Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1874)
- Date
- 1874-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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'Allgemeine Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philipp soll in Bonn. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. 38. Jahrgang. Leipzig, den 11, August 1874. 33 Mese Zeiümg erscheint wöchentlich einmal in 2 -iS 2% Bogen. Preis Vierteljährig 1 Thlr. Inserate werden mit 2 Ngr. fite die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Bestellungen an. Sn redactionellm Angelegenheiten wende man sich an vr. L. Philippso« in Bonn; hinsichtlich des Bezugs und der Inserate an LanmgSrlner'o Suchtiandlang inLeipzig. Inserate, welche bis KounerZtag eingehen, finden inderdarauffolgenden Nummer Berücksichtigung. Inhalt. Leitende Artikel: Aus--Rußland. — Die „Verjudung" des Ultramontanismus. M. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Tübingen, Bonn, Siegburg. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Prag. — Frankreich: Paris. — Großbritannien: London.— Türkei: Smyrna, Konstantinopel. — Feuilleton: Max Cerfberr. — Vermischtes. £eikmdc QLxhbei. Bonn, den 5. August. Äus Rußland. . " Wir haben cheute-«^abermals unsere Blicke auf das große Czarenreich zu wenden, aber sie sind schmerzlicher Art. Mit welcher Befriedigung, mit welchem Jubel begrüßten wir und alle unsere Glaubensgenossen außerhalb Rußlands vor Kurzem den Act der Gerechtigkeit und Einsicht, durch welchen Kaiser Alexander II. und feine Räthe die allgemeine Wehrpflicht allen russischen Unterthanen in gleicher Weise auferleglen und hinsichtlich der Juden jeden, Unterschied aus dem Militärgesetze fern hielten. Auch aus Rußland selbst hatten wir viele jüdische Stimmen vernehmen zu lassen, welche diese gleichartige Behandlung mit ihren christlichen und muhammevanischen Mitbürgern freudig willkommen hießen. Aber, abgesehen von den sicher günstigen Erfolgen dieses Gesetzes selbst, sollte uns nur eine kurze Beruhigung über das Loos dieser, in sovielfaches Eiend versunkenen drei Millionen Glaubensgenossen — denn so viele leben ihrer nach richtigerer Schätzung im russischen Reiche — gewährt sein! Denn schon wieder ist ein Ausnahmegesetz erflossen, welches den Juden mit kurzer Hand ein bis jetzt geübtes Recht abschneidet und-.eine große Zahl von. Familien völlig brodlos macht, völlig, sagetv wir, weil die Erwerbsquellen für die in den Städten der. Westprovinzen dicht zusammengedrängten Juden.so gering sind, daß, die eine verstopft, eine andere sich ihnen nicht, öffnet. Wir hatten geglaubt, daß die Cosequenz der allgemeinen Wehrpflicht auch die allgemeine Freizügigkeit fein würde, die ja als die einzige richtige Lösung der Judenfrage in Rußland allseits betrachtet wird. Denn darin stimmen Alle überein, welche aus den jüd. Zuständen in Rußland ein Studium*) gemacht, daß alle anderweitigen Versuche und Maßnahmen, selbst der yerbefferte Schulunterricht, keinen wesentlichen, und dauernden Erfolg haben könnem o h n e Freizügigkeit und gewerbliche Freiheit. Aber diese natürliche Confequenz wird nicht allein nicht gezogen, sondern vielmehr das alte System einschneidender Beschränkungen immer wieder hervorgeholt und auf die schon halb vernichtete Maffe applicirt. Freilich, wenn wir auf die letzten vierzig Jahre zurückblicken, können wir kaum überrascht werden. Immer ist es über die russischen Juden ergangen, daß, kaum war das drückende Joch auf ihrem Nacken etwas erleichtert worden , man es noch beschwerter auf ihn zurückfallen ließ. Nur diesmal hatten xoix gehofft, daß ein so weiser und gerechter Fortschritt unter dem, die Entwickelung seines Reiches so sicher leitenden Kaiser Alexander II. zu weiteren günstigen Acten, nicht aber zu Rückschritten führen werde. Wir glaubten dies umsomehr, als uns wiederholt und von.mehreren Orten die erfreuliche Kunde kam, daß die russischen Juden durch die Bestimmungen des neuen Militärgesetzes, welche einer gewissen Schulbildung Vergünstigungen hinsichtlich der Dienstzeit gewähren , angetrieben würden, ihre , *) Eine solche Studie liegt uns in dem Berichte vor, den der von der englischen Allianz nach Rußland deshalb gesandte vr. Löwy an diese Gesellschaft abgestattet hat, und aus welchem wir in den nächsten Nummern einen Auszug geben werden. ,