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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-08-18 · Heft 34 (18.8.1874) · p. Seite 578

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 34 (18.8.1874)
Date
1874-08-18
Page
Seite 578 (sequence 12)
Language
German
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5W Literatur einer Nation abwärts ging, und zwar zum Tummelplatz auch der mittleren und selbst gewöhnlichen Geister. So ' bedeutend aSch die wenigen hervorragenden Erzeugniffe dieses- Zweiges der Dichtung an-Kunst und Inhalt sind, so macht sich doch auf dem Felde des Romans der Mangel sowohl an Schwung des Geistes, anipsychologischer Wahrheit, an Trefflichkeit der Sprache als auch an Tiefe und. Vollendung der. Kunstform weit weniger fühlbar als in-den anderen Weisen der Poesie. Zur leichten Unterhaltung für:! das allgemeine Publicum bestimmt, kommt es zumeist nur auf anregende oder pikante Situationen, auf leidenschaftliche oder eigenthümliche Charaktere und überraschende Begebenheiten an, um, leicht genossen, schnell wieder vergessen zm werden. So wurde in den letzten Vahrzehenden die Romanliteratur zu einer wahren Fluth, welche, wie-sie weithin das ihr zukommende Bett überstieg, schmutziges Gewässer in Menge herbeibringt. Auf diese Weise hat der Roman eine sehr nachtheilige Wirkung. Denn zunächst versetzt er die Phantasie in falsche Verhältniffe, in ungesunde Bilder; verlöscht die Grenz-, linien des Rechten und des Unrechten, des Schönen und des Häßlichen, tödtet die Zeit mit ganz unnützen Dingen ,' und verwöhnt schließlich die Menschen, sich mit ernsteren, die geistige Aufmerksamkeit irgendwie beanspruchenden Dingen zu beschäftigen. Die ungeheure Mehrzahl der Menschen beschränkt sich damit, sobald sie überhaupt liest, die Männer auf die Tagesblätter, die Frauen auf die Romane. Selbst die Popularisirüng der Geschichte und der Naturwissenschaften nimmt keinen weiten Raum in der Masse des gebildeten Haufens ein, wohin eben der mangelhafte Unterricht in den Realien und die oberflächliche Kenntniß einiger modernen Sprachen führt,, da es der erwachsenen Jugend auf irgend gründliches Wissen gar nicht ankommt. Daher sehen wir denn, daß die Romanliteratur zu nichts als Tagesproduct geworden ist. Selbst die gerühmtesten Producte verschwinden nach .kurzer Zeit wieder, und nach wenigen Jahren sind die Autoren vergeffen, welche den allgemeinsten Beifall gefunden hatten. Unter diesen Umständen scheint es mir in der That kaum ein irgend bedeutsames Verdienst, sich mit diesem Zweige der Belletristik zu beschäftigen. Er ist zu einem bloßen Gelderwerb herabgesunken und wirkt mehr nachtheilig als nützlich. - Je nach dem Rufe, den der. Autor zu gewinnen entweder weiß oder Gelegenheit hat, bringt er von Jahr zu Jahr seine Waare auf den Markt, sieht sie daselbst verzehren und vergeffen. Die wenigen, deren Romane oder Novellen: den Geschmack etwas lebhaftem anregen, erhalten-ihren Ruf eine etwas längere Zeit, um dann doch der Vergessenheit anheimzufallen. Wozu also diesem-Blatte, in welchem Theologie, Philosophie und Geschichte in wechselnder Folge mit-Ernst behandelt werden, belletristische Bilder einfügen, und so auch seinerseits die Menge in dem Wahne bestärken, dendiese Art Dichtungen hervorruft? Kommt mir doch das Romanlesen-wie ein schwacher Rauschi vor., den man sich-durch. \ etwas 'Spirituoses immer wieder erneut, - und woran man /sich nur zu sehr gewöhnt hat. '• r .; Warum denn aber, wird der Leser fragen, sollten ihm wirklich diese Zeilen vor Augen kommen, unterläßt Du es' doch nicht, mit solchen belletristischen Bildern aufzuwarten , und sie dieser Zeitung emzuverleiben? Ich will mich nicht damit entschuldigen, daß man schließlich einer bösen Gewohnheit doch immer wieder nachgiebt, sondern vielmehr — daß man mit den gegebenen Verhältnissen rechnen müsse. Man kann nicht verkennen, daß unter den obwaltenden Umständen ein großer und einflußreicher Theil des Publicums ohne den Roman und die' Novelle - ganz unzugänglich geworden ist, und will man -ihn irgendwie in Anspruch nehmen, ihm - ein - Gefühl , eine Erinnerung / eine Erkenntniß beleben, es fast nur noch auf dem angegebenen Wege geschehen kann. Hierzu kommt, daß eine Zeitung gegenwärtig mannigfaltig in ihrem-Stoffe sein muß, um immer wieder etwas zu bringen , was das Blatt auch denen in die Hand schafft, welche sich sonst ernster Lectüre entziehen. Ferner ist es gerade für das Juventhum von Belang, aus dem Bewußtsein seiner- Bekenner die Zustände, die Verhältnisse,. Ereigniffe und Charakteristik vergangener Jahrhunderte nicht entfliehen zu lassen. Bei dem im letzten Jahrhundert vollzogenen Uebergang in das all- . gemeine Culturleben würden die vorangegangenen Phasen völlig aus der Welt der Vorstellungen verschwindenwenn sie nicht durch den Griffel des Dichters noch rechtzeitig festgehalten worden und würden. Man kann hierbei nicht einmal einwenden , daß dieser Uebergang sich so langsam von Westen nach Osten vollzieht, daß man immer noch davon genug übrig-behält, wenigstens noch für eine lange Zeit: In der That aber waren die Juden, in den letzten verflossenen Jahrhunderten nach den verschiedenen. Ländern recht sehr verschieden, und z. B. der frühere deutsche Reichsjude sicherlich vom polnischen Juden in Wesen und - Manieren soweit entfernt, wie dex Deutsche vom Polen, ohne doch diesen Beideti zu gleichen. Auch ist nicht zu übersehen, daß, so viel wir es vermögen, seit er Unsitte entgegengearbeilet werdenmuß, mit welcher seit langer Zeit in der allgemeinen Romanliteratur der Jude zur Carrikatur und zum Prügelknaben gemißbraucht wird, und befähigte wie unbefähigte Autoren, wenn ihnen sonst das Pikante fehlt, den Juden hierzu verwenden. Dies kann nun geschehen, wenn wir aufdemselben Gebiete richtige und wahre Figuren zur Darstellung bringen.' Es gilt durchaus nicht etwa, wie dies auch schon geschehen, die Juden bloß von ihrer edleren Seite zu zeigen und sie allein, als mißhandelte Opfer hinzustellen, sondern nur Wahrheit und Gerechtigkeit walten j zu lassen, und jene Verachtung weit zurückzuweisen., welche eine ganze Gattung verurtheilt und sie der Lächerlichkeit oderdev- Schmähung heimgiebt. Aus diefem-Gesichtspunkte ist die jüdische Bellettistik vonentschiedener Wichtigkeit. Dies ist es also, was-auch mich immer, wieder zu Arbeiters auf dem belletristischen-Gebiete zurückführt. Man bringt dem

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