Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1874)
- Date
- 1874-08-11
- Page
- Seite 555 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226960-3226994--32823-3255810- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wir werden ver Tagespreise, sowie der Presse überhaupt, ihre bedeutsame Einwirkung nicht absprechen. Sie ist ein großes Mittel des Gedankenaustausches und zu einem unentbehrlichen Bedürfnis geworden. Dennoch aber ist sie eben nur ein Mittel, und das, was man gewöhnlich als ihre Herrschaft bezeichnet, ist zu einem großen Theile nur eingebildet. Die Darstellung der Preffe mag auf die Anschauung und Beurtheilung einzelner Dinge, Vorkommnisse und Maßnahmen einwirken; im großen Ganzen aber bringt der Leser seine Anschauung und Stimmung, seine Ansicht und sein Urtheil zur Lectüre der Presse mit, und läßt sich von ihr durchaus nicht bestimmen. Man sagt gewöhnlich, jeder, Leser lese aus einem Blatte heraus, was ihm gefällt, womit er übereinstimmt. Und dies ist im Ganzen, wahr. Die Presse macht die öffentliche Meinung nicht, sondern wird von ihr geleitet. Ein Blatt, das dieser dauernd widerstrebt, wird vom Publikum verlassen. Ein jedes Blatt hat seine Partei und wird von dieser gehalten. Es ordnet sich deshalb, um fortzubestehen, dieser unter, und dient ihr als Werkzeug. Es ist unwahr, daß die gegenwärtigen Menschen unselbstständig in ihrem Urtheile seien. Ihre Selbstständigkeit beweist sich darin, daß sie Partei ergreifen; gehören sie einer solchen erst an, dann lassen sie sich auch von ihr influiren, und es entsteht eine Parteidisciplin. Eine große schwankende Masse giebt es nur in Zeiten, wo es keinen tiefgehenden Stteit, keine schneidenden Parteigegensätze giebt, und diese Masse läßt sich dann auch nicht von extravaganten Preßproducten lxiten, die vielmehr. ihr Lachen oder ihren Unwillen erregen. Die Presse ist daher am wenigsten selbstständig; sie hängt entweder von Parteiführern oder vom Publikum ab, dem sie gefällt oder mißfällt, um dessen Gunst sie daher wirbt, nach dessen Geschmack sie sich richtet, dessen Urtheilen und Wünschen sie dient. Wie wenig die Preffe eine wirkliche Herrschaft ausübt, ersieht man in jeder Zeit, wo irgend ein Conflict entsteht. Die Wogen der Preffe zerschellen da ohnmächtig an den festen Entschlüssen der Gewalthaber oder an dem die Menge beherrschenden Willen; die kräftigste Parteipreffe vermag nichts, wenn die Partei selbst unterliegt; höchstens vermag sie Oes in's Feuer zu gießen. Wir glauben übrigens nicht, daß die sämmtlichen liberalen Blätter auch nur einen Ultramontanen, und daß sämmtliche ultramontanen Blätter auch nur einen Liberalen bekehrt haben. > Ohne also der Börse, wie der Presse eine bedeuteude Wirksamkeit abzusprechen, glauben wir die Behauptung von ihrer, Alles bewältigenden Herrschaft als Hirngespinst erwiesen zu haben, GraMes Freiherrn von Rothschild zugleich mit den Erinnerungen an eine »mefcte Finanzpolitik auch den Repräsentanten einer vergangenen Cultnrepoche emschließen. So wie nicht der Luxus, sondern der Massenverbrauch in unseren Tagen die Industrie nährt, so ist für das Nationalvermögen nicht entscheidend das Vermögen Einzelner, sondern der allgemeine Wohlstand. Das Capital hat sich democratistrt, wahrend Freiherr von Rothschild noch der Repräsentant der Aristokratie des Capitals war, deren Macht durch die Concurrenz der kleinen,Ersparnisse gebrochen wurde." erfunden, um den Juden durch diese Beiden eine Herrschaft zuschreiben zu können. Aber ebensowenig, wie Börse, Handel und Industrie — man braucht nur nach den wahren großen Emporen derselben zu gehen — in den Händen der Juden liegen, ist die Presse, und diese noch weniger, unter jüdischer Botmäßigkeit. Weil einige Redacteure und Zeitungscorrespondenten Juden sind,,, die aber gegen die ungeheure Zahl der christlichen Redacteure und Correspondenten einen unbedeutenden Bruchtheil ausmachen, ist jenen Judenhaffern die ganze Preffe jüdisch. Diese Thatsache aber können sie nicht leugnen. Sie wissen sich jedoch zu helfen. Sie sagen (S. 47): „Die jüdische Tagespresse hat aber bereits ein so weites Terrain genommen, daß sie nicht mehr von Juden redigirt zu werden braucht; es. ist die christliche schon so sehr verjudet, daß ein wesentlicher Unterschied zwischen Beiden kaum noch erkenntlich." So sprachen Bruno Bauer und Wagener, so spricht Constantin Frantz. Vor solcher Behauptung kann man die Frage nach Beweisen nicht aufstellen. Nur die Frage bleibt: was nennen denn diese Leute christlich, und was jüdisch? nach der Definition dieser beiden Begriffe, um die sich doch Alles, was sie sagen, dreht, sucht man vergebens bei Bruno Bauer, vergebens bei Constantin Frantz. Letzterer giebt zwar zu verstehen: Alles, was nicht christlich, d. h. für ihn ultramontan ist, das ist jüdisch. Diesen Hokuspokus aber kann man nur belächeln. Ist nicht die moderne Bildung vorzugsweise aus der antiken erflossen und nährt sich daran noch Tag. für Tag? Antik ist aber noch ein größerer Gegensatz gegen das Judenthum, wie gegen das Christenthum. Und haben die Juden ihre moderne Bildung, als man ihnen gestattete, ihre Ghetti zu verlassen, nicht. von den modernen Christen erhalten? Die Willkür in allen diesen Behauptungen und Anschuldigungen ist daher so offenbar, wie das Tageslicht, das freilich jene Nachtvögel auch scheuen. Wir würden auch gar nicht auf eine Widerlegung eingegangen sein, wenn wir nicht doch die allgemeinen Verhältnisse klarer zu legen mithelfen wollten, und unsere Gegner jedes Stillschweigen für ein Zugestänvniß ausgäben. Ohne in Einzelnes einzugehen, können wir doch nicht umhin, zu bemerken, wie die von den Ulttamontanen hochbelobte Schrift des Herrn Frantz von den grellsten Widersprüchen und den widersinnigsten Behauptungen wimmelt. Die Juden sind ihm nichts als „Mumien", sie „vegetiren" nur — und doch streben sie ihm nicht allein nach der Herrschaft der Welt, sondern haben diese auch bereits erlangt und wandeln die ganze Welt nach ihrer Eigenart um! Welch' ein köstliches Bild, wie die vierzig Millionen Deutsche „nach der Pfeife" dieser „Mumien" tanzen! Die Juden bilden sich aus der eineu Seite ein, das auserwählte Volk Gottes zu sein, und wird ihnen idies vorgeworfen; auf der anderen Seite besinnt sich der fromme Christ, daß er als solcher dies auch glauben müsse, findet dies ganz und gar richtig und verhöhnt den Nationalismus, daß dieser darum die Geschichte der Juden gar nicht verstehe. An der einen Stelle