Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1874)
- Date
- 1874-08-04
- Page
- Seite 539 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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gottesdienstliche Gebäude kommen, also mehr als 16,000 auf eins, obfchon diese Kirchen, Capellen und Synagogen, mit Ausnahme der neuen Synagoge in der Oranienburgerstraße, allesammt nur klein sind. Hierzu muß man bemerken, daß bei den Juden Berlins doch ein ganz anderes Verhältniß herauskommt. Sie haben sieben Synagogen, einzelne Betlocale nicht zu rechnen, was also nur circa 4000 auf eine macht, immerhin ein ungenügendes Verhältniß, das aber vier Mal besser als bei der christlichen Bevölkerung ist, wenn auf diesem Gebiete überhaupt Zahlen keine Bedeutung hätten. Die neue Synagoge wird als das einzige monumentale gottesdienstliche Bauwerk Berlins vdn Auszeichnung hervorgehoben. Der Verfasser findet die Möglichkeit, eine solche Synagoge herzustellen, nur in der Steuerpflicht aller jüdischen Bewohner eines Ortes. Im Ganzen hat er hierin nicht Unrecht; wenn er aber die Opferwilligkeit völlig ausschließt, so scheint dies tendenziös. Denn abgesehen davon, daß die Steuerpflichtigen durch ihre Vertreter den Beschluß zu fassen und fich also die Opfer aufzulegen haben, sind zahllose Beispiele dem entgegenzustellen. Schließlich verfällt der Verfasser selbst in den Widerspruch mit seiner Behauptung, da er selbst aufführt, wie z. B. die Reformgemeinde, die alle Lasten der großen Gemeinde mitträgt, doch aus eigenen Mitteln eine prächtige Synagoge und jetzt auch ein großes Nebengebäude hergestellt hat. Der Verfasser fällt auch in mehrfache Jrrthümer in dem Theile seines Aufsatzes über die Juden, die ihm denn auch eine Berichtigung in einer der nächsten Nummern der „Voff. Ztg." zuzog. Wir übergehen dieselbe. Schließlich hat er auch gesagt: „Nach links geht die Reformgemeinde, die ihr Gotteshaus in der Johannisstraße hat. Sie feiert den Sonntag und nicht den Sonnabend, hat sich von jedem Ceremonialgesetz gelöst, hält den Gottesdienst in deutscher Sprache, kurz, sie nähert sich dem reinen Deismus. Man kann sich mit dieser Art der Gottesverehrung einverstanden erklären, und doch den Gegnern nicht ganz Unrecht geben, welche behaupten, daß diese Leute Juden eigentlich nicht mehr sind." Hierzu macht der Berichtiger folgende Bemerkung: „Die jüd. Reformgemeinde, welche nunmehr dreißig Jahre besteht, hat durch den Opfermuth ihrer Mitglieder ein eigenes Gotteshaus und im verfloffenen Jahre noch ein stattliches Gebäude mit Räumen für Religionsschule, Betsaal und Verwaltung erbaut. Dieselbe trägt alle Kosten für Prediger, Lehrer, Chor und Beamte ohne Beihülfe der großen Gesammtgemeinde, der sie noch unweigerlich ihre Beiträge zahlt. Wahr ist es, diese kleine Gemeinde hat vor dreißig Jahren schon den Muth gehabt, mit der Reform im Judenthum Ernst zu machen, sie hat sich mit einem kühnen Schritte losgefagt von allen national-orientalischen Anhängseln, welche die Orthodoxie noch als Religion betrachtet; aber Niemand kann bestreiten, daß sie an den Grundwahrheiten und dem Sittengesetze des Judenthums unverbrüchlich festgehalten und das Bekenntniß des „Einzig Einigen" hochgehalten hat, welches selbst dem orthodoxesten Juden als das entscheidende Criterium der Zugehörigkeit zur Judenheit für Jeden gilt, der als Jude geboren ist. Dies zur Steuer der Wahrheit. Wormö, 22. Juli. (Privatm.) Die großherz, hessische' Oberstudiendirection hat den israelitischen Religionslehrer S. Rothschild zum Hülfslehrer an der hiesigen städtischen Communalschule ernannt, Es ist dies der erste Fall, daß in Hessen ein Israelit an einer christlichen Schule wirkt. Schweinfurt a/M., 22. Juli. (Privatm.) Bekanntlich wuchert in Unterfranken die Hyperorthodoxie und der Obscurantismus in üppigster Blüthe fort, und nirgends zeigt sich auf religiösem Gebiete auch nur eine Spur von Fortschritt; nur die Gemeinde Schweinfurt trägt dem Zeitgeiste Rechnung; denn in der in wenigen Wochen vollendeten neuen Synagoge wird Orgel und Gesang eingesührt. Daß es hier ermöglicht wurde, in so kurzer Zeit eine neue Synagoge mit Orgel herznstellen, verdanken wir neben der Bereitwilligkeit der Cultusmitglieder, die mit wenigen Ausnahmen diesen Fortschritt freudig begrüßen, dem energischen Eingreifen und den rastlosen, uneigennützigen Bemühungen des Vorstandes, Herrn Hirsch, sowie den liebevollen Anschauungen des Herrn Rabbiners Lebrecht. Die Fortschritte und Errungenschaften der hiesigen Gemeinde fallen schon deshalb doppelt in die Waage, wenn man bedenkt, daß vor circa 15 Jahren den Juden der Aufenthalt hier gar nicht gestattet war; tempors mutantur! A. Aus der Provinz Posen, 10. Juli. (Privaimittheil.) Die Lehrerstellen an den jüdischen Schulen zu Rakwitz, Fraustadt u. a. O. sind vacant und können seit längerer Zeit nicht besetzt werdend Der Mangel an jüdischen Lehrern, sehr natürlich aus dem Mangel an einem Seminar, macht sich immer fühlbarer. Zu Bentschen sah sich der Schulvorstand genöthigt, einen christlichen Lehrer an der Schule anzustellen. Dies wäre an und für sich ein Fortschritt; wer soll aber der jüdischen Jugend den Religionsunterricht ertheilen, der doch obligatorisch ist und nach den bestehenden gesetzlichen Bestimmungeu nur von einem für alle Fächer geprüften Lehrer ertheilt werden darf? In Bezug auf die Bacanz der Lehrerstelle in Fraustadt wird in einem „Eingesandt" in der „P. Ztg." bemerkt: „Es wird über Lehrermangel geklagt, weil sich angeblich bisher für die dortige jüdische Lehrerstelle keine Bewerber gefunden haben". Dem entgegen sei eine Antwort des Magistrats zu Franstadt auf ein Bewerbungsgesuch veröffentlicht: Auf das Gesuch v.. theilen wir Ihnen mit, daß die Einnahme der Lehrerstelle an der Israel. Stadtschule nach den Angaben des Schulblattes nicht richtig sind. Das jährliche Einkommen beträgt 350 Thlr. ohne Wohnung (das „Amtl. Schulblatt" schreibt freie Wohnung aus) und ist der Lehrer verpflichtet: 1. dafür den Unterricht in der hebräischen Sprache ohne separate Vergütigung an sämmtliche schulpflichtige Kinder der Gemeinde zu ertheilen;