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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-08-25 · Heft 35 (25.8.1874) · p. Seite 588

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 35 (25.8.1874)
Date
1874-08-25
Page
Seite 588 (sequence 6)
Language
German
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bas Opfer von Fehlern und Jämmerlichkeiten, für die er in vielen Fällen ganz unbegründet getadelt wird. In schlecht gebauten Häusern, wo mehrere Familien zusammengedrängt sind, und in der unreinen Atmosphäre eines elenden Heims lernen die jüdischen Armen nicht, der Vorzüge der Reinlichkeit oder irgend anderer angenehmer Aeußerlichkeiten sich zu erfreuen. Krankheiten und Unreinheiten jeder möglichen Art werden frei mitgetheilt; und die vorherrschenden Unbequemlichkeiten erzeugen unendlichen Streit und Zank. Körper- und Geist verkümmern und Gottes Welt wird sehr, sehr eng. Der junge Jude in der Landstadt weist in frühem Alter ein geschwächtes und sorgenbeschwertes Aussehen auf. Und doch ist der Mangel an Ordnung, welcher sein Aeußeres und seine ganze Umgebung bezeichnet, kein angeborener Fehler des Individuums noch durch schändliche Sorglosigkeit erworben. Er macht vielmehr einen Theil jener entmuthigenden Einflüsse aus, welchen das jüdische Leben inmitten beständiger Kümmernisie unterliegt. Das Gesetz, welches ohne Rücksicht auf die notwendige niederdrückende Wirkung beständiger Demüthigung entworfen ist, scheint anzunehmen, daß die Juden zu einer niedrigeren und uncivilisirten Rasse gehören; aber daß andrerseits die erhebenden und civilisirenden Gedanken, die ihnen eingeflößt werden sollen, in ihnen durch Personen hervorgerufen werden können, welche ihrem Gedankenkreise fern stehen oder doch der einzigen Methode entfremdet worden' sind, durch die ein Jude mit Erfolg zu der gewünschten Stellung als ein nützliches Mitglied der Gesellschaft gebracht werden kann. Die Unordnung des Haushalts spiegelt sich wieder in der Liederlichkeit, mit welcher der Handel, besonders in jüdischen Händen, betrieben und die Erzeugnisse des Handwerks gearbeitet werden. Die große Menge von Personen, die in einem und demselben Gewerbe beschäftigt sind, bringt einen ungesunden Zustand der Nebenbuhlerschaft hervor, und man sieht ein, daß eine mühsame und sorgsame Ausführung der Arbeit sich inmitten halbverhungerter Mitbewerber nicht bezahlt machen würde. Der Meister, vielleicht selbst ungeschickt in der Kunst, seine Aufgabe recht zu vollenden, kann die Zeit nicht ersparen, um seinen Lehrlingen alle Feinheiten seines Handwerks beizubringen. Die Zahl ungeschickker Arbeiter ist deshalb eine weit überwiegende, und der jüdische Handwerker wird in seiner Gemeinde wie ein Paria der Gesellschaft betrachtet. Ein Mann, der eine heirathsfähige Tochter (von vielleicht 14 bis 15 Jahren) hat, wiro nicht freiwillig zu seinem Schwiegersohn jemanven wählen, der als Handwerker erzogen worden ist. Solch' ein Schwiegersohn würde den Glanz der Familie, in die er heirathet, keineswegs erhöhen. Die Wahl des ehrgeizigen Vaters eines Mädchens fällt auf einen Talmudjünger, obwohl dieser erst noch viele Mühseligkeiten zu erdulden haben mag, ehe er genug verdient, um die Sprößlinge dieser vorzeitigen Heirath zu ernähren. Selbst Handwerker haben es bisher stets vorgezogen, ihre Söhne als Talmudisten zu erziehen, anstatt sie zum, Berufe von Arbeitern vorzubereiten. Denn ein Streben nach Erhebung und einer Art Cultur durchzieht jede Langstufe der jüdischen Gesellschaft. Oft vereinigen sich die zu einem und demselben Gewerbe gehörenden Arbeiter, um einen armen Rabbi anzustellen, der ihnen Vorträge hält in seiner ungeschickten und unmethodischen Art, zu der Stunde, wo sie eine Erholung von ihrem harten Tagewerk suchen. Obwohl in schlechte Wohnungen zusammengepfercht, und trotz der vielfachen Entbehrungen infolge der großen Concurrenz, haben die jüdischen Arbeitsleute doch. keine Neigung, sich der besondern Privilegien zu bedienen, welche den. Handwerkern behufs Auswanderung in das Innere Rußlands bewilligt sind. Sie ziehen die so dürftige Sicherheit ihrer Geburtsorte dem abenteuerlichen Suchen nach einer neuen Heimath unter Bevölkerungen vor, die vielleicht nichts von Toleranz wissen, und unter denen die Möglichkeit, die Gebräuche des Judenthums zu befolgen, fehlen könnte. Dies ist der Grund, weshalb so wenige bonr, ülle jüdische Handwerker in das Innere Rußlands auswandern. — Alt und Jung unter den russischen Juden besprechen die Tragweite des neuen Gesetzes, das alle Jünglinge zum Waffendienste beruft, und sie drücken offen ihre Meinung aus, daß, wenn der Ukas im nächsten Herbst in Kraft tritt, er den Stand der Dinge bis auf-den Grund erschüttern wird. Die jungen Männer speculiren auf die Möglichkeit für den zukünftigen Soldaten, die, Dauer seines Militärdienstes abzukürzen; und viele sind deshalb sehr eifrig,' die dazu nothwendigen Kenntnisse sich in den öffentlichen Schulen anzueignen. Man sieht mit einem hohen Grade von Genugthuung voraus, daß der jüdische Soldat ohne eine Beschränkung sein behäbiges Domicil in dem endlosen Innern Rußlands wird wählen können; und daß in Zukunft die Regierung jede Möglichkeit gewähren wird, den jüd. Unterthanen für die Pflichten geschickt zu machen, die sein Land ebenso wie sein eigenes Heim und seine Familie von ihm fordern. Selbst Eltern, die zu der Secte der Chasidim gehören und bisher dem Betreiben russischer Studien feindlich waren, sind jetzt sehr begierig, ihren Söhnen diejenigen Kenntnisse zu Theil werden zu lassen, welche der Dauer des Militärdienstes ein schnelleres Ziel setzen. Andrerseits würde es sehr wünschenswerth sein, die Aufmerksamkeit der russischen Regierung auf die Befürchtungen zu richten, welche viele ihrer gutgesinnten jüdischen Unterthanen ergriffen haben. Man glaubt, daß in einigen russischen Schulen, wo Juden jetzt die Zulassung ihrer Kinder begehren, für diese Applikanten kein Platz frei gelassen wird; daß dort den christl. Kindern der Vorrang gelassen und nur, wenn die christlichen Canvidaten um Zulassung versorgt sind, die noch übrigen Stellen den jüdischen Zöglingen geöffnet werden, die so als Stiefkinder ihres Geburtslandes behandelt zu werden scheinen. Selbst wenn dies ein leeres Gerücht sein sollte, so lenkt es doch die Aufmerksamkeit auf die unbestreitbare Thalsache, daß die Schulen, wo von den Juden eine angemessene Bildung erlangt werden kann,

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