Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1874)
- Date
- 1874-09-01
- Page
- Seite 613 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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dem mittelalterlichen Borurtheile befangen waren, und wie sie, die sonst kein Borurtheil kannten, gerade hier der Intoleranz und Inhumanität das. Wort redeten. Um so erquickender und wdhlthuender muß es uns berühren, auch in jener. Zeit rühmliche Ausnahmen zu finden, und sind diese auch im Allgemeinen nur sporadisch vorhanden, da der Obscurantismus gegen jeden Lichtfreund seinen Geifer sprühte — wir erinnern hier nur an den Freund Mendelssohns, Lesfing — so sind es immerhin Lichtpunkte in der Nacht der Voreingenommenheit, welche das Auge immer wieder und wieder mit Wohlgefallen aufsucht. Solch einen Lichtpunkt bietet uns ein Erfurter Geistlicher, Namens Lossius. Dieser hatte sich bereits durch seine in alle lebenden Sprachen übergegangene Erzählung: „Gumal und Lina", einen berühmten Namen erworben, und war sein Urtheil bis auf die weitesten Kreise von Gewicht. Im Jahre 1789 schrieb er sein Buch: „Theodors glücklicher Morgen", über welches wir Heute kurz referiren. Beim Aufschlagen dieses Buches ist es uns, als wenn wir einen Blumengarten betreten, dessen Farbenpracht nicht nur unser Auge angenehm berührt, dessen Duft uns auch in seinen erhabenen Ideen wahrhaft erquickt. Solche Ideen in dieser Weise vorgetragen, charakterifiren unseren Lossius. In seiner kurzen, aber prägnanten Vorrede sagt der Autor über die Tendenz feines Buches: „Der Verfasser ist ein ganz unverwickelter gerader Mann. Er sah um sich her viel Unheil, wie Du, und fand die erste Quelle davon, wie Du. Während daß die Ideenassociation dabei mit ihm ihr Wesen trieb , begleitete. er in Gedanken ein Fürstenknäblein — oder wenn Du lieber willst, den Erbprinz Theodor von der Wiege bis zum Fürstenstuhle; und das, was seiner Meinung nach unterweges an selbigem gethan und mit selbigem gesprochen werden mußte, steht in diesem Buche geschrieben. — Und was er in seinem Buche schreibt, könnte - manchem Fürstenerzieher heute noch zum glänzenden Borbilde dienen. Vor Allem führt uns der Verfasser in ein Ländchen, das durch die Gewissenlosigkeit seiner Fürsten dem gänzlichen Verfalle nahe war. Da besteigt der edle Fürst Adolph den Thron. Dieser Regent macht es sich zur höchsten Aufgabe, seinem Lande wieder aufzuhelfen, welche" Aufgabe er denn auch nach und nach herrlich erfüllt. Er fördert Handel und Gewerbe, pflegt die Wissenschaft, nimmt ihr das unzeitgemäße Gewand, führt die freie Forschung ein, proclamirt die Gewissensfreiheit, macht alle Culte vor dem Gesetze gleich und räumt vorsichtig, aber sicher die Hindernisse aus dem Wege, welche sein. Streben durchkreuzen könnten. — Da regen sich denn die Finsterlinge und setzen alle Hebel in Bewegung, um das Land gegen das Licht abzusperren. Diese Partei wird durch den Generalfuperintendenten des Landes und den alten Geheimrath Zensdorf, einen sonst tüchtigen und verdienstvollen Beamten, repräsentirt. Zu diesen gesellt sich im Bunde die bigotte Prinzessin Anna, welche in ihrem Palais täglich, mehrere, Male Betstunden veranstaltet und die edlen Absichten Adolph's zu paralysiren sucht. Ja, man geht so weit, den Fürsten in den Augen des Volkes zu verdächtigen, als wolle er alle Religion aus dem Lande verdrängen. — Ihren höchsten Grad erreicht aber bie Wuth der Obscuranten, als Fürst Adolph'im Vereine mit seiner edlen Gattin Ulrike dem jungen Erbprinzen Theodor eine freisinnige Erziehung durch den von den Ersteren bitter gehaßten, weil kenntnißreichen und humanen Hofrath Rothe angedeihen ließen. Der junge Prinz sollte, im Gegensätze zu der damaligen Anschauung, in keiner positiven Religion unterrichtet werden er sollte nur das kennen lernen, worauf alle Religion basirt — Gott, und zwar aus dem gestirnten Himmel. Die Kenntniß von der Allmacht Gottes sollte ihn unbewußt zur Anbetung des Höchsten führen, den alle Menschen verehren; endlich sollte sein Herz so gebildet werden, daß er einen natürlichen Abscheu und Ekel gegen das Böse, und daß er das Gute um seiner selbst willen üben sollte. Die Würde des Menschen, sollteer kennen und schätzen lernen, und sollte ihm die Pflicht einen jeden Menschen ohne Unterschied des Glaubens zu lieben und ihm mit Rath und Thal beizustehen tief in's Herz geschrieben werden. Erst nachdem er so vorbereitet sein würde, könnte er auch das Christenthum kennen lernen. Als der alte Zensdorf eines Tages von dem edlen Fürsten verlangt, der junge Erbprinz solle öffentlich ein formelles Glaubensbekenntniß ablegen, erhält Ersterer zur Antwort: „Meinen Gedanken nach kann ein Erbprinz sein Glaubensbekenntniß nicht eher auf eine für sein Volk überzeugende Weise ablegen, als bis er zur Regierung kommt. Da, da sehen die Unterhanen seinen wahren und eigentlichen Glauben in seinen Werken. Dies Glaubensbekenntniß soll er nicht bloß auf eine Stunde, sondern lebenslang ablegen, und dann soll mein Volk einmal sehen, nicht hören, sondern sehen, wie so herrlich 'er bestehen werde."— Auf die -Frage Zensdorf's: Ob denn auch der Erbprinz in die Kirchen gehen werde? antwortet der freisinnige Fürst: „Ja, in alle. Es soll auch nicht eine einzige Partei oder Sekte, die ich dulde, sein, mit welcher er nicht zuweilen Gott anbete." Zensdorf: „Aber, gnädigster Herr, da könnte er ja leicht Irrlehren ausnehmen — --" Adolph: „Darüber feien Sie unbesorgt. Es soll gewiß Nichts an ihm haften, was dem Glauben, den er nun hat, entgegen ist. Aber — Alles hören und geglaubt werden lassen, soll er können. Sogar in den Judentempel soll er jährlich einige Mal gehen." Zensdorf : „Ach, Ähre Durchlaucht, das wäre zu viel Ehre für dieses ungläubige Volk, wenn der künftige.christliche Fürst ihrem von Gott selbst verworfenen Gottesdienste beiwohnte." Adolph: „Sagen Sie. mir doch — beten denn diese Ungläubigen nicht für ihn? Warum lassen wir sie denn-öffentlich beten für ihn und für mich, wenn Gott ihr Gebet ein-für allemalverworfen. hätte,?- Geben sie denn nicht Schutzgeld dafür.