Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 35 (25.8.1874)
- Date
- 1874-08-25
- Page
- Seite 595 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226960-3226996--32867-3255856- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
diese letzteren, kannte aber den König doch schon so weit, -daß er wußte, man könne mit directem Aussprechen von Principien nichts bei ihm ausrichten, sondern müsse auf Umwegen dahin zu gelangen trachten. S. 287 sagt Dove: „wie Humboldt die unbedeutendsten Anlässe geschickt benutzte, um großen Principien zum Ausdrucke zu verhelfen, beweisen einige Bruchstücke eines am 2. Januar 1842 an den König nach Charlottenburg gerichteten Briefes, deren Kenntniß wir dem Umstande verdanken, daß Humboldt selbst am nämlichen Tage Johannes Schulze davon Mittheilung machte. Es handelte sich dabei um eine Felix Mendelssohn zugedachte Auszeichnung, die Humboldt zu gleicher Zeit auch dem jüdischen Meyerbeer verliehen zu sehen wünschte, um den König in den Augen des Publicums vom Verdachte confessioneller Beschränktheit zu reinigen. „Die rein monarchische Regierung," heißt es in dem denkwürdigen Schriftstücke, „hat ihrer Natur nach das Eigenthümliche, dgst in ihr die Persönlichkeit des Herrschers der Individualität, gleichsam der Persönlichkeit des Volkes begegnet. Die Meinung, oder wie man edler sagt,'die Liebe des Volkes hängt aber von dem Vertrauen ab in die geistige Begabtheit des Herrschers, in seinen hohen Sinn. Es giebt Wendepunkte der Meinung. Ihre Abreise und das nahe Ordensfest, das durch seine äußere Form (als freies Symposium) eine wichtige volksthümliche Institution geworden ist, dürfen nicht unbenutzt vorübergehen. Das Vertrauen erhält sich, so lange das Gefühl angeregt wird, daß der Monarch über alle kleinlichen Ansichten erhaben steht, daß er zu der Zeit gehört, in der die Weltregierung Gottes ihn auf den Thron erhoben hat. Noch ist Ihnen das Vertrauen, ich wiederhole bloß, was ich Ihnen gesten Abend sagte, aber" . . . Daher sei es nothwendig Meyerbeer nicht zu übergehen: „Wenn Sie Felix Mendelssohn, den Christen, allein ernennen, so regen Sie eine vitale Frage auf. Die Pietät für den allgemein verehrten Hingeschiedenen kann sie nicht abhalten. Man wurde an ihm nicht irre, weil er zu einer anderen Zeit gebildet ward; aber Sie gehören der jetztigen Welt an, und das Völkerleben kann nicht gefesselt, zum Stillestehen gebannt sein. Der Keim fortschreitender Entwickelung ist, auch auf göttlichem Geheiße, der Menschheit eingepflanzt. Die Weltgeschichte ist der bloße Ausdruck einer vorbestimmten Entwickelung .... Meyerbeer's Mutter hat in dsr Zeit der Noch die edelsten Aufopferungen für die Christen gemacht. Sie haben ja wie alle anderen Fürsten sehr unchristlichen Türken Orden verliehen." — „Sie sehen, theurer Freund," fügt Humboldt an Johannes Schulze hinzu, „daß ich es nicht an Freiheit im Anträge habe fehlen lassen . . . Es ist doch traurig, zu einer Zeit zu leben, wo, was ich geschrieben, für Much ausgegeben wird." Man sieht, Humboldt geht geschickt in die Anschauung des Königs ein, um sie zu einem richtigeren Ziele zu lenken. Uebrigens war diesmal sein Bemühen mit bestem Erfolge, gekrönt. Es ist bekannt, welche, sonderbare Ansichten der König Friedrich Wilhelm IV. bei seinem Regierungsantritte hinsichtlich der Juden hegte. Es war kein Mißwollen; aber befangen in romantisch-kirchliche Ansichten und in der Erhaltung des jüdischen Stammes ein bewunderungswürdiges Werk der göttlichen Vorsehung erblickend, glaubte er diese unterstützen zu müssen, indem er eie Juden aus dem Volke aussondere und ihnen eine Ausnahmestellung gebe. Sie sollten besondere politische Corporationen bilden mit besonderer Vertretung in den Stadtbehörden; er wollte ihnen die Militärpflicht nicht nehmen, deren Leistung sollte aber in ihrem freien Willen stehen u. dgl. Nicht minder wird man sich erinnern, daß die preußischen Juden gegen solche Maßnahmen protestirten, und die Redaction dieser Zeitung an der Spitze vieler Gemeinden eine Petiton an den König richtete, in welcher sie alle Ausnahmen verwarfen und mit ihren Mitbürgern gleichgestellt werden wollten. In der Antwort gab zwar der König seine Intentionen nicht auf, versprach aber genaue Erwägung und Beachtung der ausgesprochenen Wünsche. Ueber diese Periode schreibt Dove S. 291: In den Kreis von humanen Ideen fallen nun ganz besonders zwei, für deren Durchführung Humboldt unter der Regierung Friedrich Wilhelms IV. eine rege Thätigkeit entfaltet hat, die Judenemancipation und die Aufhebung der Sklaverei. Für die letztere ließ sich freilich mittels der auf europäische Politik beschränkten Staatsmacht Preußens fast nur symbolisch wirken; die Lösung der Judenfrage aber gehörte zu den eigensten socialen Aufgaben , welche der preußischen Monarchie gerade in jenem Zeitalter gestellt waren. Wir wissen aus dem Briefe vom 2. Januar 1842, daß Humboldt in dieser Frage eine „vitale" sah. und daß er selbst bei der Gewährung äußerer Ehren und Auszeichnungen für völlige Gleichstellung der Confessionen war, wie viel mehr natürlich, wo es sich um Rechte des bürgerlichen Daseins handelte! Das Jahr 1842 bot ihm mehrfache Gelegenheit, seine Gesinnung in dieser Hinsicht kräftig zu äußern. Ueber das „scheußliche Judengesetz", das man damals „androhte", und das in der That höchst engherzige Bestimmungen enthalten sollte, ließ er bei Hofe „sehr eindringende Worte" hören: Das Gesetz „streite mit allen Principien einer eindringendeu Staatsklugheit, es sei eine gefahrvolle Anmaßung der schwachen Menschheit, die uralten Decrete Gottes auslegen zu wollen" — im Eingänge des Gesetzentwurfes hatte man sich auf den Willen Gottes, die jüdische Nation abgesondert zu erhalten, berufen —; „die Geschichte finsterer Jahrhunderte lehre, zu welchen Abwegen solche Deutungen Muth geben/" Auch hier wieder zeigte Humboldt dieselbe Kunst, mit dem Könige in dessen eigener, phantastischer Sprache zu reden. Im selben Sinne schrieb er gleichzeitig an den Minister Grafen Stolberg, er halte die beabsichtigten Neuerungen nach seiner innigsten Ueberzeugung für höchst aufregend, zu den bösartigsten-Interpretationen der Motive veranlassend, Rechte raubend, die durch ein menschlicheres Gesetz des Vaters bereits eworben seien, der Milde des jetzigen Monarchen völlig entgegen. „Die Besorgniß mir zu schaden,"