Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1874)
- Date
- 1874-08-04
- Page
- Seite 546 (sequence 12)
- Language
- German
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Ein Mädchen wird in der Regel, sobald es -schon schulfähig ist, eine-ordentliche Mädchenschule.-Pensionat, .ja sogar in; eine Klosterschule geschickt, man verwendet auf dessen Bildung sehr viel Sorgfalt und ebenso viel Sorgfalt, wenn nicht mehr, auf dessen Kleiderputz. Die Tochter muß französisch lernen, mitunter wird sie auch im Piano unterrichtet, kurz, in jeder Hinsicht sind; die svrgevollen Ellern bestrebt, ihrer Tochter eine „feine" . Erziehung zu Theil werden zu lassen. Aber auch hier wird ein wichtiger Zweig der weiblichen Erziehung ganz außer Acht gelassen, ich meine die Wirthschaft. Nachdem es einem Mädchen von „Bildung" nicht mehr ziemt, sich , mit der häuslichen Wirthschaft zu beschäftigen, und man die Zeit besser mit dem Lesen von Romanen sehr delikater Natur verwenden kann, wird die erstgenante Beschäftigung gänzlich aus dem Wörterbuche gestrichen, und .die Tochter ist sonach um so feiner erzogen; und gebildeter. Wenn nun ein mach der oben geschilderten Weise erzogener junger. Mann mit so einem Mädchen;— gewöhnlich in seinem 18. Jahre und ohne seinen Willen zu befragen oder sich darum zu kümmern — verbunden wird, um gemeinsam des Lebens Leid und Freud zu theilen, welche Verschiedenheiten giebt es da, welche Disharmonie; zwischen diesen zwei Extremen, zwischen dem ungeschliffen und roh dastehenden Manne und der wenigstens eingebildeten „feinen" Frau! Dies ist leicht begreiflich und bedarf keines nähern Commentars. : Der Mann, der keinerlei Erwerb kennt und von einem Geschäfte oder .einer Profession. nicht die leiseste Kenntniß hat, derwenn er das dumpfige „Studirzimmer" verläßt und auf die Gäste kommt, alles Alltägliche mit großen Augen und offenem Munde betrachtet und es für etwas Wunderbares hält, kann er mit ruhigem-Gewissen sich sagen, ich werde mit Gottes Hilfe durch meiner Hände Arbeit, oder durch meine Wissenschaft, meiner Familie eine sorgenfreie Zukunft bieten und den Menschen nicht zur Last fallen'? Kann er dies sagen, zumal seine Frau immer größere Anforderungen in Hinsicht des Kleiderputzes an ihn stellt? Nein, gewiß nicht! Ueberdies ist bei den hiesigen, wie im Allgemeinen bei den galizischen Juden, die schlechte Einrichtung getroffen, daß man dem jungen Ehepaare nach der Heirath auf ein oder mehrere Jahre Kost und Quartier bei den Eltern gewährt, was gleich bei der Verlobung besprochen wird. Man sollte da meinen, daß der Mann jetzt die günstige Gelegenheit ergreifen, das Verspätete nachholen, sich in einem Geschäftszweig ausbilden werde, um bcmtt, sobald er selbstständig und auf sich selbst angewiesen ist, schon etwas Sicheres in Händen zu haben. Aber dem ist bei Weitem nicht so. Während des „Kostessens" werden entweder die „Talmudstudien" fortgesetzt, oder, was öfters der Fall ist, die Zeit mit Müßiggang zugebracht, was eigentlich auf Eins herauskommt. Erst nachdem die versprochene Zeit; des Fütterns verstrichen ist, und er daran geht, sich einen eigenen Herd zu gründen, wird an einen Zweck gedacht, dann erst entsteht die Frage/ was zuthun. sei, womit sein Brod verdienen , mit einem Wort/ welcher Beschäftigung sich zuwenden? u . -; Bei solch völliger Unkenntniß von jeder Erwerbsart, sollte man glauben, ist - die Wahl eine sehr schwierigeallein der Entschluß: ist ein sehr leichter, da man auch hier nach einer gewissen Schablone vorgeht. : Der junge Mann wird in der Regel ein Geldwechsler) macht in Papieren und wird schließlich ein gewiegter Börsianer: Am liebsten aber greift er zum Wucher. Es ist dies zwar kein sehr edles Mittel, Geld zu verdienen — durchschnittlich 3 % per Monat ist etwas zu viel — dagegen, wie Figura zeigt, um so einträglicher, und dies bleibt ' am Ende doch die Hauptsache. Daß er bei solchen Geschäften reüsfiren kann — und wirklich reüssirt — ist leicht begreiflich. Wie sollte er' es nichtwenn er wie dazu geschaffen ist: braucht man doch dabei weder Wissen, noch sonst welche Kenntniß zu besitzen. Ganz anders verhält es sich bei Jenen, die sich ein offenes Geschäft zulegen, und zwar, nebenbei bemerkt, in einer Branche, die ihm eben einfällt. Und gerade hier ist es, wo sich die Folgen seiner Unkenntniß am schrecklichsten zeigen, denn nach Verlauf von ganz kurzer Zeit wird das Geschäft gerichtlich gesperrt. Durch seine grelle Unwissenheit hat er verloren, viel verloren, unT konnte sonach seinen Verpflichtungen nicht Nachkommen. Auch das Wenige oder das, Viele. je nachdem wie er heirathete — das er zur Mitgift erhielt, ist nicht mehr da. Ueberdies ist er jetzt schon mehrfacher Familienvater und hat bereits für mehrere satt sein wollende Kinder zu sorgen, ohne daß er die Mittel, ihnen dies zu gewähren, in Händen hätte. Man kann sich die Lage eines solchen Bedauernswerthen denken, elend steht er da, muthlos, und muß am Ende die Zuflucht zu wohlthätigen Menschen nehmen, der Menschheit zur Last fallen. Wer hat an solchem Elend schuld, wer ruft eine solche Lage hervor? Wer sonst mehr als die unsinnige Erziehungsweise der Chafsidim. Hätte der Betreffende etwas Nützliches gelernt, er müßte bann nicht auf's Gerathewohl etwas in die Hand nehmender hätte vorsichtig gehandelt und nicht auf obige Art geendigt. Freilich kann man mir einwenden und Beweise bringen, daß Solche, die just eine chassidische Erziehung genoffen / trotz ihrer Unwissenheit, heute große Kaufleute sind und ein betrachtliches Vermögen besitzen. Wohl ist dies wahraber es sind zumeist Ausnahmsfälle und nicht der Gang der Natur. Der Mensch soll und darf sich nicht auf Zufälle verlaffen, er muß zuerst mit allen möglichen Mitteln trachten, etwas Tüchtiges zu werden, um'der Menschheit nützlich zu sein, und dies zu thun ist eben seine Pflicht und Schuldigkeit. Thüt er es aber nicht und es glückt ihm demungeachtet in seinen Unternehmungen, so ist damit noch immer nicht die rücksichtslose und zuglich barba-