Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1874)
- Date
- 1874-08-11
- Page
- Seite 560 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226960-3226994--32828-3255815- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die Kinder schon schlafen. Im Alter von drei Jahren werden Knaben und Mädchen zur Maestra geschickt. Dies ist eine Frau, die in ihrem Hause ungefähr 30 Kinder aufnimmt, sie entweder in einem Winkel oder im Hofe auf die' Erde niedersetzt und sie da beläßt vom Morgen bis zum Abend, oft in der brennenden Sonnenhitze, während sie ihrem eigenen Geschäfte obliegt. Die Kinder werden frühzeitig an große Mäßigkeit gewöhnt; ihr Frühstück besteht aus einem Stücke Bröd mit einigen Bissen Käse. Ihr Abendbrod ist ähnlicher Gattung, und in vielen Haushaltungen sieht man Fleisch nur am Sabbath. Ein Mittagsmahl giebt es nicht. Die Männer kommen nicht nach Haus, und die Frauen effen etwas, wanm und wo sie können. Wenn die Kinder das Alter von fünf bis sechs Jahren erreicht haben, werden sie von der Maestra fortgenommen. Die Knaben schickt man in die „Meldars" oder Hebräische Schulen, deren Zustand in Smyrna wie überall in der Türkei in Bezug auf die Lehrweise sehr viel zu wünschen übrig läßt. Die Mädchen hält man zu Hause, wo sie der Mutter in den Pflichten des Haushaltes beistehen. Junge Damen der besseren jüdischen Familien komn man oft den Hof abwäschen oder den Flür scheuern sehen, oder ihter Mütter beim Waschen und Brodbacken helfen. Am Samstag ist man wie in eine andere Wett versetzt; alles ist ruhig, jeder ist gut gekleidet, Männer und Frauen sitzen an der Thür oder dem Fenster und essen Melonen und andere Früchte. Im Alter von 12 bis 14, Jahren verlassen die Knaben den „Meldar". Diejenigen, deren Vater sein bestimmtes Geschäft hat, bleiben bei ihm, helfen ihm und lernen allmälig das Geschäft. Diejenigen dagegen, deren Vater keine bestimmte Beschäftigung hat, bleiben sich selbst überlassen, schweifen auf den Straßen Umher und gewinnen bisweilen einige Pfennige durch Schuhputzen. Die jungen Leute heirathen zwischen 18 und 20 Jahren. Ein Umstand, welcher beträchtlich zu dem Eleüde der Juden Smyrnas beiträgt, ist der, daß es mehr Mädchen als Knaben giebt. Die Folge ist, daß jeder junge Mann früh heirathet, und so schnell eine neue Familie entsteht, die ohne genügende Subsistenzmittel ist. Wie schon gesagt, die reichen Juden sind Kaufleute, die der mittleren Classen Arbeitsleute, Lastträger, Haüsirer u. s. w. Unter den Handwerketn giebt es nur Schneider, Schuhmacher und Klempner; alle attvere Handwerke, wie die der Zimmerer, Maürer, Schmiede, Metallarbeiter, überlaffen die Juden den Griechen und Lateinern. Die Frauen arbeiten nicht, oft weil sie keine Beschäftigung finden, und müssen sich sö ihreü Unterhalt durch Betteln suchen. Die Wohtthätigkeitsanstalten sind: die Mahazike Anijinu die mit entern jährlichen ÄüfwäUde Von wehr als 40OO ThlrN. für die Waisestkinder Und ddü Unterricht arrMr Ktmben sorgt; die Malbisch Aruniim, welche Kleidüng für Arme beschafft; und einige andere. Sie sind aber so unpraktisch geleitetdaß' sie verhättnißmaßig wenig Gutes wirken, so daß das- Elend eher zuals > abnimütk. Ebenso giebt es gegenseitige Unterstützuntzscasfen der Klempner, der Schuhmacher, der Lastträger' und selbst der Sänger, in welche jedes Mitgliedetwa zehn-Pfennige die Woche zahlt; aber, auch sie sind schlecht verwaltet. Einige, wenige kranke Israeliten finden in dem kleinen von Baron Mayer Salomon v. Rothschild gegründeten Hospital Aufnahme; ein anderes größeres Haus des Barons Rothschild gewährt 150 jüdischen Familien Wohnung. An der Spitze der jüdischen Gemeinde Smyrnas stehen drei Oberrabbiner, von denen einer officiell von der Negierung anerkannt ist. Es giebt auch eine Art Consistorium, aus sechs Mitgliedern bestehend, die auch officiell anerkannt sind. Unabhängig von diesen sind andere sechs, die „Memunnim" heißen, und deren Function in der Ueberwachung religiöser Angelegenheiten besteht; und vier, die „Parnaßim" genannt werden und die financiellen Geschäfte der Gemeinde zu besorgen haben. Die Einnahmen der Gemeinde betragen ungefähr 200,000 Francs jährlich. Sie stammen von den Abgaben, die von Fleisch, Wein, Käse, Korn u. s. w. erhoben werden; von direkter, dem Wohlstände des Einzelnen angepaßter Einkommensteuer; und endlich' von den Eintrittsgeldern, die für die Zulassung in den neuen Synagogen und die 15 „Medraschim" bezahlt werden. Unter den Ausgaben sind die bedeutendsten die für Unterhaltung der Synagogen und des Hospitals, die Gehälter, für die Rabbiner und Beamten, Beiträge zu Wohlthätigkeitsgesellschaften u. s. w. Die Beziehungen der Israeliten zu der übrigen Bevölkerung sind im ganzen ziemlich gute. Es giebt kaum einen katholischen, griechischen oder selbst armenischen Kaufmann, der nicht einen Juden in seinem Dienste hat. Der Grund davon ist, daß die Juden sehr gewandt im Geschäft und ihren Herren treu sind. In Anbetracht der Fähigkeiten, mit denen sie ausgestattet sind, ist es schwer zu verstehen, weshalb sie nicht den Gipfel der commerziellen Leiter innehaben; jedenfalls müßte der Platz, welchen die jüdische Gemeinde in der öffentlichen Meinung einnimmt, besser sein, als er ist, und die Hauptursache des Sinkens, welches man in dieser Beziehung in den letzten Jahren wahrnimmt, muß der Zwietracht der Juden unter einander und ihrer eigenen Gleichgültigkeit zugeschrieben werden. Das Bild, das uns hier von der großen jüdischen Gemeinde in Smyrna entrollt wird, ist kein sehr erfreuliches. Man schlägt zur Hebung dieser Bevölkerung Errichtung umfassenderer und besserer Schulen vor, zumal gewerblicher und förmlicher Erziehungsanstalten; dann die Erbauung von jüdischen Wohnhäusern außerhalb des Ghettos, in das sich die Juden freiwillig zusammendrängen. Aber woher die Mittel zu so weitaussehenden Gründungen nehmen, die ja in jeder jüdischen Gemeinde des Orientes am Platze wären? Und würden sie sich gegenüber viel-