Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1874)
- Date
- 1874-09-08
- Page
- Seite 621 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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621 too unter 20 Millionen nur 30,000 Juden wohnen, zerstreut über den größten Theil der Halbinsel, war bereits seit sechszig Jahren die Sehnsucht nach Befreiung von der Fremdherrschaft und den fremden Herrschern und nach der Vereinigung der ganzen Nation in einen einheitlichen Staat in allen Schichten des Volkes glühend heiß, und: Niemandem kann es einfallen, in den kleinen jüdischen Gemeinden, die unterdrückt und zum Theil in großem Elend, eben nur um ihre Existenz rangen, die Hebel der Revolution zu suchen. Kaum daß hier und da ein jüd. Individuum sich schüchtern bemerklich machen konnte. In Frankreich dagegen genossen die Juden unter dem Juli-Königthum der vollsten Gleichstellung; ihr Cultus war völlig gleichberechtigt und wurde vom Staate wie die anderen erhalten. Sie hatten sich über nichts zu beklagen, aber, sehr viel von einer Revolution zu fürchten, wie denn im Elsaß sofort Judenverfolgungen eintraten, Synagogen zerstört und Individuen mißhandelt wurden. Hatten sie also im Staate gar keine besonderen Jntereffen, waren sie schon durch ihre kleine Anzahl (unter 40 Millionen 90,000, von denen 56,000 in Elsaß und Lothringen auf keiner bedeutenden Culturhöhe standen), zu einer hervorragenden Stellung gar nicht befähigt, so war es eine Zufälligkeit, daß auch ein Jude, Crämieux,. in die provisorische Regierung eintrat und ein anderer, Goudcheaux, Finanzminister wurde, Beide ohne nachhaltige Wirksamkeit und für eine kurze Zeit. Ein Beweis des Zufälligen, d. h. des Mangels jeder principiellen Bedeutung liegt darin, daß Cr6micux auch 1870 in die Septemberregierung eintrat, was ein Zeugniß für den persönlichen Charakter des Mannes abgiebt, für den Werth, den man seiner Persönlichkeit beilegte, aber weiter nichts. In Frankreich waren es zwei Elemente, welche die Februar-Revolution zum Ausbruch brachten: die Reformbestrebungen gegen den hohen Census und die socialistischen Bestrebungen, welche ihren eigentlichen Sitz in Frankreich und den Boden desselben unterwühlt hatten. Beide Richtungen kamen daher auch bald zum blutigen Conflict, und führten dadurch den Sturz der Republik herbei. Für beide Richtungen konnten die Juden ein particuläres Interesse nicht haben, vom Socialismus waren sie gerade so bedroht, wie alle anderen Elasten der Gesellschaft. Unter dem Census waren sie gerade so gestellt, wie alle ihre Mitbürger, und in der Deputirtenkammer saßen einige Juden. In der That ist auch wever in Italien noch in Frankreich die Behauptung aufgetreten, daß die Inden irgend einen besonderen Mtheil an der Februar-Revolution gehabt hätten. Anders in Deutschland und Oesterreich, und dies wollen wir jetzt etwas näher untersuchen. II. Man kann das Jahr 1848 nicht verstehen, wenn man nicht einen Blick auf die ihm vorangegangene Zeit wirft. Mit der Revolution von 1789 war in Frankreich der Absolutismus, den Ludwig XIV. ausgebildet und seitdem alle europäischen Continentalftaaten angenommen hatten, gebrochen worden und an dessen Stelle trat der Constitntionalismus, der sein Muster von England entlehnte, auf dem Continente aber mit irgend welcher genau formulirten Verfassung auftrat, wie sie England nie gehabt. Seit dieser Zeit der Kampf zwischen diesen beiden so wesentlich entgegengesetzten Staatsformen. Der Imperialismus Napoleons stellte denAbsolutismus wieder her; aber die Bourbonen kamen mit der Charte und selbst die deutsche Bundesacte verhieß constitutionelle Verfassungen. Doch nur in einigen wenigen deutschen Staaten kam dieses Versprechen, und zwar in bescheidenem Maße, in Erfüllung. In Frankreich selbst strebten die Royalisten, die Constitution zu einem bloßen Scheinwesen zu verwandeln; doch als Karl X. kräftige Schläge gegen dieselbe versuchte, brach sein Thron zusammen. Die Juli-Revolution hatte zwar in den deutschen Staaten, in Preußen und Oesterreich, keine sichtbaren Folgen, hatte aber dennoch in den Geistern eine große Umwandlung bewirkt. Der patriarchalische Sinn, der im deutschen Volke bis dahin obgewaltet, wich dem erwachten politischen Bewußtsein, und hiermit dem Verlangen nach freierer Bewegung und besonders nach einer Volksvertretung. Desto straffer zogen die absolutistischen Regierungen die Zügel an und verstärkten die polizeilichen Maßnahmen und' ein strenges Strafrecht. Allein hierdurch wurde das erwachte Streben nach größerer politischer Freiheit nicht unterdrückt, vielmehr geschärft, und in manchen Geistern zum Fanatismus erhoben. Mit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. (1840) wurde dieses Verlangen zu großen Hoffnungen entzündet. Der Liberalismus nahm in allen Kreisen und Schichten des Volkes Platz, mit Ausnahme der eigentlichen Negierungskreise, selbst ein großer Theil des Adels blieb nicht frei. Während aber diese und jene Handlung des neuen Königs eine liberale Regierung anzuzeigen schien, erwiesen sich bald alle Hoffnungen als eitel; die Preffe, das Vereins¬ und Versammlnngsrecht blieben unter denselben drückenden Beschränkungen, der religiösen Bewegung wurden nur scheinbar Zugeständnisse gemacht, die Gleichstellung der Culte schritt nicht vorwärts, und selbst die Lösung der sog. Kölner Wirren befriedigte die Katholiken nicht. Dabei war durch die Gründung des deutschen Zollvereins dem nie ganz verstummten deutsch-nationalen Geiste neue. Nahrung zugeführt worden, und je weniger die deutschen Einzelstaäten den Bolkswünschen entgegen kamen, vielmehr den Bundestag noch dazu benutzten, sie zu unterdrücken, desto mehr knüpfte sich der Gedanke liberaler Staatseinrichtungen an die Herstellung eines deutschen Reiches. Hierzu kam nun noch eine wachsende Unbehaglichkeit in den gewerblichen Verhältnissen. Socialistische Ideen waren bereits über den Rhein gedrungen, und wo dies nicht der Fall war, waren die Verhältnisse zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern noch so ungeordnet und zum Nachtheil der Letzteren gestaltet, daß die Unzufriedenheit in der Arbeiterclaffe anwuchs. Auch die zahlreiche Clässe der 1 Handwerksmeister, die zum großen Theile den Mittelstand bildete, 37*