Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1874)
- Date
- 1874-09-01
- Page
- Seite 605 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Stärkeren zw schützen 5 in der Natur ist der Stärkere darauf angewiesen vom Schwächeren zu existiren. Noch mehr. Zur Ergänzung und Erweiterung dieses Rechtes hat der Mensch in der Gesellschaft die Verpflichtung, daß der Stärkere dem Schwächeren mit freiwilliger Aufopferung über das Maaß des Austausches hinaus mit einem Theile seiner Stärke aushelfe; der Bemittelte hat dem Unbemittelten von seinem Ueberschuß an Mitteln zu geben, der Gesunde zur Pflege des Kranken einen Theil feiner Gesundheit zu verwenden; wer sich nicht in Lebensgefahr befindet, hat den in seinem Leben Gefährdeten zu retten u. s. w. Dies ist das Princip der Liebe, das völlig in der Natur der menschlichen Seele begründet ist, da die solche Handlungen hervorrufenden Gefühle ini Menschen von selbst entstehen. In der Natur ist hiervon nichts vorhanden. Hierbei ist nun noch besonders zu erwägen, daß dieses Recht und diese Liebe im Menschen nicht etwa als zwingende Naturtriebe — wie etwa die in der Zeit begrenzte Liebe der Thiere zu ihren Jungen — vorhanden sind, sondern in seiner völligen Freiheit. Er kann sie üben oder auch nicht, er kann sie verletzen und dawider handeln oder auch nicht *in jeder einzelnen Thal nach seinem Entschluffe. Deshalb kann die Lehre der menschlichen Sittlichkeit aus der Naturlehre heraus nicht ausgestellt, von der Naturwissenschaft nicht begründet werden. Diese letztere kann für jene gar nichts leisten, sondern bietet nur das gerade Gegenbild. - Die Grenze zwischen Naturwissenschaft und Religion ist demnach sehr einfach und klar, und kann von denen leicht eingehalten werden, welche nicht eben beide vermischen, dadurch beide schädigen und die menschlichen Erkenntnisse verwirren wollen. Aber ebenso ' muß auch der Religion ihre Grenze zugewiesen werden. Nichts hat dieser mehr geschadet, und ihren Gegnern schärfere Waffen gegen sie in die Hand gegeben, als daß mait; ihr Autorität und Herrschaft auch auf einem Gebiete zuertheilen wollte, das ihr nicht gehört, und auf welchem Meinungen geltend zu machen gar nicht in ihrem Interesse liegt. Die Religion hat mit der Lehre von der Körperwelt nichts zu thun. Wo sie auf die Behandlung der menschlichen und thierischen Körper influiren will, geschieht es nur aus sittlichen Beziehungen. Sie muß dem Menschen-Mäßigkeit auch in den leiblichen Genüssen vorschreiben, sie muß ihm eine humane Behandlung der Thiere gebieten — dies hat aber mit der Lehre der Körperwell nichts zu schaffen. Wenn im mosaischen Gesetze Vorschriften, welche den Körper betreffen,' z. B. die Speisegesetze gegeben werden, so geschieht dies nur, wie es ausdrücklich bemerkt, aus dem Gesichtspunkte der „Heiligung", und es ist selbst kein Ausdruck vorhanden, der den sanitären Zweck, den man in diesen Vorschriften finden wollte, irgend andeutet. Man kann dies sogar bei den Vorschriften über den Aussatz, wo der sanitäre Zweck so nahe läge, bemerken. Demungeachtet hat man der Naturwissenschaft ein ganz untergeordnetes Verhältniß anweisen und ihre Ergebnisse dem llrtheile der Theologie unterwerfen wollen. Ein Recht hierzu ergiebt sich lediglich, wenn die Grenzen der Naturwissenschaft überschritten und hypothetische Resultate derselben über die Körperwelt hinaus geltend gemacht werden. Dahingegen hat die Naturwissenschrft das Recht, die Religion aus ihrem Gebiete zurückzuweisen. Es betrifft dies insonders die Schöpfungsgeschichte, mit welcher die h. Schrift beginnt. Man hat sie in buchstäblichster Weise ausgelegt und alle Ergebnisse der Naturwissenschaft verdammt, wenn sie dieser buchstäblichen Auslegung widersprachen. Aber weder der orthodoxen Deutung, noch einer rationalistischen Auslegung der Worte kann eine solche Autorität eingeräumt werden. Es sind nur die großen ewigen Ideen, welche in vieser Schöpfungsgeschichte enthalten sind, die die Religion auszusprechen, immerfort zu lehren und gegen Angriffe zu vertheidigen hat. Daß das Universum und die dasselbe bildenden Wesen von Gott nach dessen Willen und Gedanken (ans , "ton-o ff.), geschaffen sind, daß Gott mit ihnen also nicht identisch ist, daß er ihnen Gesetz und Beschaffenheit gegeben, daß die Schöpfung plan- und zweckmäßig, ein jedes Wesen in seiner Art vollkommen d. h. zweckmäßig, daß die Schöpfung in der Zeit in aufeinanderfolgender Entwickelung vor sich gegangen und insonders die Erdschöpfung in einer aufsteige'nden Wesenreihe sich entfaltet habe — dies sind die großen ewigen Ideen, welche in dieser Schöpfungsgeschichte enthalten und ausgeprägt sind — alles Andere ist nur Darstellungs- und Ausdrucksweise, um ein einfaches, erhabenes Bild aufzustellen. Fehlt es doch in den einzelnen Zügen dieses Bildes schon nicht an Widersprüchen an sich und mit darauf folgenden Aeußerungen. *) Ebenso find es große ewige Ideen, welche in der Schöpfungsgeschichte des Menschen zum Ausdruck kommen: daß der Mensch eine Einheit aus dem Geiste und dem Körper, daß sein Geist ein unmittelbarer Hauch Gottes, im Ebenbilde Gottes geschaffen/daß hierdurch der Mensch das höchste Erdenwesen sei, befähigt, alle andern Erdenwesen zu seinen Zwecken zu verwenden, daß er insonders Freiheit des Willens besitzt, daß für ihn deshalb das Gute und das Böse bestehen und er zwischen beiden in seinen Entschlüssen zu wählen habe, dies ist es/was diese Schöpfungsgeschichte des Menschen mit den darauf folgenden Capiteln lehren und verkünden will. Alle diese Lehren sind das echte und bleibende Eigenthum der Religion, gegen welche wohl die Philosophie, nicht aber die Naturwissenschaft Einreden erheben darf. Abseitens dieser Lehren aber ist keine Theologie berechtigt, aus den einzelnen Zügen jenes Schöpfungsbildes der Naturwissenschaft Axiome aufzudrängen, und jene handelt damit ebenso thöricht, wie wenn sie aus einem poetischen Fragmente im Buche Iosua ein Sonnensystem construiren *) Daß die h. Schrift eine Fortentwickelung der Schöpfung anuimmt, ersieht mau aus 1. Mos. 2, 5., wo daö Vorhandensein aller Gewächse vor der Bearbeitung durch den Menschen verneint wird, und besonders aus 1 Mos. 8, 22., wo erst nach der Fluth die ununterbrochene Regelmäßigkeit der Jahres - und Tageszeiten eintritt, sowie daraus, daß das ganze Menschengeschlecht trotz seiner Racen auf ein Menschenpaar zurückgeführt wird, so daß also die Racen erst in der Fortentwickelung des Menschengeschlechtes entstanden sein können.