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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-08-25 · Heft 35 (25.8.1874) · p. Seite 587

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 35 (25.8.1874)
Date
1874-08-25
Page
Seite 587 (sequence 5)
Language
German
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er seinen Antheil an der Land- und Haus-Äblösüngssteuer Und den andern 'schweren Abgaben, welche seine Gemeinde als eiNe corporative Vereinigung an den kaiserlichen Schatz zahlen muß, entrichtet hat. Wenn nun auch ein jüdischer Ackersmann mit allem dem toleranten Geiste.behandelt würde, welcher die große Auszeichnung der christlichen arbeitenden Elasse in ^Rußland ist, so könnte er doch mit seinen außerordentlichen Ruhetagen kein willkommener Zuschuß zu der Gemeinsamkeit der nichtjüdischen Dorfbewohner sein. Es ist deshalb durchaüs Win Vorwurf für den vorsichtigen Juden, wenn so, zahlreiche Schwierigkeiten ihn von der Ergreifung des bäuerlichen Gewerbes abschrecken. Nur ein e angemessene Art giebt es, 'wie der Jude zu dem Ackerbau als zu seiner regelmäßigen Beschäftigung fähig gemacht iverden könnte. Bor allem wäre es nöthig, im Innern Rußlands jüdische ländliche Colonien zu gründen und zur vorherigen Ausbildung gute landwirthschäftliche Schulen einzurichten. Aber für den Augenblick haben die Tendenzen des Gesetzes und die Bestrebungen der jüd. Unterthanen selbst die Wirkung,- die Kräfte eines jeden Individuums zu isoliren. Kein Mensch iu Rußland hat ein gesetzliches Recht, unsere Brüder zum Gefühle eines vereinigten Handelns zu erheben. Die russischen Jtiden wagen nicht oder dürfen nicht wagen, eine gemeinsame Adresse an die hohen und einflußreichen Richter über jüdische Ansprüche zu übermachen, um denselben alle ihr Beschwerden äMinanverzusetzen. Ich weiß nicht, ob sie jemals an ihre Regierung petitionirt baben, ihnen die Errichtung eines zuverlässigen jüdischen Confistoriums oder eines öffentlichen jüdischen Vertretüngskörpers zu gestatten, welcher der Regierung die loyalen Ansprüche, Bedürfniste und Wünsche der Juden zu übermitteln hätte. Die jüdischen Gemeinden scheinen sich unter dem Eindrücke zu befinden, daß sie nicht als eine Körperschaft ihre Stimmen der Regierung 'vernehmlich machen dürfen. Die Bekümmernisse und Sorgen der Gemeinden scheinen nur in der Einkleidung unterwürfiger Dankbarkeit für frühere Begünstigungen und nicht in der offenen Sprache der Freiheit und kräftigen Selbstbewußtseins sich zu äußern. Anscheinende Ruhe verbirgt die Gefühle'der Verzweiflung, Die brennenden Wünsche der Juden erscheinen in schwachen und furchtsamen Petitionen einiger Wenigen und können so kaum ihr Ziel erreichen. Und doch ist nicht zu bezweifeln, daß, über die Gesichtspunkte des gewöhnlichen Jnterestes hmans, die erhabenen Beweggründe der Menschlichkeit stets ihre Kraft an höherer und höchster Stelle ausüben werden, denn überall findet die willkommene Erklärung ihren Nachhall, daß in des Czärs Landen jeder Elaste der Unterthanen seiner Majestät Gerechtigkeit widerfahren soll. Da durch das Vorhandensein zahlreicher Beschränkungen die moralische Kraft unseres. Volkes leidet; da Gewandheit als ein Zeichen gefährlicher Anmaßung gescheut wird: so erscheint es fast cils Wunder, daß es in den jüdischen Gemeinden Rußlands Noch so viele edelherzige, wenn auch entmutWe, Männer giebt, die viele wesentliche Vortheile der Ehre 'und 'VertheidigUng Mer Religion opfern. Was die weibliche Erziehung betrifft, so ist zu erwähnen, daß gegenwärtig einige aus den reichern Elasten ihre Töchter in die höhern Schulen schicken, die Gymnasien genannt werden. Diese höhern Schulen sind jüngsten Ursprungs und unter dem kaiserlichen Schutze gegründet worden. Die jüdischen jungen Mädchen, gleich ihren in entsprechenden Anstalten stüdirenden Brüdern, tragen bei den jährlichen Prüfungen^oft die Preise davon. Der Plan, eine größere Anzahl von Schulstunden dem Erlernen der classischen Sprachen zu widmen, ist in vielen unserer (d. h. der englischen) bestgeleiteten öffentlichen Schulen aufgegeben worden; aber in Rußland wird — auf Befehl der Regierung — ein überaus ausgedehntes Studium des Lateinischen mit allbeherrschender Ausschließlichkeit betrieben. Selbst die höhern Mädchenschulen sollen in ungeeigneter Weise mit lateinischem Unterrichte zum Schaden nützlicherer Disciplinen überladen sein. Die weiblichen Elementarschulen werden wegen ihrer Mangelhaftigkeit bitter getadelt. Man behauptet, daß die russischen Lehrer sich nicht auf die Höhe ihrer Amtspflichten erheben, 'entweder aus Mangel an ordentlicher Vorbildung, oder weil sie infolge der Unzulänglichkeit ihrer Besoldung apathisch geworden sind. Im Ganzen ist der Unterricht jüdischer Mädchen von dürftigster Beschaffenheit; doch giebt es einige Mädchenschulen, wo eine bessere Kenntniß des Hebräischen gelehrt wird, als die jüdischen Knaben in den Talmudschulen erhalten. Für den Fall, daß eine Tochter 'ihre Ellern in der Kindheit verliert, giebt es kein Waisenhaus, um ihr ein neues Heim zu gewähren; aber die jüdische Barmherzigkeit, die sich n im wer .verleugnet, versieht das alleinstehende Kind mit freiwilligen oder bezahlten Zieheltern, bis es acht Jahre alt ist; in diesem odergar noch jüngerm Alter wird es in Dienst gegeben und hat sich seinen Weg so gut wie möglich durch seine eigenen Anstrengungen zu suchen. Es ist kaum nöthig zu bemerken, daß der Gegenstand der weiblichen jüdischen Erziehung in Rußland weitere Details verlangt, als in den wenigen Seiten dieses Berichtes gegeben werden können. Die. Fürsorge, die wenig und übel Unterrichteten zu beschützen, müßte ein Gegenstand der Dazwischenkunft jüdischer Philantropen sein. Die Feder sträubt sich, die Geschichte unverdienter Kümmernisse zu wiederholen. Mögen andere den Gegenstand aufnehmen und sich mit dem praktischen Studium, die russisch-jüdischen Armen beider Geschlechter durch systematische Anleitung zur Selbsthülfe zu erziehen, beschäftigen. Hier bedarf es der Hand des Organisators, wie in so vielen andern die Juden betreffenden Beziehungen in Rußland. Die hauptsächliche Quelle der großen Masse von Elend — einem Uebel, das jedes andere heilbare Mißgeschick übertrisit — besteht in der übermäßigen Dichtigkeit der jüdischen Bevölkerung. Da den Juden nicht erlaubt wird, seinen Wohnort in solchen Städten zu Nehmen, wo sein Handel blühen würde, so wird er

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