Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1874)
- Date
- 1874-08-11
- Page
- Seite 559 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Koller sehr gefördert und deren behördliche Bestätigung möglichst rasch ertheilt, wie auch die vielen, besonders auf dem flachen Lande bestehenden Humanitären israelitischen Vereine und Brüderschaften von ihm auf jede mögliche Weise unterstützt wurden. Freitag hat sich eine Deputation der Prager israelitischen Cultusgemeinde dem Frerherrn von Koller vorgestellt, von der er in seiner gewohnten leutseligen Weise herzlichen Abschied nahm. (Vereinsbericht.) Am 31. Mai hielt der hiesige „Israelitische Fortbildungsverein" seine statutenmäßige Jahresversammlung ab. Nachdem der Vorsitzende in warmen Worten zweier verstorbener Mitglieder des Vereines gedacht hatte, wurde zur Neuwahl des Ausschusses geschritten, bei welcher die früheren statutenmäßig abtretenden Ausschußmitglieder sämmtlich wiedergewählt wurden. Die Vermögensverhältnisse des Vereines befinden sich im besten Stande und erfreut sich derselbe bei allen Kreisen der israelitischen Bevölkerung Prags einen warmen und chatkräftigen Sympathie, wie diese überhaupt nie einem Unternehmen fehlen wird, das den so humanen Zweck hat, den Unterricht in der hebräischen Sprache und Literatur zu fördern und zu unterstützen, in einer Zeit, wo dieser Gegenstand an der öffentlichen Volksschule nur eine höchst unvollkommene, stiefmütterliche Pflege findet und finden kann. (Personalien.) Das aus Prag gebürtige Herrenhausmitglied von Winterstein wurde' von Sr. Majestät dem Kaiser in den Freiherrenstand erhoben. Winterstein, der bereits seit längerer Zeit als tüchtiger Partamentsredner dem österreichischen Herrenhause als Mitglied angehört, ist ein eminenter Vertreter der verfassungstreuen Partei und anerkannt einer der bedeutendsten Staatsmänner Oesterreichs. Wie bekannt, wurde ihm auch vor einigen Jahren die Uebernahme des Finanzporteseuille im diesseitigen Ministerium angetragen. —. Der Verwaltungsrath der landesjudenschaftlichen Waisenstiftung hat abermals für das Schuljahr 1874/1875 45 Stiftungsplätze, a 90 fl., ausgeschrieben, nachdem im verflossenen Jahre 43 Stipendien dieser Stiftung, & 100 fl., zur Verleihung gelangten, wie sich überhaupt ein sehr ersprießliches Wirken dieses allerdings in den günstigsten Vermögensverhältnissen sich befindenden Institutes nicht verkennen läßt, wenn auch mit ^denselben Mitteln viel mehr geleistet werden könnte, würde eine Fusion zwischen der „landesjudenschaftlichen Waisenstiftung (die nur den in einer Landgemeinde zuständigen Waisenkindern zu Gute kommt) und dem von der Prager israelitischen Cultusgemeinde errichteten „Waisenhause" zu Stande zu bringen sein, und auf diese Weise eine große „israelitische Landeswaisenanstalt" begründet werden, wie eine solche jetzt auch Ungarn durch Fochs hochherziges Legat bekommen soll, — ein Gedanke, der bei uns schon zum wiederholten Male angeregt, nie aber verwirklicht wurde. Frankreich. Paris, 1. August. (Nach den Arch. isr.) In erfreulicher Weise hat der Bau der beiden neuen Tempel in der rue de la Victoire und rue des Tournelles jetzt einen rascheren Fortgang genommen. In diesen Tagen wurde die Schlösserarbeit verlicitirt. Man kann demnach einer baldigen Vollendung entgegensehen. — Der Schwadrons-Chef im Generalstab der Artillerie, Secretär der Commission für Küstenvertheidigung Bernard Abraham (aus Nancy), ist zum Oberstlieutenant der Artillerie avancirt. Großbritannien. London, im Juli. Die Königin hat dem Herrn Saul Samuel, General - Postmeister von New - Wales, Mitglied des Ministeriums dieser wichtigen Colonie, den Orden des h. Michael und Georg verliehen. Türkei. Smyrna, im Juli. Der Bericht der Anglo Jewish Association enthält einige Einzelheiten über die Zustände der hiesigen großen israelitischen Gemeinde, die für Ihre Leser von Interesse sein möchten. Die jüdische Gemeinde dieses Emporiums der Levante zählt nicht weniger als 3500 Familien und fast 20,000 Seelen. Aber es giebt unter diesen nur ungefähr 100 Familien, die man als reich betrachten kann, und die ein Vermögen von acht bis zehntausend Pfund türkisch (fünfzig bis sechszigtausend Thalern) besitzen; diese bilden die höhere Classe und machen eine Art Aristokratie aus; ihre männlichen Mitglieder liegen fämmt- , lich dem Handel ob. Die mittlere Classe, die 1500 bis 2000 Familien zählt, besteht aus Detailhändlern, Handwerkern und Arbeitern, kurz aus Leuten, die von ihrer Arbeit leben. Dazu giebt es fast 500 Familien, deren Häupter den Titel Rabbiner tragen. Endlich haben wir ungefähr 1000 Familien, die keine Subsistenzmittel haben, von der öffentlichen Wohlthätigkeit leben und aus dem jüdischen Viertel eines der traurigsten und unangenehmsten von Smyrna machen. Die Juden in Smyrna leben, mit Ausnahme einiger wenigen, in der türkischen Art, sowohl in Bezug auf die Behandlung der Frauen, als der Weise des Wohnens und Speisens. Sie schlafen auf dem Boden; die ganze Familie speist oft aus einer Schüssel und trinkt auseinem Becher. Die Häuser sind ziemlich reinlich; — wenigstens der Hof, der meist als Wohnzimmer dient. Andrerseits werden die Zimmer vernachlässigt und sind dermaßen von Ungeziefer angefüllt, daß die Einwohner während des Sommers auf dem Dckche oder im Hofe schlafen müffen. Die Leute wechseln nur einmal in der Woche die Wäsche, und die Männer verwenden keine große Pflege auf ihr Haar. Die Erziehung der Kinder wird der Mutter anvertraut; der Vater kommt nie vor dem Abend nach Haus zurück, wenn K. 0. V.