Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 34 (18.8.1874)
- Date
- 1874-08-18
- Page
- Seite 577 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Jst.z. B. das Hoheliedein Drama oder nicht?, ist Hiob, trotz seines epischen Anfangs und Schluffes als ein .Drama anzusehen oder nicht? solche. Fragen wurden bis heute, oft veniilirt. Hat man viele Erzählungen der h. .Schrift; vom.ästhetischen Standpunkte, als episch zu betrachten oder nicht? Leichter kam man über die Frage, hinweg, ob die Israeliten Lyriker gewesen? Das sag zu offenbar, und daß nicht wenige Psalmen vollendete lyrische Kunstwerke sind, konnte Niemand erkennen. Diese Fragen haben dadurch einige Bedeutung, weil bei der jetzigen Neigung, die Völker zu schematisiren und ihren .Charakter aus den vorhandenen , literarischen Erzeugniffen.ethnographisch zu bestimmen, es den-Israeliten oft. recht schlimm ergeht. Man spricht ihnen das Epos und< das Drama ab, schreibt ihnen nur die Lyrik, und auch diese nur in . einer einseitigen Richtung, zu, und fftirt nun ihre Geistesfähigkeiten hieraus, in beschränkendster Weise. Man übersieht,- daß die in .der h. Schrift uns überlieferten Schriftwerke nur die Reste einer großen Literatur, gewissermaßen Musterschriften sind, eine geringe Zahl aus einer langen und umfangreichen Entwickelung. An Andeutungen hierüber fehlt es in der h. Schrift, selbst nicht. Ist uns doch auch aus der griechischen und römischen Literatur verhältuißmäßig nur der geringste Theil erhalten geblieben, und selbst von den größten Meistern ererbten wir nur eine/ unbedeutende Zahl ihrer Werke, z. B. von Aeschylos 7 Tragödien aus 75, von Sophokles 7. aus etwa 100. Zeiten, wo das Heidenthum in Israel das nationale und religiöse Leben nur schwach athmen ließ (vgl. 2 Kö. 22, 8.)> und die Zerstörung Jerusalems nebst der Verwüstung aller Städte durch Nebuchadnezzar, mußten vielen vorhandenen Schriften den Untergang bringen, und ebenso spater die Syrerkriege und die Zerstörung Jerusalems durch die Römer, z. B. das Original Sirach's. Einige unserer Bücher, z. B. die Sprüche Salomons, die. Bücher der Könige, geben sich selbst nur als kleiner Rest großer Sammlungen oder als Auszüge aus größeren Werken zu erkennen. Unter diesen Umständen das. gesammte Geistesleben der israelitischen Nation--aus den vorhandenen Ueberresten beurtheilen zu wollen, aus dem einzelnen geretteten Product oder aus dem Fehlen irgend einer classificirten Disciptin auf Charakterzüge des Volkes zu . schließen , ist ein ungerechtfertigtes Unternehmen. Hierzu kommt aber, daß es durchaus unangemessen-ist, die Poetik der Abendländer auf ein morgenländisches Volk, - den Maßftab einer spater entwickelten Literatur aus eine so frühzeitige Geistcsblnthe anzuwenden. Allerdings bleiben die inneren- .Gesetze, wie sie im Wesen der Menschennatur liegen, überall und immer dieselben;, aber sie kommen in mannigfaltiger Gestaltung zum Ausdruck und ringen sich in sehr verschiedenen Formen in die Erscheinung. In der Thar bildet z. B. die Geschichte Simsons im Buche dev Richter eine ausgezeichnete und abgeschlossene Epopoe; die Vorausverkündigung, . das - Geheimnißvolle der Geburt des Helden, die Bedingungen seiner zukünftigen' Größe und das Wundersame darin, das--zugleich in seiner, äußeren. Erscheinung i sich darstellt, die Ent- und Verwickelung seiner Thaten und der ' sie begleitenden Ereignisse, die--Schürzung des- Knotens durch die Verletzung jener Bedingungen, sein Fall durch den eigenen Fehler und den. Trug eines Weibes , und das tragische Ende in der Großartigkeit seiner Selbstaufopferung . bilden ein vollendetes. Kunstwerk, das trotz seines geringen Umfanges sich dreist.au die - Seite aller. Epopoeen stellen kann. Und so haben wir denn auch unter den Büchern der h. Schrift, immer nur vom ästhetischen Standpunkt aus betrachtet, einen Roman, oder, besser gesagt, eine Novell e, und zwar aus classischer Zeit, nämlich das Buch Ruth. Der Erzählungsftoff läßt sich sehr gut mit dem von „Hermann und Dorothea" vergleichen, und sein sittlicher Werth ist ein hoher. Die in demselben vorkommenden . Affecte sind mannigfaltiger Art und sprechen sich entschieden aus. Das Vorspiel, wie eine Familie, um sich der Hungersnoth zu entziehen, dem Baterlande den Rücken kehrt, aber , in ihrer neuen Heimath gänzlich verarmt und untergeht, so daß die Wittwe -in-: Jammer und Elend da wieder einzieht,, wo sie reich und geehrt gelebt hatte, ist höchst ergreifend; die Treue der einen Schwieger-. tochter im Gegensatz zur anderen, die Selbstaufopferung jener für die Mutter des verstorbenen Gatten, ihre Anwesenheit, Thätigkeik und Behandlung auf den Feldern des Verwandten, die erwachende Liebe und die Belohnung jener edelmüthigen Treue mit dem Abschluß in der letzten Scene sind völlig kunstgerecht und psychologisch lvahr. Daß alles dies in engem Rahmen und doch , in den schärfsten Umrissen gezeichnet wird,- macht diese Novellezu einer mustergültigen. Daß nach dieser Richtung hin eine weitere Entwickelung stattgefunden, erweist uns das Buch Jona und schließlich das Buch Esther. Wie gesagt, wir sehen hier vom religiösen und geschichtlichen Gesichtspunkte ganz ab, und können dann auf ästhetischem Boden in den genannten Büchern eine novellistische Literatur erblicken, die, abgesehen von ihrem , religiösen Inhalte und Werthe, weit über der griechischen Romanliteratur steht und zwar gerade in künstlerischer Hinsicht,/und zugleich aus einer früheren Periode und aus der besten Zeit -des- : Volkes herstammt, während die griechische das Product der /spätesten Epigonen, ohne Kunst- und sprachlichen Werth ist. . In. der . Richtung der späteren Zeit bei den Juden lag es, daß die Romanliteratur keine Pflege fand, wenn .auch komische und Wunder-, erzählungen niemals ganz aus-der Masse schwanden. ., Die moderne Romanliteratur hat ihren Ursprung in Italien: während der Renaissance im.14-. Jahrhundert genommen, und-, schnell eine bedeutende Entwickelunggefunden, wie sie denn auch jetzt noch in Italien überreich, gepflegt wird. Aber, der Roman,. erwarb sich in allen modernen Literaturen einen üppigen Boden,, und überwucherte mit der Zeit alle andevey-iAweige der Dicht--- kunst. Während der poetische Geist die. höchsten Saiten--in >der/( Dramatik und Lyrik anschlug und iw diesen classische Schöpfungenhervorbrachte, wurde der Roman (immer -die Novelle mit ein-. geschloffen) bald zum Tummelplatz, wenn. es mit dem Geiste der:. 34*