Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1874)
- Date
- 1874-08-11
- Page
- Seite 553 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226960-3226994--32821-3255808- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
noch viel ärger sein müßten? Der Kampf um das Dasein zwingt auch den Gedrücktesten und -Beengtesten Waffen in die Hand, die dem'Bedrücker unbequem und schädlich werden. Ihr seid daher nicht die Freunde, sondern die Feinde Eures Vaterlandes, nicht die Vertheidiger, sondern die Gegner des Wohles Eurer christlichen Mitbürger. Denn Jedermann, der sich nicht von blindem Ingrimm beherrschen läßt, sieht ein, Laß solche Zustände nicht durch fortgesetzte und vermehrte Bedrückung, sondern durch Erleichterung, insonders durch Freizügigkeit, durch die freie örtliche und gewerbliche Bewegung beseitigt werden können. Schmähen und Verfolgen ist leicht und bequem, aber auch gefährlich für diejenigen, die dieses Handwerk treiben. Wahre und-richtige Mittel zur Verbesserung und znm echten Wohle des Vaterlandes zu finden, ist schwerer, jedoch nur schwer, weil man sie nicht sehen und ergreifen will. Wohlan, entweder nehmt das Henkerbeil zur Hand und schlachtet die drei Millionen Juden hin — oder gebt ihnen die freie Bewegung, durch welche sie sich aus ihrer elenden Lage schon selbst und zum Wohl des Vaterlandes retten werden. Thut Ihr beides nicht, so seid Ihr _ mit erbärmliche Winkelschreiber, die um des Geldes und des Hasses willen nichts als gemeine Schmähartikel schmieden können und wollen! Zu der hohen Kaiserlichen Regierung haben wir das Vertrauen, daß sie gerade aus diesen systematischen Hetzereien gegen die Juden die Einsicht erhalten werde, welche schmutzige Quellen hier sprudeln! Jede Staatsregierung geht irre, wenn sie sich auf Seilen extremer Auslassungen stellt; sie muß die Menschen genug kennen, um zu wissen, daß der offenbare Haß übertreibt, erfindet und verfälscht. Diesem nachzugeben, bereitet dem Ganzen die schädlichsten Folgen. Hoffen wir, daß auch hier das Extrem seine Pfeile über das Ziel hinausschießt. Hoffen wir, daß früher oder später die Consequenzen dessen, was sich als eine große Wohlthat für den ganzen Staat erweist, auch für die Juden gezogen werden. Bittere Tage gehen auch vorüber, und unsere Zeit ist uns Bürgschaft, daß das Licht und die Wahrheit doch durchdringen, wie viele Hände auch zeitweise geschäftig sind, Nebel und Dunkelheit zu verbreiten. Ae „Derjudnng" des ULtrarnontanismus. III. Es ist nicht unsere Gewohnheit, einer ganzen Partei in die Schuhe zu schieben, was irgend Einer, der sich als ihr Vertreter gerirt, sündigt. Wir überlassen deshalb dem Herrn Constantin Frantz allein die Verantwortlichkeit für den glühenden Haß, den er gegen das deutsche Reich empfindet und zum Ausdruck bringt. Dasselbe ist ihm „durch den Machiavellismus von 1866" gegründet und hat „eine Verfassung, welche Lanz eben so gut für Türken und Heiden als für ein christliches Volk gellen könnte." (S. 7). Es ist ihm „eine Gewalt, die selbst aus dem Bruche mit der . geschichtlichen Entwickelung hervorging und um ihrer eigenen Existenz willen alles zu beseitigen sucht, was vielmehr die Eontinuitätund die Tradition repräsentirt"; ihm ist es „die österreichische Monarchie, die nach ihrem eigenen Charakter auf Erbrecht und traditioneller Entwickelung beruht." (S. 23. 24.). Ob die geschichtliche Entwickelung die deutsche Nation seit langen Zeiten zu Wiedererlangung ihrer nationalen Einheit geführt, ja getrieben hat, und nur gewaltsam darin behindert worden; ob die meisten deutschen Einzelstaaten in ihrem Umfange nicht auf Erbrecht und Tradition, sondern auf dem Schwerte Napoleons und den Beschlüssen des Wiener Congresses beruhen; ob die contmuirliche Entwickelung nach dem Sinne jener Herren in Oesterreich weit mehr als in anderen. Staaten im Jahre 1848 abgebrochen worden; was kümmert das diese Herren, denen das Recht doch nur auf ganz äußerlichen Momenten und einzelnen Personen oder Ständen beruht! Ihm ist das deutsche Reich „von Gestern, und je mehr jetzt die bisherigen Befugnisse und Machtmittel der Einzelstaaten an die Reichsgewalt übergehn, um so mehr bildet sich dadurch ein Zustand, der in sich selbst haltungslos, wie in Frankreich, nur auf künstlichen Eombinationn beruht." Gewiß, die gemeinsamen Bedürfnisse einer großen Nation sind „haltungslos", aber der souveräne Bestand kleiner Staaten , welche bei jedem Sturme von innen und von außen schwankten und wankten und ohne Preußens Hülfe rettungslos verloren waren, diese , sind das Ideal und das. Ziel der deutschen .Nation, da sie so leicht von einer fremden Macht, sei diese von Osten oder von Westen oder von Rom her, beherrscht werden! Dieses deutsche Reich soll nun nach Constantia Frantz völlig „verjudet" sein und ganz unter der „Judenherrschaft" stehen. Es will ein Rechtsstaat sein — dieser Begriff empört Herrn Frantz — und die Juden seien die wahren „Rechtsfreunde". Das Reich könne nur durch „Geldmacht" erhalten werden, und da seien die Juden bei der Hand. (Man vergleiche die Finanzen des deutschen Reichs und Preußens mit denen.aller anderen Staaten z. B. Oesterreichs!) Im deutschen Reiche haben die Juden bürgerliche Gleichstellung, und das sei gleichbedeutend damit, daß dem Christenthume jeglicher Einfluß auf das bürgerliche Leben genommen sei — aber dieselbe Gleichstellung findet ja auch in den übrigen Ländern statt, auch da, wo. jetzt die Ultramontanen die Herren spielen! Ja> ein Jude könne auch deutscher Reichskanzler werden! und Herr Frantz nimmt sogar einen jüdischen Kaiser in Aussicht und ergeht sich wohlgefällig in diesem Gedanken. (S. 32. 33.) Er ruft sogar S. 36 aus: „Die Verjudung" ist erst die rechte Illustration zu den „großen Erfolgen" von 1866 und 1870: ganz Deutschland nach der-Judenpfeife tanzend!" Hatten' wir nun nicht recht, vom Blödsinne des Herrn Frantz zu sprechen? einen Blödsinn, der gar nicht zu widerlegen ist, da man mit einem Blödsinnigen nicht rechten kann? Aber die ultramontane Presse, die „Kölnische Volkszeitung" voran, lobpreist die Schrift dieses Mannes,, stimmt ihr mit vollen Backen