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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-09-01 · Heft 36 (1.9.1874) · p. Seite 602

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 36 (1.9.1874)
Date
1874-09-01
Page
Seite 602 (sequence 2)
Language
German
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602 * ") Z; Vermag. Es ist daher ein sehr geschicktes Manöver, auf 'diese Furcht zu speculiren; denn so sehr man seine Todten liebt und verehrt, sein'eigenes Leben liebt man noch mehr. Es ist daher, anevkermenswedth) wenn sich endlich - auch Männer det Wissenschaft der ernstlichem Prüfung dieser Frage' unterziehen. Einen drürrkigen Äüfsatz finden Hnr isst ,Daheim Nr. N vom Medicinalrath Professor Dr. Mohr in Bonn: „Gründe der exacten Naturwissenschaft gegen die Leichenverbrennung." Der Verfasser führt aus, daß bei der Leichenverbrennung alles Ammoniak völlig zerstört wird, indem es in seine Bestandtheile, Wasserstoff und Stickstoff, aufgelöst wird. Wir können das Ammoniak zerstören, aber nicht neu bilden. Das Ammoniak wird von der Pflanze zu Albuminstoffen assimilirt, aus den Pflanzen vom Thiere ausgenommen und in Blut, Muskel, Nerv umgesetzt und geht bei der Verwesung desThierkörpers wieder als Ammoniak in den Boden und die. Luft zurück. Es bildet.so zu sagen ein vorhandenes festes Capital, welches durch den Kreislauf in Pflanze und Thier nicht vermehrt und nicht vermindert wird. Bei der Verbrennung wird die ganze Menge der Albuminstoffe, welche die Körper bilden, ausgeschieden und kann niemals wieder zur Bildung einer Pflanze oder eines Thieres gelangen, Es wird dadurch die Erde an verwendbarem Stoff zu lebenden Wesen verarmt. Dies wird allerdings erst im Laufe langer Zeiten empfindlich und schädlich, aber das Menschengeschlecht ist auf lange Zeiten berechnet. Es verhält sich damit wie mit den Waldungen und- Steinkohlen, deren Capital, so groß es auch ist, sich doch nur mindert und nicht ersetzt. Hinsichtlich der Elfteren sind hieraus bereits die größten Nachtheile entstanden. Es 'verhält sich ebenso mit dem Schießpulver, bei dessen Explosion das Ammoniak für immer verloren geht. Die Leichenverbrennung liegt nicht im Plane der Natur und ihrer Oeconomie. -— Hierauf wendet sich der Verfasser zu der Frage , ob die Miasmen von Leichen herrühren? Er verneint dies. Die Ansteckung der Cholera, Pocken, des Scharlachs, der Diphtheritis, des Typhus u. a. geschieht nur von Lebenden zu Lebenden; sei es am Krankenbette oder selbst nach der Genesung. Gegen diese Ansteckung hilft gar nichts. Selbst die Aufbewahrung der Leiche, bis der Tod sicher constatirt' ist, die doch auch bei der Verbrennung unumgänglich ist, giebt Veranlassung zur Ansteckung. Sobald aber die Leiche unter der Erde ist, namentlich so tief wie unsere Gräber zu sein'pflegen, hört alle Gefahr auf, und es läßt sich eine solche durchaus nicht Nachweisen. Der Verfasser führt hierüber sehr schlagende Beweise an. Wir halten uns nicht für competent, über die völlige Richtigkeit dieser naturwissenschaftlichen Momente ein Urtheil zu fällen; aber jedenfalls sieht man, daß selbst die sanitären Gründe fürdie Leichenverbrennung noch einer genauen Prüfung zu unterziehen seien. Denn wenn diese keine sichere Geltung haben, so treten die sittlichen Momente in ihre unbedingte Bedeutung wieder ein. Wir fügen nur noch die Bemerkung hinzu: selbst aus sanitären Gründen, wenn diese zweifellos gemacht werden könnten, vermöchte die Leichenverbrennupg nur ihre Wirkung zu haben, wenn sie die Beerdigung gänzlich verdrängte, und nicht minder alle Thiere>. die nicht verzehrt werden, verbrannt,würden. Nur theilweise eingeführt, würde sie nichts nützen. Und zu diesem Ziele Wird sie niemals gelangen. " ' Aeber die Grenze» der Uaturwijsenschast uud drr Religion. Es gab eine Zeit vor einigen Jahrzehnten, wo nicht wenige Geister, von einem frischen Aufschwung ergriffen, von nichts als neuen Gestalten und Erscheinungen träumten, welche in naher Zukunft auftreten, mit allen Bildungen der gesummten Vergangenheit^tabula rasa machen und' die kommenden Geschlechter beherrschen werden. Man träumte eine neue Gesellschaft, einen neuen Staat, einen neuen Völkerbund, eine neue Religiom Mit der letzteren glaubte man am ehesten fertig zu werden. Man vergaß, daß in der Menschheit keinen Platz gewinnt, was irgend der Entwickelung vorgreift und was des geschichtlichen Bodens entbehrt. Man glaubte, mit der Religion am ehesten fertig zu werden, weil hier das Individuum allein mitzusprechen hat, und per Staat dem Drange gegenüber schließlich alle Zwangsmittel aufgeben müßte. Allein hierin hatte man sich am meisten verrechnet. Denn der Staat kann Verfassung und Gesetze aufzwingen; er vermag es sehr häufig der Majorität gegenüber, der Minorität immer. Wo aber das Individuum vollständige Freiheit besitzt, wo der Individualismus unbedingte Herrschaft übt, da ist eine Neugestaltung unmöglich. Denn einerseits widerspricht dieses Princip an sich jeder Vereinigung, welche doch zu einer Neugestaltung, und insonders einer religiösen unentbehrlich ist, undhier gerade durch die Verschiedenheit der Ansichten unüberwindliche Schwierigkeiten findet; andererseits 'macht in den Individuen gerade auf dem religiösen Gebiete die geschichtliche Ueber-. lieferung, die anerzogene und gewohnte Anschauungsweise und Sitte ihre volle Herrschaft geltend. So bleibt auf dem Boden des Individualismus jeder Versuch, eine neue Religion zu bilden, unfruchtbar. Höchstens wird aus der Oppositionellst eine kleine Schaar gesammelt, und eine solche kann allerdings mit der Zeit und durch diese innige Dauer erhalten, wie die zahllosen kleinen Secten beweisen, die ein beschränktes Dasein fristen. Und selbst die ungeheure Mehrzahl dieser, kleinen Secten sind nur Modificationen des überlieferten Glaubensstoffes. Die Zeit hat daher diese Träumer von einer Zukunftsreligion, welche den geschichtlichen Boden von sich stößt und . sich ein neues Gebäude auf eigenem Fundamente errichtet, eines Besseren belehrt,, so daß sie diese Hoffnungen aufgegeben. Sie wollen nur noch ' die Zahl, der Individuen vermehren, welche die bestehenden Religionen

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