Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1874)
- Date
- 1874-08-04
- Page
- Seite 545 (sequence 11)
- Language
- German
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auf die andere, hingegeneinentschiedenes Nein antworten. Die Chassidim haben von Frömmigkeit einen sonderbaren Begriff. S.i-es sehen die Frömmigkeit nur- Mi der cerernoniellen Ausübung der Gesetze,-im Kopf-an-der-Mauer-schlagen -während des Betens u. dgl>, wollen hingegen von Tugenden, wie z. B. Veredelung der Gefühle, weise Ausnützung der dem Menschen von Gott verliehenen Eigenschaften, in einiger Hinsicht auch von Wohlthätigkeit, nichts wissen. Zwar giebt es auch unter den Chassidim Leute, die die Nothwendigkeit des Fortschrittes einsehen und sich ihm auch anschließen wollen; leider aber bleibt es nur beim Wollen und gelangt nicht zur Ausführung. Wehe Demjenigen, der sich mit derlei Fortschrittsideen trägt, es würde ihm von -Seite seiner Partei nicht wohlergangen sein. Es sei mir gestattet, folgenden wahren Fall zur Bekräftigung dieser Thatsachen anzuführen. Neulich wollte hier -ein Kaufmann die sogenannte polnische Kleidung mit der deutschen vertauschen, da dies, wie er behauptete, sein Geschäft erfordert. Es kam zu den Ohren der Chassidim, und alsbald wurde eine Deputation , bestehend aus den Spitzen der Chassidim, zu dem sich deutschkleiden Wollenden entsendet, um mit allerlei Bitten und Drohungen ihn doch von dem gefährlichen Schrittedes Deutschkleidens abzuhalten, was ihnen auch gelang. Daß sie damit eine That der größten Frömmigkeit zu vottführen geglaubt haben, zeigt eben ihre große Mühe, die sie an das Gellngen . dieses humanen Werkes setzten. Sollte man sich über das bis nun Gesagte verwundern, so wird man es andererseits ganz begreiflich finden, wenn man die Art und Weise der Erziehung ihrer Kinder kennt. Der Knabe, der das erste Mal bas Cheder betritt, ist noch ein schwächliches, zartes Kind im fünften Jahre, und schon wird es in die verpestete Stätte geschickt, um dort das Lesen durch einen allzusehr tyrannischen, mit der Pädagogik nicht aufsehr freundschaftlichem Fuße stehenden Lehrer erlernen soll. Noch hat das Kind das achte Jahr nicht erreicht, noch hat es keinen wahren Begriff von der Thora, ja noch liest es hier und da schlecht, und schon sehen wir es beim großen Folianten wie ein Perpetuummobile sich hin- und herschaukeln, gähnend und ohne.das mindeste Berftändniß von dem Inhalte einen Talmudabschnitt hersagen. Um einen langen Tisch, obenan der würdige „Rebbe" in' bloßen Hemdärmeln, die an Reinlichkeit noch etwas $H: wünschen übrig lassen, in der Hand einen-Kochlöffel oder ein langes Pfeifenrohr, der für die Schüler so manchmal verhängnißvyll ist, sitzen sie, die Jünger der Wissenschaft. Sin ungeheurer Lärm begleitet das Talmudstudium, und der „Rebbe" hat wahrhafte Mühe auch nur Einen zu verstehen. Gilt es doch, diesen Abschnitt auf Samstag beim „Verhören" zu kennen, und ist doch heute um Gotteswillen schon Donnerstag! Jeder Knabe muß Samstag einen Talmudgelehrten besuchen, vor dem er den während einer ganzen Woche vorbereiteten Abschnitt mechanisch hersagt und dann seines Weges geht. Der „Rebbe" ist in solchen Fällen gewöhnlich ein sehr guter Lehrer, der seine Sache gut versteht und. daher verdient; auch anderen Vätern bestens empfohlen zu werden. Daß das Kind in so einem Cheder, der aus einer einzigen kleinen Stube besteht, in welcher sich dreißig Schüler befinden, wo man kocht, zuweilen Wäsche reinigt, in welcher obendrein einige Kinder des „Rebben" sich herumtummeln, nicht nur geistig, sondern auch körperlich verkommen wird, dies wollen die Herren nicht einsehen. Der Knabe nimmt an Jahren immer mehr zu, er ist bereits zum Jüngling herangewachsen — wovon sich jedoch sein Geist nicht einschüchtern läßt, denn der ist noch weit zurück — und noch immer sehen wir ihn den Talmud studiren, in welcher Wissenschaft er ohne jede Vorliebe eingeführt wurde und bei welchem Widerwillen er auch bleibt, denn wie kann nur ein Funke Liebe in ihm zu demselben Gegenstände auskommen, der Ursache aller ihm zu Theil werdenden Quälereien und Schläge ist? Und dennoch muß er den Talmud nur auf diese Art lernen, da nach einer anderen Methode sich, wie sie sagen, ihre Bätersväter nicht gerichtet haben, und anders thun, hieße ihren alten Traditionen untreu werden! Dem Talmud wird also eine große, jedoch sehr schlecht angewendete Sorgfalt geschenkt, dagegen wird die Bibel lewer ganz vernachlässigt. Es giebt junge Leute, die den Talmud hübsch gelernt haben —ühn zwar nicht verstehen —und von der Geschichte und den Geschicken ihres Volkes nichts wissen, von den vorzüglichen hebräischen Schriften — Y:'n “ keine Ahnung haben, und was hebräische Grammatik anbetrifft, will ich schon gar nicht erwähnen, die wird ganz einfach verpönt, warum, das wissen sie nur, oder wissen es vielmehr noch weniger. Daß den anderen sogenannten weltlichen Gegenständen nicht nur keine Aufmerksamkeit, sondern Verachtung entgegengebracht wird, ist unter solchen Umständen selbstredend. Das Höchste ist schon, daß ein Vater den Sohn in der Kunst des Schreibens so weit unterrichten läßt, als es eben nöthig ist, um — einen Wechsel auszustellen. Alles andere aber ist nicht allein unnütz, sondern im höchsten Grade verderblich. Sowohl im Cheder als auch in der Familie wird reichlich dafür gesorgt,, dem jungen Mann einen Haß gegen alles Schöne, Gute und gegen den Fortschritt beizubringen. Schon in der fühesten Jugend wird ihm dies eingeprägt und genährt bis es nicht mehr nöthig ist, bis er schon selbst im Stande ist, dieselben Grundsätze seinen Nachkommen zu überliefern. Der Talmud wird studirt, nicht um seinen Geist kennen zu lernen , nur weil es schon so ein Herkommen ist. Jede selbstständige geistige Thätigkeit wird hintangehalten. Die Schüler im Cheder werden nicht gebildet, sie werden dressirt, unterrichtet werden sie nicht, sondern nur abgerichtet. Was aber die Folge solcher Erziehungsweise ist, werden wir im Nachfolgenden sehen. Wie grundverschieden, ist dagegen die Erziehung des weiblichen Geschlechtes! 32*