Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1874)
- Date
- 1874-08-11
- Page
- Seite 554 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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bei und citirt seme Kraftstellen. Wohl, so finde sie sich auch mit der Wahrheit und dem gesunden Menschenverstände ab. Hieraus wird es einleuchten, daß die ganze Feindseligkeit gegen die Juden nur das Mittel ist, um dem deutschen Reiche möglichst zu schaden, es dem Volke als den Gegensatz zur christlichen Religion zu insinuiren, es dem Deutschthum als völlig entfremdet darzustellen, und es so verächtlich zu machen. Es ist eine Maulwurfsarbeit, die den Garten nicht zu verwüsten, doch aber vielen gefunden Pflanzen die Wurzel zu zernagen und den Boden zu entziehen vermag. Um diesen Zweck zu erreichen, hat man ein ganzes System fabricirt, wie wir dies im vorigen Artikel gezeigt haben. Aber an diesem Systeme ist Alles falsch und erdichtet. Der Ultramontanismus ist nicht mit dem Katholicismus, und dieser nicht mit dem Christenthume ein und dasselbe. Man braucht nur auf die griechisch-katholische und die ganze protestantische Kirche zu blicken. Die Börse ist nicht mit dem Hause Rothschild und dieses nicht mit der Iudenheit (oder „Judenschaft", wie Frantz durchaus sagen will) identisch. Denn das Haus.Rothschild, ist nur eines der vielen größeren Bankhäuser, welche durchaus nicht von jenem abhangen, ja es vielfach bekämpfen; neben den jüd. Bankhäusern stehen noch zahlreichere christliche Bankhäuser, und gerade die großen: Bankinstitute, wie in Wien, Berlin, Paris, London ff. werden von Christen geleitet und von Juden in nichts influirt. Was wollen aber die Juden, welche Banquiers sind, gegen die große jüdische Volksmasse sagen, die mit jenen gar nichts zu schaffen hat, von ihnen nicht abhängt, und von dev Jeder seinem Gewerbe nachgeht. Diese Börsenmanner haben mit dem Judenthume und der Judenheit nichts zu schaffen; sie lassen ihren Wohlthätigkeitsanstalten dann und wann einen Brosamen zukommen; sie haben weder für die geistige Cultur, noch für die bürgerliche Gleichstellung auch nur das Geringste gethan, vielmehr in traurigen Fällen, wie z. B. in Rumänien, jede thatkräftige Intervention unterlasien; sie sind ihrer Mehrzahl nach religiös indifferent. Aber selbst das ist falsch, daß Börse und Presse die eigentliche Herrschaft im modernen Staate üben, und daß sie unter der Herrschaft der Juden stehen. Alles dies ist erdichtet, und zwar tendenziös erdichtet, um dem Volke ein falsches Gewebe über die Augen zu werfen. . ' Die Börse ist. keine Herrin, sondern eine Magd. Sie macht die Ereignisse nicht, sondern sie folgt diesen, zitternd und spürend, um sich aufrecht zu erhalten. Jede Bewegung der Börse hängt von der Bewegung der Machthaber und den selbstständigen Maßnahmen ab, die sie ergreifen. Wäre es anders, hätte die Börse die'geringste bestimmende Einwirkung, so würde sie auf die Ereignisse gefaßt sein, nicht an jedem Tage eines Ereignisses Köpf und Haltung verlieren und nach jedem Strohhalme haschen; sie würde nicht die geringe Voraussicht eiweifen, welche sich von kleinen und großen Krisen überraschen und hinreißen läßt. Die Börse kann ihrer Natur nach auch gar keine Macht sein und keine Herrschaft üben, denn sie selbst besteht immerfort aus zwei feindlichen Parteien, denen, die auf das Steigen--und denen, die auf das Fallen der Papiere hinarbeiren, die sich auf Tod und Leben befehden und einander das Widerpart halten. Die Börse ist vielmehr eine Magd, denn sie dient Jedem, der ihr Sicherheit und Gewinn verspricht; und wenn es auch unter den Banquiers wahrhafte Patrioten, so gut wie in den anderen Bolksclassen, giebt, so hat dies doch auf die Börse als Gesammtanstalt, als eine Weltanstalt, die sie ihrer Natur und ihrem Zwecke nach sein muß, keinen Einfluß. Ebenso wenig ist die Börse die Inhaberin der Capitalien, welche vielmehr dem großen Publikum gehören. Daher kommt alles darauf an, ob im Publikum Vertrauen vorhanden ist, um der Börse die Capitalien zuzuführen, oder nicht. Innerhalb oer Börse geht nur die Werthbewegung des Geldes und der Geldzeichen vor sich; aber nur im Kleinen ist die Börse Herrin dieser Bewegung, im Großen und Ganzen liegen die Factoren dieser Bewegung ganz außerhalb der Börse. Die Börse ist daher nichts als ein Werkzeug für Entleihen und Verleihen, ein Werkzeug, das durchaus nichtdurch sich selbst, sondern von den Machthabern, Ereignissen, den vorherrschenden Leidenschaften und dem Vertrauen des Publikums dirigirt wird. Ebenso ist sie durchaus nicht die Beherrscherin der Industrie und des Handels, sondern auch für diese nur die Dienerin. Heben sich Industrie und Handel, so bedürfen sie der Capitalien, und um diese leichter zu erhalten, bedürfen sie der Bankinstitute, die ihnen bereitwillig die Mittel verschaffen, so lange jene irgend welche Sicherheit versprechen. Die Börse hängt daher vielmehr vom Aufschwung und den Schwankungen der Industrie und des Handels ab, als diese von jener. Wenn durch Krieg, Mißwachs oder Ueberspeculation eine Handelskrise oder Stockung entsteht, so leidet die Börse nicht weniger darunter, ist aber sofort wieder dienstbereit, wenn jene Stockung oder Krise vorüber ist. Unter einer Börsenkrise leiden Industrie und Handel nur in so weit, als dadurch das Vermögen Vieler gefährdet und die Leichtigkeit des Gelvaustaufches einen Moment lang vermindert ist. Dies ist das wahre Wesen der Börse, und die durch diese geübte Herrschaft ist nur ein Blendwerk, das bei genauerer Prüfung zu Nichts verfliegt.*) *> Während des absolutistischen Regiments spielte allerdings in Oesterreich das Haus Rothschild eine finanz-politische Rolle. Mit dem Jahre 1860 hörte dies gänzlich auf. Ein neuerer Schriftsteller sagt: „Unsere Zeit ist nicht darnach angethan, um dem persönlichen Vermögen einen weiten Spielraum zu v erstatten. Die Association ist das Mittel, um all' jene Schreckgebilde zu zerstreuen, welche die Socialisten von der Tendenz des Capitals, ftcMit wenige Hände zu accumuliren, entwarfen. Was will der größte Reichthum' eines Hauses bedeuten gegen die Milliarden von Ersparnissen, welche die Culturarbeit in jedem Jahre der Production auf's neue zuführt? So wie die Kreidefelsen Englands sich aus Milliarden von Mufchelthieren gebildet haben, so entstehen die Wunderbauten und Riesennnternehmungen unseres Jahrhunderts aus den kleinsten Atomen, welche die menschliche Wirthschaft von einem Jahre in das folgende als ihren Gewinn überträgt. Die moderne Creditorganisation und Sparkrrft hat die wirthschastliche Bedeutung der großen Vermögen sehr vermindert, und deshalb wird das