Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1874)
- Date
- 1874-09-01
- Page
- Seite 609 (sequence 9)
- Language
- German
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genannte Gebäude verlegt werden soll, so ist auf Michaeli v. Ii der Gemeinde der Miethvertrag gekündigt worden. Inhalts desselben hat indessen die Gemeinde das Recht, die Synagoge noch ein ferneres Jahr gegen einen ermäßigten Miethzins in Benutzung .zu behalten, bis zu welcher Zeit dann für ein anderes Betlocal Rath geschafft werden muß. Posen, im Juli. (Privatmitth.) In den hier erscheinenden „Familienblättern" giebt Dr. Landsberger einen „Versuch einer Posener Statistik", aus dessen fünftem Artikel wir einige Notizen entnehmen wollen. Während an der Gesammtbevölkerung Preußens die Juden nur mit 1,2, an der Bevölkerung unserer Provinz mit 4,6 pCt. theilnehmen, kommen in unserer Stadt nicht weniger als über 14,2. pCt. auf sie, und in früheren Jahren waren sie relativ noch zahlreicher. Man zählte nämlich in Posen: Civileinwohner evang. kath. jüd. 1804: überhaupt 45,143 wovon 14,835 22,927 7372 1877: - 46,821 - 15,236 24,545 7040 . 1871: - 50,272 - 16,271 26,793 7145 Abgesehen von der verschwindend kleinen Zahl der Griechen, Menoniten und Dissidenten bestand sonach die Bevölkerung 1864: 1867 : 1871: im Durchschnitt: aus 32,8 32,4 32,z 32,5 pCt. Evangelischen, - 50,7 52,4 53,2 52,i - Katholiken, - 16,3 15,i 14,2 15,2 -- Juden. - 99,8 99,s 99,7 99,8 Setzen wir diese Zahlensprache in Worte um, sv bedeutet sie: die evangelische Bevölkerung Posens hat an dem Wachsthum der Stadt ziemlich gleichmäßig theilgenommen und sich nur um kleine Bruchtheile von dem mittleren Procentsatz entfernt; die katholische Bevölkerung ist an absoluter, wie relativer Stärke am beträchtlichsten gewachsen; die jüdische endlich ist in einer stetigen Verminderung begriff e n. Die Deutschen sind also dasconstanteste Element unserer Bevölkerungsziffer. Vergleichen wir diesem Resultate gegenüber die Antheile, welche die verschiedenen Confessionen an den Ueberschüffen der Geburten über die Todesfälle genommen haben, so stoßen wir auf merkwürdige Widersprüche. Jener Ueberschuß beträgt nämlich für das Jahrzehnt 1864 bis 1873 bei den Juden 714, bei den Evangelischen (trotz ihrer doppelt so starken Zahl) nur 82, und geht bei den Katholiken sogar in das sehr beträchtliche Minus von 540 über. Sonach müßte an dem Wachsthum der Bevölkerung den Juden die relativ größte Betheiligung nachzuweisen sein. Da es sich aber genau umgekehrt verhält, so muß bei den Juden die Einwanderung sehr beträchtlich hinter der Auswanderung Zurückbleiben, bei den Katholiken dagegen aufs Stärkste überwiegen, während bei der evangclische n Bev-ölkerung Zu- und Abzug sich fast die Waage halten. Für Jeden, der unsere Stadt näher kennt, liegt die Uebereinstimmung dieses Schlusses mit den thatsächlichen Verhältnissen auf der Hand, und unseren Ortsbehörden ist es längst bekannt, daß beinahe die Hälfte aller Auswanderungspässe von Juden verlangt werden. Hierbei ist nun wohl zu bemerken, daß auch in Posen der früher völlig verkannte Satz statistisch sich erwiesen hat, daß nämlich bei den Juden die Fruchtbarkeit geringer als bei den Christen, die Lebensdauer aber viel größer ist, während man früher die Juden für den fruchtbarsten Theil der Bevölkerung hielt und ihr Wachsthum daraus erklärte. Dieses Vorurtheil ist jetzt aller Orten widerlegt. Es wurden 'in der evangi Bevölkerung geboren 3,05 pCt. und es starben 3,66 pCt. kathol. - - 4,iv - - - - 4,36 - jüdischen - 2,so - - - - 1,66 - Es kommt im vergang. Jahrzehnt 1 Geburt auf 26,7 Einw., 1 Todesf. auf 27,6, bei den Evangelischen 1 - - 26,g - 1 - - 27,4, - - Kathol. schon 1 - - 24,i - 1 - - 22,s, - - Juden erst 1 - - 37,4 - 1 - - 59,o. In dem Cholerajahre 1866 und bei der 1871 von den französischen Gefangenen eingeschleppten Pockenepidemie hatten die Juden den geringsten Theil an Opfern, so daß beide Male die Juden selbst Ueberschuß der Geburten über die Todesfälle hatten, während bei den Katholiken und Evangelischen die Zahl der Sterbefälle die der Geburten weit übertraf. Memel, 20. August. (Privatmitth.) Bon hier erhält die Redaction folgenden gedruckten Aufruf: „Ein feierlich-heiliger Act, wie er in Deutschland seit Gott weiß wie lange nicht mehr vorgekommen ist und Gott weiß wann wieder Vorkommen wird, vereinigte heute um 10 Uhr eine sehr große Zahl hiesiger und auswärtiger Glaubensgenossen. Eö war die Grundsteinlegung zu einem neuen Beth-Hamidrasch. Das bisher zu diesem Zwecke gemiethete Local war zu eng und zu dumpf, ein anderes passendes war nicht zu finden — wir waren, wohl oderübel, zu diesem Neubau gezwungen. Bis zu diesem Augenblicke waren wir durchaus nicht Willens unsere lieben deutschen Glaubensgenossen um materielle Beihilfe zu diesem heiligen Werke zu bitten; sie haben an uns schon unendlich viel gethanin Hungersnoth, in Krankheiten, bei Brandunglück haben sie mit großen Geldsummen uns unterstützt und durch ihre milden Beiträge haben wir hier ein Krankenhaus errichtet, eine Anstalt, die dem Werthe einer „rettenden That" für die armen Kranken der nahen russisch-jüdischen Grenzbevölkerung gleichkommt. Allein wir mußten bald inne werden, daß, wenn der heilige Bau nicht ganz m's Stocken gerathen oder doch nur so nothdürftig, gar nicht mehr seinem Zwecke entsprechend, ausfallen solle, wir die milde und fromme Gesinnung unserer vermögenden deutschen Glaübensbrüder anrusen müßten. Die russisch-israelitischen Glaubensgenossen am