Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 35 (25.8.1874)
- Date
- 1874-08-25
- Page
- Seite 594 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Facultät erst zu erwarten sein. ES könne daher der Verein bis dahin nur zu erwirken suchen, daß immer mehr Gemeinden Prediger anstellen, und daß kleinere Gemeinden sich zur Anstellung eines Predigers vereinigen, der abwechselnd in ihnen fein Amt versehe. Ueber die jüdischen Kreise noch hinauszugehen konnte nur als Phantasterei erscheinen. Ferner wurde beschlossen, einen Aufruf an alle Gemeinden zum Anschluß an den Verein zu richten, und besonders die Mithilfe der Frauen in Anspruch zu nehmen. Zum Schlüsse wurde noch ein sehr langer Bericht über die theologische Facuttät entgegengenommen, deren Gründung so viele Jahre schon in Amerika discutirt, vielleicht doch nun bewerkstelligt wird. Je u i f Humboldt «nd die Juden. Das Verhältniß dieses großen Genius, eines wahrhaften Vertreters seines ganzen Zeitalters hinsichtlich der Wissenschaft und der Humanität, zu Juden und Judenrhum ist schon'vielfach besprochen und behandelt worden. Aber in allen Dingen schaden Uebertreibungen; sie bringen den entgegengesetzten Eindruck hervor, rufen die gegnerische Leugnung heraus, und werden schließlich durch die historische Wahrheit doch nur beseitigt. Im Jahre 1871 erschien eine eigene Schrift „Alexander von Humboldt und das Judenthum", welche in beabsichtigter Extravaganz die Dinge übertrieb, und dadurch viel böses Blut machte. Wir nahmen aus diesem Grunde damals keine Notiz von dieser Schrift. Seitdem (im Laufe des Jahres 1872) erschien eine ausführliche wissenschaftliche Biographie Alexander von Humboldt's in drei Bänden, unter der Redaction von Karl Bruhns, von mehreren anerkannten Gelehrten verfaßt. Der erste Band enthält die Lebensbeschreibung bis zur Rückkehr nach der Heimath, einschließlich der amerikanischen und asiatischen Reise, und ist dieser Theil ganz vorzüglich durch den bekannten Geographen Julius Löwenberg in Berlin bearbeitet, der diesem Gegenstände seit Jahrzehenden die eifrigste und liebevollste Forschung gewidmet hat. Dieser Theil nebst dem bibliographischen, den ebenfalls Herr I. L. übernommen hatte, bot unstreitig die größten Schwierigkeiten. Die Judenheit hat gewissermaßen durch diese Arbeit dem großen und edlen Manne ihren Dank abgestättet. Der zweite Band umfaßt eine treffliche Charakteristik des Aufenthalts in Paris (1808 bis 1826) von Av6-Lallem ent, und dann in seinem Hauptheile das' Leben Humboldt's bis zu seinem Tode (1827 bis 1859) von Alfred' Dove, gründlich, unparteiisch, in etwas präciösem Style, mit nicht genügender biographischer Kunst. Der dritte Band endlich bringt eine Reihe von Abhandlungen über die wisienschaftlichen Leistungen Humboldt's in den verschiedenen Fächern. Im ersten Bande wird selbstverständlich aus der Jugendzeit Humboldt's dessen Verhältniß zu den damaligen ausgezeichneten jüdischen Familien in Berlin geschildert, namentlich.zu dem Hause des Prof. Herz und seiner schönen und geistreichen Gattin, zu Moses Mendelssohn, der den jungen Humboldt's und Anderen im Garten Stücke aus den „Morgenstunden" vorlas, zu David Friedländer, dessen Tod noch beide Brüder durch zwei ausgezeichnete Briefe feierten u. s. w. Löwenberg 5 e ton. bewährte hierbei den Tact, diesen Gegenstand nur factisch und nach dem Maßstabe seiner ganzen Arbeit zu besprechen, und da derselbe bereits so vielfach ventilirt, übergehen wir ihn hier. Wir beschränken uns, einige Blicke in den zweiten Band zu werfen. In Humboldt lebte auch nicht die leiseste Spur irgend eines Vorurtheils gegen die Juden. Sie waren ihm eben nur Menschen wie Alle, und behandelte er sie einfach nach dem Werthe, den der Einzelne, welchem er begegnete, befaß. Hatte dieser ein wissenschaftliches Verdienst, gab er zu Hoffnungen für die Wiffenschaft Veranlassung, bedurfte er der Unterstützung, der Aufmunterung und Förderung, so bewies und bethätigte ihm Humboldt jenes großartige, unerschöpfliche, rmd unermüdliche Jntereffe, das Humboldt während seines - ganzen Lebens für alle wissenschaftlichen Leistungen, Aussichten und Persönlichkeiten in einer Weise unv einem Umfange übte, wie es noch nie dagewesen und so leicht sich nicht wiederholen wird. Daß Humboldt für die Gleichstellung der Juden, so weit es an ihm war, sich thätig verwandte, läßt sich von selbst voraussetzen. Humboldt war weder Freund noch Feind betreffs der positiven Religion, und verhielt sich so gleichgültig gegen das Judenthum; aber jedenfalls ist eS doch hervorzuheben, daß selbst Dove (S. 293) zugesteht, Humboldt habe „einmal negativ lobend anerkannt, daß die jüdische Religion mit den Forschungen objectiver Wissenschaft noch am leichtesten vereinbar sei." . Als Dove die Zustände in Berlin, wie Humboldt sie bei seiner Rückkehr 1826 vorfand, schildert, wie arm noch die Stadt, wie kleinlich alle Verhältnisse waren, bemerkt er (S. 101): „Häuser wie das Mendelsfohn'sche und das Beer'fche, denen Humboldt nach seiner Wiederkehr, die alten Verbindungen aus der Jugendzeit erneuernd, herzlich nahe trat, standen, ganz abgesehen von ihrer geistigen Bedeutung, auch nach der Außenseite des Lebens hin in beinahe einzigem Glanze da." So sehr sich auch die Verhältnisse seitdem verändert haben, ist es doch für die Geschichte der Entwickelung Berlins von Wichtigkeit, nicht zu vergessen, von welcher Bedeutung in gewissen Perioden die Juden für diese Entwickelung gewesen. — Die Aufnahme des ersten Juden in die Akademie, nämlich des Naturforschers Rieß, ist vorzugsweise der nachdrücklichen Verwendung Humboldt's und seiner besonderen Fürsprache bei Friedrich Wilhelm IV. zu verdanken. — Als Friedrich Wihelm I V. die Regierung angetreten, und so außergewöhnliche Hoffnungen geweckt hatte, theilte Humboldt