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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-08-04 · Heft 32 (4.8.1874) · p. Seite 544

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 32 (4.8.1874)
Date
1874-08-04
Page
Seite 544 (sequence 10)
Language
German
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unserer Glaubensgenossen im „Lande der Zukunft" kennt , der wird meine Behauptung durchaus nicht übertrieben finden. — Und wodurch ist obiges Gesetz motivirt? Durch die Trunksucht der Bauern, der die jüdischen Schenken Vorschub leisten sollen. Aber hat die „Commission zur Erforschung des Zustandes der Landwirthschaft" nicht officiell bestätigt, daß in den Orten, wo die Juden ihr beständiges Demicil haben, die Bauern am wenigsten trinken, während im gelobten Lande, wo keinem Juden Zutritt gewährt wird, im Innern Rußlands die Trunksucht am Schrecklichsten haust? Doch, Thut nichts, der Jude wird verbrannt. Also das ist die Bescheerung, die uns die allgemeine Wehrpflicht mit sich bringt! Und man schleudert noch Steine gegen die Juden, weil sie nicht mit Lust und Liebe ihre Militärpflicht erfüllen. Ich ftage: mit welchem Gefühle kann nun der jüdische Schankwirthssohn, dem das erwähnte Gesetz aller Existenzmittel beraubt, seine Militärpflicht als Bürger des Landes erfüllen, das ihn ohne Erbarmen dem Hungertode preisgiebt? Denn bei der schrecklichen Concurrenz, die in dem colossalen russischen Ghetto herrscht, ist es eine pure Unmöglichkeit, daß die nun brodlosen Schankwirthe irgend einen andern Erwerbszweig finden werden; alle nur er- I e u i f Jüdische Zustande in Krakau. Krakau, 29. Mai 1874. Es ist in letzter Zeit, unter den fortschrittlichen Elementen der hiesigen jüdischen Gemeinde, viel die Rede von Verbesserungen die bei hiesigen Vereinen, Anstalten, Schulen u. dgl. vorzunehmen nöthig wäre. Bei solchem Anlasse will ich mir die Freiheit nehmen, in Ihrem geschätzten Blatte eine Skizze der hiesigen jüdischen Zustände zu geben und würde mich unendlich freuen, wenn diese ansprüchlosen Zeilen etwas zur Beseitigung dieser unleidlichen Zustände beitragen sollten. Wie schon der Jude überhaupt ein wohlthätiges Herz besitzt und immer bemüht ist, das Elend seiner Mitbrüder zu lindern, bestreben sich auch die hiesigen Juden, diesem ihrem alten Charakter gerecht zu werden. Aber wie? Sie besitzen wohl den Willen, aber nicht das richtige Verständniß dafür. Die Wohlihätigkeit besteht hier zumeist in dem Bilden und Erhalten humaner Vereine. Unsere Stadt ist an letzteren geradezu gesegnet, und es wäre dies sehr löblich, würden sie alle ihrem vorgeschriebenen Ziele folgen; leider aber ist dies nur allzusehr nicht der Fall. Es giebt hier Vereine, welche ohne Statuten ihr Leben fristen, keine Rechenschaftsberichte veröffentlichen und ihre Mitglieder, die doch das Recht hätten, für ihre Beiträge etwas Näheres zu wissen, ohne jedweden Aufschluß über ihr Wirken lassen.. Diese Vereine, oder „Chewre", wie man sie kurzweg denklichen Erwerbsquellen sind bis' zuur Erschöpfen äusgebeutet. Dies weiß auch die Regierung, - doch, ‘ Thut nichts, der Jude wird verbrannt. Wir Juden haben nun einmal das Unglück, daß von Uns, und nur von uns , das Unmögliche verlangt wird. Man verlangt von uns kindliche Liebe, während man uns nicht einmal 'stiefmütterlich behandelt.- Man fordert von uns Patriotismus, während wir als fremde Eindringlinge behandelt werden. Ueber die kleinste Gesetzesübertretung seitens eines Juden wirb in dergesummten Preffe Alarm geschlagen und alle Juden werben'als gemeine Verbrecher gebrandmarkt, während man die Erwerbung seines täglichen Brodes auf ehrlichem und gesetzlichem Wege den Juden immer schwieriger macht. Man schimpft auf die Schacherjudcn immerwährend und wirft denselben ihr Fernhakten vom Ackerbau als schweres Verbrechen vor, und doch ist der Besitz von Grund und Boden den Juden verboten. Man hält uns in einem verhältnißmäßig sehr engen Raum zusammengpfercht, so daß wir in unserer eigenen Atmosphäre fast ersticken, und man macht sich lustig über den „jüdischen Schmuz." Doch/ Thut nichts, der Jude wird'verbrannt. l e i o n. ' /;: :V.; /- //^//// nennt, haben keine öffentliche Zusammenkünfte, resp. ordentliche oder außerordentliche Generalversammlungen. Behüte Gott! Sitzungen werden nur von den betreffenden „Leitern" — GebaiM — des Institutes abgehalten, und zwar geschieht dies zumeist bei vollen Gläsern Wein oder Meth - und vortrefflich riechendem Gänsebraten. Daß. es bei solchen Sitzungen oder vielmehr „Jeschiwa" recht "lustig oder zu lustig zugehen soll, dafür wird schon durch ziemlich große Quantitäten von obengenannten'Getränken bestens gesorgt. Daß aber das Wichtigste,- das was die Sitzung herbeiführte und auf der Tagesordnung der Verhandlungen stehen sollte, ganz außer Acht gelassen wird; fällt Jedem leicht in's Auge. Und auf diese Art geht es mit Ausnahme zweier oder höchstens dreier Vereine hier fort und fort, man cassirt die Monatsbeiträge ganz gemächlich ein, - verthut sie. nach Willkühr, und giebt, wie gesagt, über die Verwendung der allfälligen Capitalien gar keinen Bericht. ■- Die Anhänger solcher Wirthschaft sind hier zumeist die Chassivim. Diese vorsündfluthliche und jedem Fortschritte scheu ausweichende Kaste hat in den letzten Jahren sehr reichen Zuwachs erhalten, während sie noch vor etwa zehn Jahren ein unbedeutendes Häuflein war. Wenn man aber bedenkt; worin eigentlich der Chassidismus sich auszeichnet, so kann man zweifelsohne nicht verstehen; wie eine solche Claffe nur den leisesten Anhang haben kann. Fragen wir uns, welche Tendenzen haben die ChassidiuM, und'entsprechen sie in der Thal diesem Namen, so können wir auf die erste Fratze nur ein Achselzucken geben,

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