland, Preußen und Oesterreich Niemand ernstlich an eine Republik, und eine republikanische Partei existirte nicht. Soviel steht also fest, daß das Verlangen nach einer völligen Umwälzung der politischen Zustände das ganze Volk, der socialen Verhältnisse große Kreise des Volkes völlig eingenommen Hatte, so daß von einem besonderen revolutionären Elemente gar nicht die Rede sein kann, sowie daß 'die wirkliche revolutionäre Bewegung von Italien und Frankreich ausging^ Welchen Antheil nahmen nun die Juden hieran? Ueberall dem Volke angehörig, mußten sie selbstverständlich die Gesinnungen, Bedürfnisse und Wünsche des Volkes theilen. Sie gehörten allen Schichten dieses Volkes an, und mußten so mit diesem alle die Wandelungen der

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