Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1874)
- Date
- 1874-08-11
- Page
- Seite 557 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Anselm Freiherr v. Rothschild, der ein Alter von 71 Jahren erreichte, wurde im Jahre 1803 zu Frankfurt a. M. geboren, woselbst er auch die ersten Jahre seiner Jugend verlebte. Später zog er an die Universität Berlin, wo er den Grund zu der umfassenden Bildung legte, welche ihn, von dem man wohl sagen konnte, daß er es /.gottlob nicht nöthig habe", in hoheck Maße auszeichnete. Nachdem er die Universität verlassen hatte, trat er in das Pariser Geschäft seines berühmten Oheims James, unter dessen Leitung er sich für den künftigen Beruf: der Chef eines so bedeutenden Wellhauses zu werden, genügend vorbereiten konnte. Große Reisen nach den bedeutendsten Stapelplätzen des internationalen Handelsverkehrs erweiterten seinen geschäftsmännischen Horizont, und als sein Vater, welcher dem Frankfurter Geschäfte Vorstand, alt und schwach geworden, war Baron Anselm genügend mit Kenntnissen und Erfahrungen ausgestattet, um an dessen schwierigen Posten zu treten. Im Jahre 1855 endlich übersiedelte er in unsere Stadt, und seither war er der Chef des Wiener Hauses. Baron Rothschild war der Kaiserstadt mit vieler Sympathie zugethan; nachdem er das österreichische Staatsbürgerthum erworben chatte, ward er auch Bürger von Wien. Das Leiden, welchem Baron Rothschild erlag, quälte ihn durch volle zwanzig Jahre; es war die Prostata. Im vorigen Jahre wurde die Krankheit so hochgradig, daß sie den nunmehr Verschiedenen durch mehrere Wochen an's Bett fesselte. Damäls schön gaben die Aerzte alle Hoffnung auf gänzliche Besserung auf, doch erholte sich Baron Rothschild nach und nach so weit, um seinen gewöhnlichen Beschäftigungen nachgehen zu könnend Im Herbste vorigen Jahres riechen ihm die Aerzte das milde Klima von Görz; es schaffte dem Kranken einige Erleichterung, und als er nach Wien zurückkehrte, hoffte er so entschieden auf eine Genesung, daß er weitaussehende Pläne, die sich auf einen Umbau seines Palais bezogen, faßte. Vor wenigen Wochen conferirte er noch eingehend mit dem Stadtgärtner Dr. Siebeck wegen der Anlage eines Parkes hinter seinem Palais. Seit vierzehn Tagen machte sich eine rapide Abnahme der Kräfte bemerkbar, in den letzten Tagen machten die Aerzte der Familie kein Hehl mehr aus der ernsten Lage des Kranken, welcher seit vorgestern ohne Bewußtsein lag. Als Samstag zwei seiner Söhne in Wien anlangten und zu dem Bette traten, kannte sie der greise Kranke nicht mehr. Im Laufe des gestrigen Tages trat eine ganz vorübergehende Besserung ein, die jedoch nicht mehr so weit vorschritt, daß dem Kranken die einzige Nahrung, welche er seit Langem zu sich nahm, lautere Milch, zugeführt werden konnte. Heute Vormittags um 10 Uhr verfiel Baron Rothschild in Agonie, die Söhne und die nächsten Freunde des Hauses wichen nicht von dem Krankenbette, bis; wenige Minuten vor 6 Uhr Abends der Tod eintrat. Freiherr Anselm von Rothschild beobachtete, im Leben die rituellen Gebräuche seines Glaubens, und unter Einhaltung derselben ist er auch verschieden. Zehn Männer sprachen die üblichen Todtengebete.. - Nach eingetretenem Tode verließen die Söhne das Haus; heute Abends treffen die Töchter des Verstorbenen hier ein. Die Gattin des Barons ist ihm schon im Jahre 1859 ün Tode vorausgegangen; sie stammte aus dem englischen Zweige der Familie. Die Ehe, welche stets als eine sehr glückliche geschildert wurde, war von sieben Kindern gesegnet, welche sämmtlich noch am Leben sind. Baron Rothschild hinterläßt drei Söhne: Nathaniel, Salomon Albert und Ferdinand, und vier Töchter: Julie, welche an Adolph Freiherrn v. Rothschild in Genf vermählt ist, Mathilde, welche Baron Wilhelm Rothschild heimgeführt hat und die durch verschiedene Compvfitionen auch in der Künstlerwelt bekannt ist, Louise, welche mit Baron Franchetti in Turin vermählt ist, und Alice, die gegenwärtig noch unvermählt ist und bei ihren Verwandten in London lebt. Morgen soll die Testamentseröffnüng erfolgen, welcher eine Sichtung der zahlreich vorhandenen Documente vorausgehen muß, da dem Testament.ein Codicill und mehrere andere letztwillige Verfügungen beigegeben sind. . Das Original des Testaments ist in Frankfurt deponirt, nur ein Duplicat davon befindet sich hier in Wien. Es wurde auch ein eigenhändiges Schreiben des Verstorbenen vorgefunden, das in der Stunde seines Todes ohne Rücksicht darauf, ob alle seine Söhne versammelt sind, geöffnet werden sollte. Nach der Bekanntgabe des Testaments erst wird die Leiche in der Familiengruft zu Frankfurt am Main bestattet werden. Jedenfalls wird das Leichenbegängniß übermorgen stattsinden. ' . ' Man schildert den Verstorbenen als einen Mann von höchst bescheidenem Auftreten, trotz der außerordentlichen Stellung, welche ihm sein kolossaler Reichthum in der Gesellschaft anwies. Als bezeichnend in dieser Beziehung mag die Thatsache angeführt werden, daß Freiherr v. Rothschild selten anders als im schmucklosen Frack des einfachen Bürgers erschien, während die zahllosen Orden, die ihm von allen Potentaten verliehen wurden, daheim unter Verschluß ruhten. Der Kaiser von Oesterreich hatte den Baron mit der eisernen Krone erster Classe ausgezeichnet, mit welchem Orden bekanntlich die Geheimrathswürde und der Excellenztitel verbunden sind. Der Decorirte war jedoch nicht dazu zu bewegen, daß er diese ihm zustehenden Rechte anspreche, trotzdem einflußreiche Persönlichkeiten und seine Umgebung ihn lange zu diesem Schritte drängten. Sogar an sein religiöses Gefühl wurde mit dem Hinweise appellirt, daß er der Erste unter seinen Glaubensgenosien sei, der solcher Auszeichnung theilhaftig werde. „Ich bin Kaufmann und keine Excellenz," lautete, feine stereotype Antwort, „und es würde mich sonderbar berühren, wenn mich meine Geschäftsgenossen im commerciellen Verkehre mit Excellenz titulirten." Wir haben bereits hervorgehoben; daß Baron Rothschild eine umfassende Bildung sein eigen nannte, die auch in einem regen künstlerischen Sinne Ausdruck fand. , Auf dem Todtenbette noch las et das neueste Werk von Gregorovius über Lucrezia