Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1874)
- Date
- 1874-08-11
- Page
- Seite 556 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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können nach ihm die Juden wegen ihrer Nationalität den Völkern nur Fremdlinge bleiben, an der anderen aber behauptet er, daß, seitdem die Völker christlich geworden, ihre Nationalität gar nichts mehri zu bedeuten habe und nur ein sehr fecundäres Gewicht besitze. Er wirft sogar den Juden ihre hebräische Gebetsprache vor, die er. darum ihre „Muttersprache nennt, und vergißt, daß die römische Kirche in lateinischer Sprache betet, die demnach die „Muttersprache" aller Katholiken wäre, was. freilich der Römling wohl wünschen mag. Er behauptet, die Juden hätten „das Ausbeutungssystem" erfunden, und bedenkt nicht, daß es gerade die Feudalen und die Geistlichkeit des Mittelalters waren, welche die Arbeit des Volkes in maßlosester Weise ausbeüteten, wie es die alte Welt mit den Sklaven Lhat, und daß erst die moderne Zeit das Volk von diesen Lasten befreite und ein freies Verhältniß zwischen Angebot und Preis erschuf. Seine corrupte Ansicht geht so weit,, daß er Alles, was im deutschen Reiche geschieht, nur um der Juden willen geschehen läßt; die obligatorische Civilehe kommt, nur den Juden zu Gute, weil dadurch dem Christenthume der Einfluß auf das Familienleben entzogen werde; das neue Münzstzstem mit der Goldwährung bringt nur den Juden Nutzen, weil es den Transport des Geldes erleichtert, viel besser wäre die Kupserwährung! (Gerade das Gegentheil findet statt, denn je . schwerer der Transport, des Geldes ist, desto mehr müssen die Banquiers in Anspruch genommen werden.) Doch genug von diesen Gespinnsten eines verbrannten Gehirns. . Dennoch, können wir nicht schließen, ohne uns ein wenig mit dem Ultramontanismus auseinanderzusetzen. Nicht wir Juden sind es, die. nach einer Herrschaft, Geltung, Unabhängigkeit im Staate und der Gesellschaft streben, und die um dieser Herrschaft willen die Welt befeinden und hassen, welche sich ihnen nicht beugen will — sondern der Ultramontanismus ist dies. Nicht wir Juden bilden eine Organisation, eine feste Gliederung durch alle Staaten und Länder, eine fanatische Hierarchie, die sich blind ihren Häuptern unterwirft —» sondern der Ultramontanismus thut dies. Nicht wir, Juden haben ein Oberhaupt, sogar ein unfehlbares Oberhaupt, dessen Befehle göttlichen Ursprungs feien, außerhalb des Vaterlandes, welches Oberhauptes Geboten wir blinden Gehorsam schuldig seien — sondern der Ultramontanismus hat dies. Nicht wir Juden setzen dem Staate' einen hartnäckigen Widerstand entgegen und verachten dessen Gesetze — sondern der Ultramontanismus thut dies. Nicht wir .Juden bringen Haß und Zwiespalt in die Mitte jedes Volkes und Staates,, hetzen Bürger gegen Bürger, und verdammen alle Meinungen, die mit den unfrigen nicht überein stimmen, als das Werk des Teufels, als. solche, die wir mit aller Macht ausrotten müßten — sondern der Ultramontanismus thut dies. Wir Juden haben und wollen nichts, als unsere ruhige Existenz sichern, unsren Cultus, jedes Individuum nach seinem Gefallen, üben und indem. wir die gleichen Pflichten erfüllen, nicht von Ausnahmegesetzen beschränkt und bedrückt werden. Dies ist der ganze Umfang unseres Verlangens, Streben s, aller unserer Ziele. Wir haben keine Verbindung untereinander in den verschiedenen Ländern, als irgend etwa ein freiwilliger Verein mit einigen tausend zerstreuten Mitgliedern zur Hebung unserer Cultur. In den meisten Ländern stehen die einzelnen Gemeinden in keinem Verbände, und wo ein solcher vorhanden ist, hat ihn der Staat ihnen auferlegt. In Preußen will man jetzt 'sogar diesen Gemeinden die staatlich normirte Verfassung entziehen. In politisch aufgeregten Zeiten stehen sich sogar die Juden der verschiedenen Länder sehr unfreundlich gegenüber, wie es.tatsächlich die dänischen und die französischen Juden gegen die deutschen Juden erwiesen haben. Wir haben nur den einen Zweck, unsere Religion zu erhalten, politische und sociale Zwecke liegen uns völlig fern. Dies ist das einfache und wahre Verhältniß, und es wird den Ultramontanen nicht gelingen, uns zu infinuiren, was sie selbst Herbergen und planen. Deutschland.. Tübingen, 23. Juli. (Privatmitth.) In der Aula der hiesigen Universität hielt heute 0r. Gundelfinger seine academische Antrittsrede als außerordentlicher Professor in der naturwissenschaftlichen Facultät über die Entwickelung der Geometrie, besonders im neunzehnten Jahrhundert. . Bonn, 31. Juli. (Privatm.) In der hiesigen medicinischen Facultät ist der. bisherige Privatdocent, Herr Dr. Nathan Z u n tz, zum außerordentlichen Professor ernannt worden. . Siegburg, 30. Juli. (Privatmitth.) Gestern feierte hier unter großer, freudiger Teilnahme Herr Samuel Wallerstein, welcher vor einigen Jahren sein fünfzigjähriges Jubiläum als Mohel begangen, seine goldene Hochzeit. Drei Rabbiner sandten ihm zu diesem Feste das Diplom als Morenu. Bei dem feierlichen Gottesdienste betete des Jubelpaares Sohn, Lehrer A. Wallerftein in Crefeld, vor, und der andere Sohn, Rabbiner Dr. I. Watterstein in Danzig, hielt die gediegene und tiefergreifende Festrede. Oesterreich-Ungarn. Wien, 27. Juli. (N. ft. Pr.) In seiner Villa in der Hirschengasse zu Döbling verschied heute um die sechste Abendstunde Anselm Salomon Freiherr v. Rothschild, Chef der Wiener Firma des Welthauses gleichen Namens.