Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 35 (25.8.1874)
- Date
- 1874-08-25
- Page
- Seite 585 (sequence 3)
- Language
- German
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überlieferten Gewohnheiten zu Liberwinden bestimmt war, ist vielmehr mit seinem ganzen Gewichte lediglich auf die jüdischen Elementarschulen gefallen, die sich von der kleinen Zahl von hundertfünfzig auf den ärmlichen Rest von fünfzig vermindert haben. Man hat ofsicielle Schritte gethan, um die jüdischen Schulen durch russische zu ersetzen; diese Anordnung würde an sich - untadlig sein, wenn richtige Vorsorge für die Unterweisung der jüd. Zöglinge in ihrer Religion und in der Ursprache der heiligen Schriften getroffen worden wäre. Die Talmudschulen, die unter dem hebräischen Namen Chedarim bekannt sind, sollen geschlossen werden, wenn nicht die 20,000 Melamdim (Schulmeister) eine Prüfung bestehen, um zu zeigen, daß sie allen dabei erforderlichen Unterricht durch das Medium der russischen Sprache ertheilen können. Der unbefriedigende Zustand und die theilweise Auflösung der jüdischen Schulen ist nicht die einzige Gefahr, welche die Juden mit Schrecken erfüllt. Da die Gemeinden durch das Landesgesetz an jeder Vereinigung zu gemeinsamer Thätigkeit oder an gegenseitigem Austausche ihrer Erfahrungen, um so die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten zu verbessern, verhindert werden, so haben sie aufgehört, eine kräftige und zusammenhängende Körperschaft zu sein. Es erheben sich also überall begründete Klagen über die großen Schwierigketen, competente Personen von angesehener Stellung zu finden, die bereit wären, die erste Verantwortlichkeit zu übernehmen, welche auf den leitenden Gemeindebeamten lastet. Für die Beiträge der Gemeindemitglieder wird keine geschäftsmäßige Rechenschaft abgelegt, überhaupt kein öffentlicher Bericht über Einnahme und Ausgabe der Gemeinde erstattet. So wird der Verdacht lebendig erhalten und lähmt jeden Versuch, die Dinge auf einen bessern Fuß zu stellen. Jedes Unternehmen dieser Art würde nur Argwohn und Mißtrauen nach allen Seiten Hervorrufen. Da öffentliche Versammlungen nicht gestattet sind, so kann sich keine.'gesunde öffentliche Meinung bilden und wird durch finstere und uncontrollirbare Gerüchte ersetzt. Einer der neuern Versuche der Regierung, der kirchlichen oder geistlichen Autorität der Rabbinen ein neues Leben einzuflößen, ist völlig gescheiteet und hat klärlich gezeigt, daß nur die freiwillige Handlung des Volkes und nicht die schützende Macht der Regierung die religiösen Autoritäten mit einem angemessenen Grad von Einfluß ausrüsten kann. Zwei rabbinische.Lehranstalten wurden errichtet, eine in Wilna, die andere in Schitomir. Einige der in diesen Anstalten gebildeten Studirenden, welche anscheinend eine liberale Erziehung empfangen hatten, wurden zu dem Amte der Kron-Rabbinen ernannt. In dieser Eigenschaft handeln sie als Vermittler zwischen der Regierung und den jüdischen Gemeinden. Sie wohnen den Sitzungen der städtischen Vertretung, zur Verhandlung der städtischen Geschäfte bei; sie nehmen die Eide ab und haben unter andern officiellen und besondern Pflichten die Register der jüd. Eingeborenen Rußlands zu führen > eine wichtige Angelegenheit in der Gegenwart, wo jeder junge Mann innerhalb der Vorschriften der neuen Anordnungen, in Der Armee zu dienen hat und deshalb ordentlich in die öffentlichen Register eingetragen sein muß. Diese halbweltliche Stellung der Kron-Rabbinen läßt nicht vermuthen, daß sie sich viel mit talmudischen Studien beschäftigen,^ die von der großen Menge der russischen Juden so hoch geschätzt werden; und in natürlicher Folge besitzen diese Rabbiner keinen hohen Grad geistlichen Ansehens unter ihren Herden. Es scheint, als ob dieses Geschlecht von Kron-Rabbinen bestimmt sei, im Laufe der Zeit zu verschwinden, ohne durch ausgebildete Amtsnachfolger ersetzt zu werden; denn auf Befehl'der Negierung sind die Rabbinerschulen neulich in Seminarien zur Ausbildung jüdischer Lehrer verwandelt worden. So unpopulär diese Einrichtungen für die Erziehung von Rabbinen auch gewesen sein mögen, so hat ihre Auflösung doch viele jüdische Herzen mit Schrecken erfüllt. Man fürchtet, daß die russischen Behörden Maßregeln ergriffen haben, um . die natürliche Entwickelung wesentlich jüdischer Institutionen aufzuhalten, ja ihre völlige Entwurzelung herbeizuführen. Was nämlich die Lehrerseminare betrifft, fo ist angeordnet worden, daß die Zöglinge dort sechs Jahre zu verbleiben haben. Sie werden in ihrer Anstalt einquartiert, ernährt und gekleidet, und die jährliche Ausgabe für jeden der 17 oder 18 Zöglinge in Wilna soll sich auf 1500 Rubel belaufen; aber diese übermäßige Ausgabe wird sich mehr Ausgleichen; da man beabsichtigt, jährlich noch weitere 20 Zöglinge aufzunehmen, nachdem sie eine Fähigkeitsprüfung abgelegt haben. Obwohl alle hier zu bildende Zöglinge im Stande find, deutsch zu sprechen mit mehr oder weniger von ihrem angeborenen Jargon, so ist doch keine Vorsorge getroffen, sie in ordentlichem Deutsch zu unterrichten, einer Sprache, die ihnen in Ausübung ihres zukünftigen Berufes von großem Nutzen sein würde; noch brauchen sie irgend eine andere moderne Sprache grammatisch zu studiren, als die russische. Diejenigen, welche die Regeln und Pläne zu den jüdischen Seminaren entwarfen, hielten es nicht für gerathen, die Zöglinge den Talmud studiren zu lassen — einen Gegenstand, mit dem die meisten von ihnen in früherer Zeit nothwendig vertraut geworden sind, und in dem sie, besser als ungebildete Lehrer, später in systematischer und fruchtbarer Weise hatten unterrichten können. Ihre Ausgaben werden außerhalb des jüd. Unterrichtsfonds bestritten, welcher durch die Sabbath-Licht-Steuex gebildet ist, die von den in jüdischen Häusern am Freitag Abend zu Ehren des Sabbaths angezündeten Lampen erhoben wird. Würde diese Steuer sorgfältig verwaltet, so könnte sie mit außerordentlichem Vortheile zur Eröffnung und Ausstattung guter Elementar-, Handels-, Gewerbe- und wissenschaftlichen Schulen verwendet werden, die an den meisten von Juden bewohnten Orten so dringend nöthig sind. Eine Summe von sechs bis sieben Millionen aus der Sabbath-Licht-Steuer soll nun 35*