Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 35 (25.8.1874)
- Date
- 1874-08-25
- Page
- Seite 586 (sequence 4)
- Language
- German
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in: dem kaiserlichen. Schatze in St. Petersburg - aufgehäuft liegen.. Die Einmischung der Regierung in -die jüdische Erziehung kann niemals populär werden,? weil die Mittel, die sie zur Erweckung Zeines erleuchteten Geistes anwendet, denjenigen Gewohnheiten, -des Denkens geradezu, zuwiderlaufen,: die. älter sind, als jede politische Macht in Europa, und die, wie die Erfahrung-gezeigt hat, vollkommen verträglich und vereinbar sind mit den höchsten Bestrebungen moderner Cultnr. - ' Die russischen Juden sind nicht von Natur geneigt, für jede ihrem. Wohlbefinden gewidmete Bemühung undankbar zu sein. Aber sie können sich nicht des Verdachtes erwehren,"daß man einen Schlag gegen ihre Religion zu führen gedenkt, und -daß die Geschlossenheit und Solidarität der jüdischen Gemeinsamkeit auf dem , Spiele siebt, denn bei dem Plane der Nussificirung des Volkes scheint; keine genügende Rücksicht auf die erblichen Ueberlieferungen der Israeliten genommen zu werden. Einige Vertheidigervon Repressivmaßregeln verurtheiten unwillkürlich ihre eigene Sache, indem sie folgern: „Rußland hat zehn bis zwölf Millionen christlicher Dissidenten (Rascolniki), die mit jeder Art Schmach behandelt werden.; warum sollte es also den Juden besser gehen, die nur ein und ein halb oder zwei Millionen an Zahl sind?"*) Der Umstand, daß die mohammedanischen Unterthanen des Czaren. sich eines gewissen Grades von Selbstständigkeit erfreuen, wird nicht in Betracht gezogen, weil die Vorurtheile gegen die .Juden von viel älterm Datum sind, und man dieselben gleichsam als im Besitze alter unbestreitbarer Exi stenzrechte betrachtet. Die russischen Juden bedürfen aufopfernder und patriotischer Vertheidigerdie ohne Leidenschaft die Sache ihres Volkes in allen seinen'socialen, überkommenen und historischen Verhältnissen zu studiren und zu verfechten geneigt sind und dafür -sorgen wollen, daß die Regierung in ihrem Wunsche, ihre Pflicht zu thun, auch eine zutreffende Kenntniß in Betreff des Zustandes ihrer jüdischen. Unterthanen erhalte, ohne für die Sammlung der nöthigen Daten auf die Dienste von ihr selbst angeftellter Spione und Ueberfetzer angewiesen zu sein. Unter denjenigen Juden, die durch schmutzige Motive veranlaßt worden sind, die Anhänglichkeit an ihre Religion abzuschwören, giebt es Männer, die sich einen Namen als Schriftsteller gemacht haben, und die mit einschmeichelnden socialen Eigenschaften versehen -sind. Einige unter ihnen haben einen ausgebreiteten Einfluß in der Gesellschaft gewonnen. Sie haben sich einträgliche. *) Diese Zahl wird von den russischen Beamten angegeben. Ein großer Theil der jüdischen Armen ist aber bis auf die jüngsten Zeiten nicht in die schlechtgeführten Register eingetragen worden. Die nicht Einregistrirten nennt man „Neclamim" (verborgene oder unbekannte Personen). Man schätzt sie auf eine Million Seelen oder mehr. Wenn man in Betracht zieht, daß in Rußland jeder, Mann, Frau oder Kind,; bei jeder Reise mit einem Passe versehen sein muß, so müssen die „unbekannten Personen" traurigen Erfahrungen unterworfen sein! Posten verschafft, -indem "fie 'eme seltsame' MisckMg'bon: verzerrter Wahrheit und positiver Erdichtung 'vörbrachten, 'während sie 'die Eigenthümlichkeiten ihrer Brüder/die'sie in den träürigeä Kämpfen des Lebens verlassen halten, ^schildern'vergaben. Diese Egoisten versehen, gleich ähnlichen Charakteren in ändern'Landern, die judenfeindliche Presse mit unerschöpflichem Stoff für boshäfte 'Angriffe. Es ist kein Zweifel, daß diese umfassende Art, Unrecht zu üben, für die jüdischen Unterthanen Rußlands höchst verderbliche Folgen mit sich fiihrt und den allgemeinen Fortschritt der Civilisation verzögert.' Es ist wahr, 'die Angriffe auf die Juden sind nur ephemer, aber sie enden ihre'Wirksamkeit nicht, wenn sich die Angreifer von dem Schauplatze ihrer verderblichen Thäten .zurückziehen. Hochgestellte Personen können mit der Zeit sich mit Vorurtheilen und Antipathien erfüllen, die-dann in die untern und untersten Classen der Gesellschaft hinabsteigen. Solche üblen Eindrücke werden selbst nicht durch die Anstrengungen einiger besser gesinnten -jüdischen Convertiten ausgerottet , 'die bisweilen ihre Feder ansetzen, um die stets widerkehrende Verleumdung zum Stillschweigen zu bringen. Einer der gewöhnlichsten Vorwürfe, den man den Juden der ärmern Classen macht, ist der, daß sie keine-Lust haben, sich dem Ackerbau zu widmen. Die Thatsache ihrer Unlust ist wahr; allein die Umstände, welche diese Abneigung nothwendig machen, sind nie unparteiisch untersucht worden, obwohl sie eine besondere Berücksichtigung verdienen. Bisher ist es keinem rassischen Unterthanen der untern Cläffe gestattet, nach seiner eigenen Wähl nach anderen Theilen des Landes zu wandern. Diese Beschränkung hat auf den Juden bei ihrem Suchen nach täglichem Brode äüf das schwerste gelastet; und so lange man ihnen nicht gestattet, sich aus den Provinzen, innerhalb deren ihr gegenwärtiges Domicil sich befindet, zu entfernen, wird es unmöglich für sie sein, 'sich dem Ackerbau hinzugeben. Ferner, außer ihrem Mangel Än technischer Ausbildung und an der Erfahrung, die der Ländmänn von Tag zu Tage erwirbt, beraubt das öffentliche' Gesetz oder die Macht der allgemeinen Sitte die Juden der zu den Beschäftigungen eines Landbebauers nothwendigen Menge an Zeit. Der christliche Landmann der griechischen Kirche hat außer deck Sonntage eine große Zahl von Festen und Heiligentagen zu beobachten, an welchen er seinen gewöhnlichen Arbeiten entzogen ist. Nur 240 Tage im Jahre bleiben ihm für feine ländlichen oder anderweitigen Beschäftigungen. Die Stellung'des jüdischen Ackerbauers würde eine viel günstigere sein; in keiner Weise würde er sich entschädigen können für den weitern Verlust an Arbeitszeit durch den wöchentlichen Sabbath und durch mehr als 20 Fest- und Fasttage,, welche seine Arbeitszeit auf weniger als 170 Tage im Jahre zurückführen würden. Und doch kann in vielen Theilen Rußlands der jüngst emancipirte christliche Leibeigene, 'trotz der ihn mehr begünstigenden Umstände, in feinem Ackerbän'nur dürchkommen> indem er irgend ein Handwerk damit verbindet. Es bleibt nur wenig übrig, was er sein eigen neckten kättN, stächdem