Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 35 (25.8.1874)
- Date
- 1874-08-25
- Page
- Seite 591 (sequence 9)
- Language
- German
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für die Lehrer und Cultusbeamten noch eineUebergangsperiode von zwanzig Jahren verlangt. Auf den von Werth an-Frankenau gestellten Antrag wurde beschlossen, die künftigen Jahresversammlungen abwechselnd in Cassel und in Bebra abzuhalten und die Verhandlungen derselben durch einen Vortrag über ein pädagogisches oder didactisches Thema aus dem Gebiete der israelitischen Schule zu bereichern. Auf Vorschlag des Vorsitzenden wurde die Aufgabe gewählt: „Wie soll sich der Unterricht in der biblischen Geschichte zum eigentlichen Religionsunterrichte (Catechese) verhalten", und die Bearbeitung derselben für die nächste Versammlung von Nußbaum-Felsberg übernommen.. Nach einem kurzen Rückblick wurde die Conferenz geschlossen. Die Versammlung stattete dem Vorsitzenden ihren Dank ab. Ein gemeinschaftliches Essen, gewürzt durch ernste und heitere Reden, hielt die Theilnehmer noch lange zusammen. Metz. 5. Aug. Die hiesige Zeitung enthält zur Ergänzung der Berichte über die neulich zu Pont-ü-Mousson an Preußen verübten Brutalitäten folgendes Schreiben, das auch uns hier interessirt. Der Zufall fügte es, daß einige anständige israel. Damen aus der hiesigen eingeborenen (französischen) Bevölkerung bei ihrer Rückfahrt von Pont-L-Mousson nach hier in einen Wagen zu sitzen kamen, in welchem bereits mehrere Mitglieder des unter dem Namen „Sociätv des Amis" bekannten hiesigen Gesangvereins Platz, genommen hatten, darunter dessen Präsident der Vergolder O. Dieser betrug sich dermaßen brutal gegen jene Damen und erging, sich in so gehässigen Ausfallen gegen deren Religion, daß sich die anwesenden unbetheiligten Personen fragen mußten, ob sie im 19. Jahrhundert oder im Zeitalter der Judenverbrennungen lebten. Redensarten so gemeiner Art, daß wir auf deren Wiedergabe verzichten müssen, fielen auf die Häupter der geängstigten Damen ohne Unterlaß nieder; und das geflügelte Wort: „Die Metzer Juden und die Prussiens sind ganz gleich" erschien als besonders zarte Perle unter diesen „Bekenntniffen einer schönen Seele." Keiner der Herren des genannten Vereins wies den „Präsidenten" in die Schranken des Anstandes zurück, und doch hatte das Betragen der Damen, die sich allen Angriffen gegenüber stumm verhielten, in keiner Weife zu irgend welcher Zurechtweisung Anlaß gegeben. Erst als der Zug die Grenzpfähle der „civilisirten Nation" hinter sich hatte und in den Machtbereich der „deutschen Barbaren" einlief, sank des Helden Muth plötzlich ganz auffällig; es war wohl weniger die deutsche Luft, als vielmehr die auf den Bahnhöfen sichtbar werdenden Pickelhauben der deutschen Gensdarmen, welche diese wohltätige Abkühlung bewirkten. — Die Feigheit ist überhaupt ein charakteristisches Merkmal aller dieser von sogenanntem „französischen Pattiotismus" aufgeblasenen Schreier. Auch Herr Fiers, der in Pont-L-Mouffon den Hetzer spielte und den ersten Anstoß zu den verübten Gewaltthätigkeiten gab, ist hier in Metz ein gar friedlicher und fürsichtiglicher Mann, der sich bei den Prussiens sogar um eine Gerichtsvollzieherstelle bewerben soll. Hier in Metz kriecht man, namentlich den Behörden gegenüber, schlau zu Kreuze, und erst wenn man sich auf französischem Boden inmitten des Pöbels der Städte befindet, üben Muth und „Patriotismus" in der Brust ihre Spannkraft. Hoffentlich werden sich Mittel finden laffen, um die bei den Attentaten in Pont-4-Mousson betheiligten „Helden" soweit sie hier in Metz wohnhaft sind, hier zu gebührender Strafe zu ziehen, wenngleich die Exceffe auf französischem Boden vorgefallen sind und also vor einen französischen Gerichtshof gehören. Noch sei erwähnt, daß vor dem Kriege die Metzer Israeliten ihrer Religion halber öfters den Beleidigungen des hiesigen Pöbels ausgesetzt waren; erst seitdem die deutsche Flagge hierfelbst weht, sind Fälle dieser Art nicht mehr vorgekommen. Fegeröheim (Elsaß), 3. August. „Dyt 2. d. M. geleitete ein großer Trauerzug die sterbliche Hülle des Herrn Alexander Aaron, Rabbiners der israelitischen Gemeinde zu Fegersheim, nach seiner letzten Ruhestätte. Dieser Greis von 78 Jahren, Stiefsohn des berühmten Rabbiners Lob von Metz, Schwiegersohn des Rabbiners Ascher Löb von Karlsruhe, Bruder des Hrn. Arnaud Aaron, des würdigen Rabbiners des Straßburger Consistoriums, hatte von seiner Familie alle Tugenden und die rabbinische Wissenschaft ererbt. „Während vierzig Jahren hatte er der israelitischen Gemeinde in Fegersheim vorgeftanden und mit seltener Hingebung seine Amtsfunctioncn vollzogen. Dem Leichenzuge folgten alle seine Collegen aus der Provinz, sowie auch die Staatsbehörden. Oesterreich-Ungarn. Wien, 8. August. In der gestrigen Sitzung des Wiener Gemeinderathes bringt der Vorsitzende Bürgermeister llr. Felder folgendes, von Ritter von Goldschmidt namens der Erben des verstorbenen Freiherrn Anselm von Rothschild ausgestelltes Schreiben zur Kenntniß: Hochgeehrter Herr Bürgermeister! Die sämmtlichen Kinder des am 27. Juli in Döbling verstorbenen Baron Anselm von Rothschild haben mich beauftragt, Euer Hochwohlgeboren am heutigen Tage, an welchem die Trauerwoche um ihren Hingeschiedenen Vater zu Ettde geht, die Mitteilung zu machen, daß sie sich veranlaßt sehen, die verschiedenen Legate, mit denen Baron Anselm v. Rothschild in seinem Testamente die Armen und Wohlthätigkeitsanstalten bedacht hat, ganz abgesehen von der ihnen durch das Gesetz obliegenden Wohlthätigkeitssteuer, auf den Betrag von 400,000 fl., und zwar 350,000 fl. für Wien und 50,000 fl. für Frankfurt — die Vaterstadt ihres verewigten Vaters —- zu erhöhen. Nachdem die Familienmitglieder noch von Wien abwesend sind, und der Zeitpunkt ihrer Rückkehr noch nicht festgesetzt ist, so behalten sie sich vor, die näheren Modalitäten und 35