Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1874)
- Date
- 1874-09-01
- Page
- Seite 606 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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. will,das allen naturwissenschaftlichen Beobachtungen gegenüber aufrecht erhalten werden müßte. Warum construirt sie nicht ebenso aus dem ersten Capitel Kohelet's ein unabänderliches System, der Meteorologie? Warum bindet sie die naturhistorischen Beobachtungen. nicht an die letzten Capitel des Buches Hiob? Mit allem diesem überschritte die Religion ihr Gebiet und deffen Grenzen und legte dem Menschengeiste unberechtigte Fesseln an! Wir wünschen aufrichtig, daß diese gedrängte Darstellung von den Naturforschern und den Theologen Berücksichtigung und dauernde Nachfolge erhielte — es würde damit ebenso der Naturwissenschaft wie der Religion der wesentlichste Dienst geleistet und beiden tiefeingreifende Befeindung erspart werden. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 18. August. „Geschichte der Juden in Bayern. Nach gedruckten und ungedruckten Quellen dargestellt von S. Teßig. I. Heft. 1. Einleitung; 2. München. München, 1874." In der neueren Zeit sind überall die Archive zugänglicher und der Gebrauch der öffentlichen Bibliotheken erleichtert worden. Die Erforschung d.er historischen Thatsachcn bis in's Einzelste wurde hierdurch außerordentlich belebt. Man hatte auf allen Gebieten Gelegenheit, neue Thatsachen an's Licht zu bringen und altbekannte zu berichtigen. Es häufen sich daher die Monographien für jeden Zweig der Geschichte, und es ist nicht zu verwundern, Paß dies .auch für die Geschichte der Juden während des Mittelalters und der neueren Zeit bereits geschehen ist und fortwährend geschieht. Diesen schließt sich auch das vorliegende Werk an. In der Einleitung entwirft der Verfasser ein allgemeines Bild der äußeren Berhältniffe der Juden im Mittelalter und des Verlaufes.derselben. Wir erfahren allerdings nichts Neues daraus, aber der Berfaffer bringt für jeden einzelnen Zug einen faktischen Beleg heran, und giebt hier manches bisher Unbekannte und Interessante. Hieran reiht sich die Geschichte der Gemeinde München bis zur neuesten Zeit. Der Verfasser hat die Quellen fleißig studirt, emsig benutzt und versteht es, die Darstellung einfach und lichtvoll zu halten. Das zweite Heft soll die Geschichte der Gemeinde von Augsburg mit ihren sehr interessanten Nachbargemeinden und Negensburg enthalten. Wir können nur den dringenden Wunsch aussprechen, daß diese Fortsetzuug recht bald erscheine. — „Geschichte der Juden in Mecklenburg von den ältesten'Zeiten (1266) bis auf die Gegenwart (1874); auch ein Beitrag zur Culturgeschichte Mecklenburgs. Nach gedruckten und ungedruckten Quellen von l)r. L. Donath. Leipzig, Oskar Leiner, .1874." Was man auch über Mecklenburg denke und sage, ein interessantes Land ist es immerhin gerade durch seine Eigenart. Obfchon daher die Juden in diesem Lande niemals eine imposante Zahl erreichten, so bleibt uns das Geschick derselben doch eine Frage, die unsere Theilnahme erweckt. Dem Verfasser wissen wir Dank, diese in ausgiebiger und befriedigender Weise beantwortet zu haben. Die Juden kamen erst spät in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts nach Mecklenburg, und den Grund hierfür giebt der Berfaffer in seiner kurzen Einleitung so an, daß, weil von allgemeiner culturhistorischer Bedeutung, wir seine Worte hier anführen: „Bis um die zweite Hälfte des zwölften Jahrhunderts hausten in den Gauen des heutigen Mecklenburgs die wilden Slavenstämme der Oboteiten Leutitier, heidnisch in ihrem Glauben, roh und barbarisch in ihren Sitten, die Agricultur nur sehr nothdürftig pflegend, ohne nennenswerthen Handel und Gewerbe, am liebsten ein zügelloses Frei- Leuterleben auf der benachbarten Ostsee führend. Das jüdische Volk aber hat stets nur da seinen Wohnsitz aufgefchlagen, wo bereits ein gewisser Grad von Cultur und Gesittung herrschte. Ein noch in die dichteste Finsterniß des Barbarenthums gehülltes Land, wohin auch nicht der leiseste Strahl der Civilisation gedrungen war, konnte auf dasselbe keine Anziehungskraft ausüben, da hier kein Schauplatz für seine Entwickelung und Thätigkeit war, wenn es . auch vielleicht in heidnischer Umgebung auf größere Toleranz und Gastfreundschaft rechnen durfte, als in christlichen Ländern, welche alle Pfeile ihres Grimmes und Zornes gegen dasselbe lossandten. So lange daher die Wenden, die Diener des, Kriegsgottes Radegast, die das Seeräuberhandwerk allen friedlichen Beschäftigungen vorzogen, Bewohner des Landes waren, fanden sich keine Söhne Judas ein. Als aber die Christianisirung und Germanisirung des Landes in den letzten Jahrzehnten des zwölften Jahrhunderts mit Riesenschritten vor sich gingen und es zu einem integrirenden Theil deutscher Nation machten, wo Pflugschaar und Sense fleißig gehandhabt wurden, und auch Handel und Gewerbe einen Aufschwung zu nehmen anfingen, da lenkten die Juden aus den altdeutschen Landen, wo sie bereits, namentlich während der Kreuzzüge, den Haß und Fanatismus der Christen auf's Bitterste und Grausamste empfunden hatten, ihre Schritte nach dem jungen Germanenland; vielleicht in, der Hoffnung, in dem Lande, das eben die Taufe erhalten und vom Fanatismus noch nicht so durchwühlt war, eine sichere und friedlichere Zufluchtsstätte zu finden." Die Geschichte der Juden in Mecklenburg trennt sich von selbst in zwei Perioden, in die von der ersten Einwanderung (ungefähr 1266) bis zu ihrer Verbannung (1492) (also in demselben Jahre wo die Vertreibung aus Spanien stattfanv!) und in die der neueren und neuesten Geschichte (1679—1874.) Ganz fachgemäß behandelt der Verfasser die erste Periode nach den einzelnen Ortschaften, da hier jede Gemeinde ihre eigenen Schicksale durchlebte; er giebt uns also die Geschichte der Juden in Wismar, Rostock, Parchim, Krakow und Güstrow, Boizenburg u. s. w. und endlich in Sternberg. Von ihrer zweiten Einwanderung an hatten sie ein gemeinsames Geschick, da es sich zumeist um ihre gesetzliche Stellung handelte, worüber die Acten ausführlich nutgetheilt werden. Der