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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-09-01 · Heft 36 (1.9.1874) · p. Seite 603

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 36 (1.9.1874)
Date
1874-09-01
Page
Seite 603 (sequence 3)
Language
German
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sammt und sonders negiren, Man -warf. sich daher auf eine andere Formel: man sagt, die Wissenschaftwerde die Religion ersetzen. Was versteht man hierbei unter Wissenschaft? Die Philosophie nicht; denn diese besteht ja bereits seit Jahrtausenden und vermochte die Religion weder umzustoßen noch zu ersetzen; auch hat man selbst das Verständniß und den Geschmack für die Philosophie verloren. Aber auch die Geschichte nicht; denn diese erweist den unverwüstlichen Bestand der Religion erst recht und bietet, ohne einen religiösen Sinn aufgefaßt, nichts als Verwirrung dar. Höchstens ist aus den Hülfsmitteln der Geschichtsforschung die Kritik jenen willkommen, theils um die Berichte über den Ursprung der Religionen zu verdächtigen oder zu vernichten, theils um die nachtheiligen Wirkungen hervorzuheben, welche durch den Mißbrauch der Religionen auf die vergangenen Geschlechter ausgeübt wurden. Es bleibt-also nichts übrig als die Naturwissenschaft, welche die Beweise für die Jrrthümlichkeit der bisherigen Religionsanschauungen und ganz neue Ansichten über die höchsten Fragen des Menschengeistes bringen soll. Diese versteht man unter der „Wissenschaft", welche den Menschen eine neue Religion geben und die alten ersetzen soll. Sehen wir daher uns diese mit einem vorurtheilslosen prüfenden Blicke an« Es gilt hier wahrlich nicht, den hohen Werth und die Unentbehrlichkeit der Naturwissenschaft abzuschwächen, wohl aber ihre Aufgabe und ihre Grenzen zu erkennen. Hierüber ist schon viel gesprochen worden, aber entweder in hochgegriffenen Phrasen mit schwankendem Sinne, oder in frivoler gegnerischer und verächtlicher Weise, die selbst nur die Verachtung herausfordert. Was ist die Aufgabe und welche die Grenzen der Naturwissenschaft? Sie hat es allein mit allen den Dingen zu thun, welche der sinnlichen Wahrnehmung unterliegen, also allein mit der Körperwelt. Was nicht in den Kreis sinnlicher Wahrnehmung eintritt, gehört ihr, ihrer Beobachtung und, Forschung nicht .an. Sie hat nun die körperlichen Dinge im Einzelnen, wie in ihrer Zusammengehörigkeit, so wie sie sind, zu beobachten," zu erkennen und zu beschreiben, und zwar nach ihrer äußeren Gestaltung und nach ihrer inneren Zusammensetzung und Organisation; sie hat alle Vorgänge und Erscheinungen in der Körperwelt nach ihren Ursachen, ihrem Verlauf und ihren Wirkungen zu beobachten, zu erkennen und zu erklären; sie hat endlich aus mehrfachen,. gleichverlausenden.Processen das zu Grunde liegende Gesetz 'aufzufindeN, zu bestimmen und zu bewahrheiten. Wir gestehen mit Freuden zu, daß diese Naturwissenschaft in der Erkenntniß und Lösung dieser unermeßlichen Ausgaben große Fortschritte gemacht hat. Aber eben so sicher ist es,, daß sie bei jedem Fortschritte die Jrrthümer bloslegt, welche -sie, -oft kurz vorher, begangen; daß. sie der Hhpothesensucht, 5 welche 'aus vereinzelten Beobachtungen sofort ein System bildet und für allein wahr ausgiebt, immerfort unterliegt; daß mit jedem Schritte vorwärts sich ihr ein neues Feld mit immer weiter gerückten. Grenzen eröffnetsoldaß sich noch heute erzieht, wie gering-im Meinen , wie . im Großen noch der Kreis dessen ist; das in der naturwissenschaftlichen ,Erkenntniß als sicher gestellt anzusehen ist. Aber in dem bereits Erkannten, sowie auf dem schrankenlosen Gebiete des noch zu Erkeynenden, welche Grenze -stellt sich dieser. Wissenschaft entgegen? Die, daß sie zwar die körperlichen Dinge, Erscheinungen und Vorgänge in ihrer Art und Weise, so weit die sinnliche Wahrnehmung des Menschen reicht, zu erkennen vermag — nicht aber das Wesen der Dinge, Erscheinungen und Vorgänge. Dies ist die unübersteigliche Grenze der Naturwissenschaft auch in der ihr zugehörigen Körperwelt. Die Naturwissenschaft kann uns z. B>. das Vorhandensein und die Wirkung der Electricität angeben und beschreiben, kann vie Art, wie sie hervorgebracht und zu einer bestimmten Thätigkeit geleitet wird, lehren. Aber vermag sie uns zu sagen, was die ElectriMt ist? was der Magnetismus? was das Licht, die Warme, der Schall u. s. w. ist? Und wenn sie alle Bedingungen rngeben könnte, unter welchen Pas organische Leben entsteht, sich entwickelt und aufhört, hätte sie damit nur einen Schritt in der Erkenntniß des Wesens dieses Lebens gethan? Die Chemie giebt von zahllosen Stoffen an, wie sie sich mit anderen verbinden, oder von. ihnen scheiden, und so -neue , chemische Körper bilden; aber kann sie das Wesen dieser Stoffe erklären, aus welchem heraus sich diese Verbindungen schließen oder aufheben? Alles dies ist der Naturwissenschaft ein Räthsel, wird und muß ihr ein solches bleiben. Sie sagt uns, mit einem Worte, wie die körperlichen Dinge find, aber nicht was sie sind. — , Es begegnet aber einer Wissenschaft nichts Mißlicheres, als wenn ihre Aufgabe verfälscht,. ihre Grenzen verrückt und verwirrt und ihr Leistungen aufgebürdet werden, die ihr ihrer-Natur nach "gar nicht zustehen. Hierdurch wird sie auf Jrrpfade geführt, ihr falsche Ziele gestellt, die sie nicht zu erreichen vermag, ihre besten Kräfte auf Dinge verwendet, die sie nicht vorwärts, sondern rückwärts bringen, abgesehen davon, daß sie auf die Geister einen schädlichen, verwirrenden Einfluß übt und vielfach das Ansehen und die Unterstützung verliert, die ihr sonst gebühren. Dies hat gerade die Naturwissenschaft in alten und neuen Zeiten vielfach erfahren. Sie ist mißbraucht und augefeindet worden, weil sie eben aus ihren Grenzen schritt und ihre wirkliche wissenschaftliche Ausgabe verkannte. Wenn sie anerkannter Maßen sich -als Wissenschaft nur mit her Körperwelt zu beschaffen, nur-das sinnlich Wahrnehmbare zu erforschen hat; wie kommt sie dazu, auch über das Uebersinnliche, über Gott und Geist Aufschluß geben und die Anschauung bestimmen zu wollen? Sie kann und muß sagen : diese geistigeübersinnliche Welt gehört meiner Forschung nicht an, ich habe Über , sie nichts zu sagen und nichts zu lehren — aber sie darf, ohne ihre Grenzen zu überschreiten und ohne sich selbst zu comprvmitiren, sie nicht einmal negiren, noch weniger eine inhaltliche Aeußerung darüber erlassen. Noch mehr. Da sie außer Stande , ist,- über das. Wesen selbst der körperlichen Dinge einen

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