Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1874)
- Date
- 1874-08-11
- Page
- Seite 552 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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552 Kinder einem besseren Schulunterrichte zuzüführen, so daß der Zufluß jüdischer Knaben zu den öffentlichen Schulen ein sehr großer werde, und daß hierim selbst die Chassidinf nicht zurückstehen. Aber vielleicht hat gerade dieser Umstand die Gegner von Neuem in Bewegung gesetzt, und sie haben diesmal mit ihrem grausamen Ausnahmegesetze wieder den Sieg gewonnen. Denn wir werden gleich sehen, daß dieses letztere mit einer anderen auffälligen Erscheinung zusammentrifft. Dieses Ausnahmegesetz besteht darin, daß kein Jude, außer in den Provinzen, in welchen sie bis jetzt wohnen durften, und auch hier nur in einem eigenen Hause und nur mit jüdischen Gehülfen, den Ausschank geistiger Getränke, vom 1. Januar 1875 an, betreiben dürfen, und daß kein jüdischer Gehülfe anders als bei Juden dienen solle. Dieses Gesetz macht, wie uns berichtet wird, eine große Zahl jüdischer Familien mit einem Schlage völlig brodlos, ohne baß sie einen anderen Erwerbszweig finden könnten, dain jenen Gegenden, was nur irgend ein Stück Brod gewährt, bereits außerordentlich übersetzt ist, besonders die Handwerke, die in den polnischen Städten fast ganz von Juden betrieben werden. Die unglückliche Wirkung dieses Ausnahmegesetzes ist klar; welchen Erfolg nach anderer Seite hin versprechen sich aber die Männer der russischen Regierung? Die Trunksucht des russischen Volkes ist nicht minderausnehmend groß in den ungeheuren Länderstrichen des Reiches, in welchen Juden überhaupt nicht geduldet werden, und sie wird weder gesteigert noch vermindert, ob der Schnaps von christlichen oder von jüd. Händen ausgeschänkt wird. Selbst bei den nomadisirenden Stämmen Mittelasiens, wohin niemals der Fuß eines Juden sich verirrt, wird das berauschendste geistige Getränk gebraut und in Uebermaß genossen. Wie kann man daher die Juden für diese Trunksucht verantwortlich machen? Bei der Mäßigkeit, welche die Juden auszeichnet, wird man nun erleben, daß außer den Gästen auch der Wirth betrunken sein und den Gästen mit dem Beispiele vorangehen, wird, was zur Erziehung zur Nüchternheit just keinen Beitrag giebt. Man kann es uns daher nicht verdenken, wenn wir dieses neue Gesetz nur als einen abermaligen Streich gegen die Juden ansehen, nicht von gesunden volkswirthschaftlichen Einsichten, sondern vom Hasse eingegeben. Denn daß ein solcher unersättlicher Haß, besonders von einer Anzahl getaufter Juden genährt, in Rußland vorhanden ist, das beweiset die andere Erscheinung, die wir obenangedeutet haben. Seit dem Erlaß des neuen Militärgesetzes nämlich hat sich der ganzen russischen Zeitungspresse von Odessa bis Petersburg! ein wahrer Rausch der Judengehäsfigkeit bemächtigt, und es vergeht kaum ein Tag, wo nicht bald in diesem, bald im jenem ansehnlichen Blatte die furchtbarsten Anschuldigungen auf die Juden geschleudert werden. Es ist wie eine völlige Verschwörung , die das Verderben der Juden und den gräßlichstem Haß gegen sie zum Ziele hat. Neu ist allerdings nicht, daß ' eine solche Gesinnung in russischen Blättern zum Vorschein kommt? neu ist nur, daß dies so allgemein und so ununterbrochen geschieht, und daß sich auch nicht eine einzige, wenn auch nur bescheidene Stimme dagegen verlautbar macht.Diese Todfeinde der schon so unglücklichen jüdischen Masse nehmen das Feld allein ein und ganz. Allerdings ist es sehr zu verwundern, daß die Juden selbst so still halten, daß aus ihrer eigenen Mitte, in welcher sie doch schon Männer genug zählen, welche der Feder in der Landessprache mächtig sind, Niemand gegen dieses wüste Treiben der Presse aufzutreten wagt und auftritt, daß die reichen Juden Petersburgs nicht ein russisches Organ gründen, welches diese schändlichen Angriffe zurückweisen, diese immer wiederholten Behauptungen in ihrer Falschheit, und Bosheit.gründlich in's Licht setze. Es wäre dies ja nicht blos ein Act der Selbsterhaltung, sondern auch eine Pflicht gegen den Staat und die Wahrheit! Wenn wir bedenken, mit welcher Ausdauer und Unerschrockenheit die deutschen Juden gegen ihre Hasser ankämpften und den Erfolg errangen, diejenigen eines Besseren zu belehren, welche dafür zugänglich waren und so die öffentliche Meinung für eine richtige und vorurtheilslose Beurtheilung zu stimmen: so ist uns eine solche Erschlaffung ein Räthsel,, und die russischen Juden haben sich weniger zu beklagen, wenn das Unheil sie trifft. Es widerstrebt uns, in die Einzelheiten dieser böswilligeu Angriffe einzugehen; genug daß wir constatiren, wie vom „Kiewlianin", „Odesski Wiestnik", die „Russische Welt" bis zur „St. Petersburger Zeitung" und dem „Golos" sich alle russischen Zeitungen hierzu hergeben, fort und fort die falschesten Berichte und Correspondenzen über die Juden auch aus dem Auslande bringen und systematisch die Volksgesinnung vergiften, ohne daß das geringste Gegenmittel versucht wird. Wir können nicht glauben, daß die russische Regierung jede, wenn nur gemäßigte Gegenrede und Widerlegung untersagen und unterdrücken würde. Andrerseits, was haben die russischen Juden zu fürchten, was sie nickt schon erleiden, wenn sie durch ihre Vertheidigung Personen verletzen, welche Stellungen einnehmen, in denen sie dem einzelnen Juden schaden können? Hier muß man Muth haben und sich für das allgemeine Wohl einer Gefahr aussetzen können., Solche Gefahren haben zu Zeiten auch wir deutsche Juden bestanden, und schreckten nicht zurück, persönliche Interessen zum Opfer zu bringen. Auch haben wir immer das Wort Börne's bewährt gefunden, daß der geschickte Schriftsteller trotz. Censur und Repressivgesetz Alles sagen könne, was er wolle, wenn er es geschickt einzukleiden wisse. Jenen Judenthum Verfolgern sagen wir aber nur: was wollt Ihr? Gesetzt, es wäre wahr, was Ihr von den Juden behauptet — was wir jedoch durchaus nickt zugeben, denn wir würden in diesem Falle lügen, wie Ihr selbst — könnt Ihr leugnen, daß diese üblen Zustände nur durch Euren Druck, Eure Absperrung, Eure Beschränkungen, Eure Ausnahmegesetze bewirkt worden sind? Daß solche Zustände, wenn nicht noch ein guter unv fester Fond in den Juden, vorhanden wäre, . der Natur der Dinge gemäß