Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1874)
- Date
- 1874-09-08
- Page
- Seite 620 (sequence 2)
- Language
- German
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punkte und Impulse in dem vielgeschmähten Jahre erhalten hat. Im Wesentlichen wird hierdurch jene Zeit des Jrrthums und der Fehlgriffe freigesprochen, die man ihr so lange zugeschrieben hat, und hierdurch wird man im Stande sein, unparteiisch auch über die Auswüchse und 'Verbrechen, mit einem Worte über den Charakter dieses Jahres urtheilen zu können.' Wir sagen „können", wenn man es will, wenn man es beabsichtigt und anftrebt. Man wird einwenden, daß die Zeit dieser Erfüllung noch eine zu kurze sei. In der That kann man sie erst seitden Ereignissen von 1870 und 1871 herdatiren. Einen Erweis, wie dies vor den genannten Jahren nicht möglich war, bietet uns ein uns vorliegendes Werk, der im Jahre 1865 erschienene zweite Theil der „Geschichte Oesterreichs, seit dem Wiener Frieden 1809" von Anton Springer, .welcher zweite Theil „die österreichische Revolution" behandelt. Der Verfasser ist durchaus nicht parteiisch gesinnt; er bemüht sich vielmehr, mit großem Fleiße die Thatsachen aus dem überreichen Material nach ihrer Wirklichkeit darzustellen; er sucht sich über die Parteien zu erheben; aber er steht im Jahre 1864, hat keine Ahnung von dem, was 1866 und 1870 bringen sollten, und dies, führt ihn zu einer absprechenden Kritik, zu einer durchweg ironischen Beurtheilung der 1848 vorherrschenden Ideen und ihrer Träger, die für uns bereits den Werth dieser Arbeit sehr vermindert. Was Springer als Utopie, als Träumerei, als Verirrung bespöttelt, ist seitdem zum Fundament für Oesterreich und Deutschland geworden, auf dem jetzt das ganze Gebäude dieser beiden großen Reiche besteht. Nun haben sich allerdings seitdem wieder große Streitfragen erhoben; man kann noch großen Kämpfen und Stürmen entgegensehen; es können im Lause der Zeiten, durch den Wandel der Verhältnisse noch manche bedeutende Veränderungen eintreten. Dies alterirt jedoch die Thatsache nicht, als welche wir jetzt die Ziele des Jahres 1848 erfüllt sehen, und was sich auch noch entwickeln möge, wird sich immer nur an diese Thatsache anknüpfen können. Auch das behaupten wir nicht, daß nunmehr eine unparteiische Beurtheilung des Jahres 1848 die unbedingte Oberherrschaft erlangen werde; es werden der Versuche des Gegentheils noch viele geschehen. Gerade deshalb müssen die Freunde der Wahrheit und der richtigen Erkenntniß soviel wie möglich die Sichtung des Materials vornehmen und die vielen Vorurtheile zu klären versuchen, welche aus der Fluth der damaligen Erscheinungen und Ansichten sich verbreitet haben. Als die Reaction ihr Haupt wieder zu erheben begann, war es einer ihrer Lieblingsaussprüche, alle revolutionären Bewegungen wären nur non einem Haufen Franzosen, Polen und Juden angezettelt und ausgeführt worden; man verbreitete sogar die lügenhafte Behauptung, daß in den Taschen gefangener oder gefallener Arbeiter viel französisches Gold gefunden worden sei. Es ist hier nun unsere Sache durchaus nicht, über das Recht oder Unrecht revolutionärer Bewegungen überhaupt und dieser insbesvndere zu ürtheilen. Haben wir uns doch schon mehrfachen Tadel zugezogen, als wir behaupteten, daß Revolutionen den gesunden,Verlauf der Entwickelung unterbrechen, stören und verhindetn. Es kommt uns nur-darauf an,? auf die Unrichtigkeit jener reaktionären Beschuldigungen hinzuweisen. Gerade die französische. Republik des Jahres. 1848 hat an. eine revolutionirende Einwirkung auf andere Völker am wenigsten gedacht, am wenigsten hierfür Emissäre ausgesendet. Es mischten sich in die Februarrevolution sofort so starke focialistische Elemente, daß die Mehrzahl der Franzosen vor ihrem eigenen Werke erschrak, ihre Republik so bald wie möglich zu Grabe zu tragen suchte und dem Prinz - Präsidenten starke Hand lieh, die römische Republik durch ein französischest Heer niederzuschlagen und den Stuhl Petri wieder herzustellen. Andrerseits weilt stets eine verhältnißmäßig so geringe Anzahl Franzosen in andern Ländern, daß an eine unmittelbare Einwirkung derselben auf deren Bevölkerung gar nicht zu denken ist. Ebensowenig kann man den Polen einen irgend bedeutsamen Antheil an den revolutionären Bewegungen, an den Aufständen und Tumulten jenes Jahres zufchreiben. Wenn auch in den vorhergegangenen letzten Jahren eine Art Mitleid mit ihnen, namentlich durch den Proceß in Berlin, verbreitet war, so überwand dieH doch die Spannung zwischen Deutschen und Polen niemals; man mochte sie bedauern, fühlte sich doch zu sehr im Gegensatz zu den Polen, als daß man ihnen hätte irgend einen Einfluß einräumen wollen. Auch trat schon nach den ersten revolutionären Bewegungen der Widerspruch, ja die Feindseligkeit zwischen Deutschen und Polen so stark hervor, daß das deutsche Volk gegen die letztern auf Seiten der Regierungen sowohl in Berlin als in Wien stand, wenn sich auch in letzterer Stadt im Oclober dieses Verhältnis etwas änderte. Dafür war Galizien eine zu große Provinz für Oesterreich, während der polnische Theil von Posen und Oberschtesien für Preußen eine nur ge-' ringe Bedeutung hatte. Es konnten sich daher nur verzettelte polnische Personen in die Aufstände mischen, ohne einen besonderen Einfluß darauf zu üben. Selbst in Ungarn war dies der Fall, wo man nur in der äußersten Gefahr eine polnische Legion zuließ und sie bald wieder auflöste. Es bleiben also nur die Juden übrig, deren Antheil an den revolutionären Bewegungen in überschwenglicher Weise betont wurde. Dies auf das rechte Maß zu bringen, ist der Zweck, den wir in diesem Aufsa'tze verfolgen. Wir brauchen aber wahrlich nicht erst festzustellen, daß die revolutionäre Bewegung des Jahres 1848 weder in ihren Anfängen noch in ihrem Verlaufe von irgend einer besonderen und kleineren Classe der Bevölkerung ausgegangen und getragen worden, daß es vielmehr alle Classen und Schichten in den Völkern waren, welche sich in ihr erhoben und sich ihr anschlossen. Sehen wir ab von der Schmach, die durch die entgegengesetzte Meinung auf die Völker, die aufstanden, und auf die Fürsten, die zurückwichen, fällt, so widersprechen ihr alle Thatsachen. In Italien,