Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1874)
- Date
- 1874-08-04
- Page
- Seite 541 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226960-3226993--32808-3255794- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Schlußredactiott die Delegirten gewählt worden wären. Der Statutenentwurf ist bereits fertig, nur wird die Schaffung des neuen Landes-Volksschulgesetzes gewärtigt, wo dann die israel. Cultusgemeinden an ihre Organisation gehen wollen. Der israelitische Friedhof in Pest wurde, trotzdem noch mindestens 300 freie Grabplätze vorhanden sind, auf Grund eines Gutachtens des städtischen Oberphysicus den 16. Juni durch den Magistrat plötzlich geschloffen und der neue Friedhof an demselben Tage mit der Beerdigung einer Frau Löbl, Nichte des verstorbenen Professors Wessely in Prag, eröffnet. Die israelitische Gemeinde Temesvar, eine der intelligentesten und größten Gemeinden Ungarns hat auf Grund mehrerer rabbinifchen Gutachten den Beschluß gefaßt, daß auch Mädchen im Chore Mitwirken. Den 7. Juni starb im Alter von 87 Jahren der bekannte Karaitische Gelehrte Abraham Firkowitsch. Italien. Aus Oberitalien, 19. Juli. (Privatm.) Am 10. l. M. verschied in Vercelli Prof. Giuseppe Levi. Er unterlag einer langwierigen Krankheit, welche ihn jedoch nicht hinderte, fast ununterbrochen in seinem Kreise wirksam zu sein und die sich selbst gesetzte Thätigkeit bis an sein allzuschnelles Lebensende fortzusetzen. Was vermag nicht' die moralische Kraft selbst in einer abgeschwächten Hülle. Gegen 1816 in Vercelli geboren, war Giuseppe Levi der Sohn wohlhabender Eltern, die ihrem mit seltenen geistigen Anlagen begabten Kinde eine sorgfältige Erziehung angedeihen ließen. Mit achtzehn Jahren hatte unser Levi in dem in seiner Vaterstadt blühenden, vortrefflich geleiteten Institute Foa sämmtliche darin ertheilte Disciplinen in vorzüglichem Grade durchgemacht und begann zu gleicher Zeit als Religionslehrer und Professor der hebräischen Sprache in demselben seine literarische und wissenschaftliche Laufbahn. Sehr anziehend waren die Sabbathvorträge, die er in feiner Schule hielt, welchen gewöhnlich ein oft zahlreiches Publikum beiwohnte. Der Educatore Jsraelita, welchen Levi fei 22 Jahren herausgab, enthält eine Reihe von gründlichen Leitartikeln, welche wohl gesammelt, in besonderen Bänden herausgegeben zu werden verdienten. Ungeachtet aller Gleichgiltigkeit für ihren besondern geistigen Besitz, dem die diesseitigen Israeliten seit einiger Zeit verfallen sind, war der Mann in ganz Italien hochgeehrt, und sowohl im Jahre 1856, als das nun zum Gesetz erhobene piemontesische Gemeindestatul berathen wurde, wie auch in den sechziger Jahren im Congiesse zu Ferrara, ward unserm Levi einstimmig der Vorsitz eingeräumt. Als italienischer Schriftsteller fand er allseitige Anerkennung. Sein Werk „Talmudische Legenden und Parabeln", wurde auch;n's Deutsche übertragen. In seinen beiden anderen größeren Schriften: „Juden und Christen im Mittelalter" und „Autobiographie eines Familienvaters" bekundet sich Levi als gründlichen Geschichtsforscher und gefühlvollen Denker. Seit 1857 war Levi Präsident der israel. Gemeindeadministration in seiner Vaterstadt, und hat vor einigen Jahren vom Könige einen Ritterorden erhallen. Levi redigirte seinen Educatore Jsraelita mit vollem Bewußtsein besten was Religion, Humanität und Sitte von den Juden des neunzehnten Jahrhunderts beanspruchen. Was unsere Generation so zerklüftet, der Gegensatz zwischen Leben und religiöser Praxis, war bei Levi harmonisch ausgesöhnt. Als Geschichtskenner kannte er den Einfluß auf die geschichtlichen Erscheinungen der Menschheit; als Denker war er weit davon entfernt, dem menschlichen Geiste Fesseln aufbürden zu wollen, die ihm der Schöpfer nicht auferlegte; aber als Sohn Israels hatte er eine so feine und zarte Grenzlinie zwischen dem, was das Judenthum dem Zeitgeiste schuldig ist und dem was der Zeitgeist dem Judenthum schuldet, daß er mit charaktervoller Festigkeit, obwohl stets mit Milde, den gegenseitigen Strömungen der stürmenden Reformer wie der faulen Conservativen mit Klugheit und Würde zu widerstehen verstand. Levi gehört zu den hervorragenden Denkern unter unseren Glaubensgenosten; und sein Hinscheiden wurde nicht nur von seinen Mitbürgern, sondern vielseitig auch in den Gemeinden Italiens betrauert. Die Rabbiner der nahen Gemeinden fanden sich beim großartigen Leichenbegängnisse ein, das ihm gehalten wurde, und nicht nur Vercelleser Tagesblätter, sondern auch die Zeitungen der piemontesischen Hauptstadt, welche mir dieser Tage zu Gesichte kamen, enthalten ehrenvolle Worte für das Andenken des hochgeächteten Mannes, .nD^ob p’ni ist ■ Als begüterter Mann hinterließ Levi mehrere ansehnliche Legate israelitischen und städtischen Wohlthätigkeits- und Unterrichtsanstalten seiner Vaterstadt, da er seine beiden liebenswürdigen Kinder, Tochter und Sohn, noch bei seinem Lebzeiten verlor, — ein Schmerz, welcher, obwohl mit religiöser Ergebung getragen, doch sein Leben abzukürzen in nicht geringem Maße beitrug. Zum Schluffe ein Curiosum. Das ehedem so klerikale Modena hat bei der jüngst stattgehabten städtischen Gemeindewahl den Advocaten G. Agazotti nicht wieder in den Provinzialrath gewählt, weil er im berüchtigten Processe der Gatten Levi-Teglio die Congregazione di Caritü von Carpi, die, unter dem Vorwände, das dort unterbrachte jüdische Kind sei getauft worden, dasselbe seinen Eltern nicht wieder zurückerstatten wollte, vertheidigt hat. Belgien. Bonn, 26. Juli. (Privatmittheilung.) Wir erhalten von Brüssel d. d. 24. Juli folgende, in getreuer Uebersetzung wiedergegebene Zuschrift, die, da sie durch Abklatsch verbreitet ist, der