Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1874)
- Date
- 1874-08-04
- Page
- Seite 536 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sich um das Draußen gar nicht kümmert und destomehr auf ihren Einfluß auf die ihrem Kreise angehörige Volksmasse rechnet. Hier ist es, wo ihm giftige Oaat aufgehen soll und aufgeht; hier ist es, wo sie den Haß gegen die jüdischen Mitbürger immer wieder entflammen will, Und durch die Unaufhörlich wiederholten bittersten Beschuldigungen nährt und stärkt. Die Bölksmasse vermag nicht zu urtheilen; sie kann das Wahre vom Falschen nicht unterscheiden, so weit es nicht in ihrem engen Gesichts- und ihrem natürlichen Gefühlskreise liegt, beide aber bleiben in der Mehrheit dem Hasse zugänglich, wenn ihr aber- und abermals zugerufen wird: Dies sind Deine Feinde, diese bedrücken Dich, diese wollen Dir Deine Religion rauben und Deine Kirche stürzen! Die Menge glaubt es schließlich, und was diese einmal glaubt, ist in ihr schwer wieder auszurotten. Dies müssen wir constatiren, und darum dürfen wir auch dem ärgsten Blödsinn gegenüber nicht schweigen. In alle ■ Einzelheiten der angeführten Brandschrifl einzugehen und deren Unwahrheit nachzuweisen, ist hier nicht möglich, denn es würde ein dickes Buch verlangen, aber auch überflüssig und nutzlos, denn die Urheber jener wollen ja die Unwahrheit, und ihre Anhänger lesen die Widerlegung nicht. Es gilt vielmehr, nur die Hauptzüge zu bezeichnen und hervorzuheben. Denn es ist System in der Sache. Auch gleichen sich alle diese Pamphlete in ihren wesentlichen Momenten allesammt, sie mischen nur hier und da ein neues Giftkräutlein hinein und geben der Mischung eine neue Färbung. Worin besteht dieses System? Die Grundlage besteht zunächst darin, daß man alles, was dem Christenthum nicht zusagend oder feindlich ist, als von den Juden ausgehend annimmt, zugleich unter dem Namen Christenthum den Katholicismus und unter diesem nur den Ultramontanismus versteht. Alles was diesem letzteren wiederspricht oder zuwider ' geschieht — und dieses geschieht doch innerhalb des Christenthums selbst von einer halben Welt — haben die Juden gethan, verursacht oder veranlaßt! Freilich muß dies auf den ersten Blick ebenso unwahr wie lächerlich erscheinen. Der Widerspruch gegen den Ultramontan ismus, und selbst gegen das positive Christenthum überhaupt, machte sich zu einer Zeit schon geltend, wo. die Juden noch in ihren Ghetti saßen und keine Ahnung von dem hatten, was in der Welt draußen vorging, wo sie die Sprache der Welt kaum verstanden, ihre eigenen Stimmen aber nur wenig und in einer der Welt unverständlichen Sprache erhoben. Um nicht weiter zurückzugehen, waren Voltaire, Rousseau und die Encyclopädisten Juden, oder standen in irgend einer Berührung mit diesen, daß sie auch nur im Geringsten - von ihnen influirt wurden? Waren Locke, Pope und die englischen Skeptiker und Deisten Juden, oder mit diesen in irgend einer Verbindung? Waren später Kant, Fichte, Hegel, Schelling, Schopenhauer u. s. w. Juden oder irgendwie von jüdischem Einflüsse berührt? Sind die Wissenschaften, insonders die Naturwissenschaft, jüdischen Ursprungs und von jüdischer Pflege großgezogen? Oder traten Juden iin diese erst ein, als sie bereits die mächtigste Entwickelung genommen hatten? Doch wozu eine weitere Auseinandersetzung dessen, was aller Welt bekannt ist; fügen wid nun noch hinzu, was die UltraüioKanen Äs das schwärzeste Verbrechen gegen i h r /-ChristeNthüm^ ansehkn und MfHeÄ müssen: die Reformation des sechszehnten Jahrhunderts. Ist diese von Juden ausgegangen oder veranlaßt worden, und sie ist doch die Wurzel alles dessen, was jene als verdammenswerthes Uebel betrachten? Bekanntlich könnte Luther selbst, was die Juden betrifft, zu den Ültramontanen gezählt werden; er hat gegen sie nicht minder gedonnert, wie gegen den Papst. Diese Unwahrheit ist aber auch zugleich lächerlich, wenn dieses Häuflein Juden mit ihren 'wenigen Wortführern, in der Verachtung und Verhöhnung, die man bis zur neuesten Zeit gegen sie hegte, das weltbeherrschende Christenthum nun erschüttern, oder gar in Gefahr, Bedrängniß und Verlust bringen, ja noch mehr, seit achtzehn Jahrhunderten gebracht haben soll! Es ist dies an sich zu thöricht, spricht den Juden eine solche Riesenkraft, den Christen eine solche Schwäche und Ohnmacht zu, daß wir doch wohl mit Recht von Blödsinn sprechen konnten. Etwas freilich fühlten diese Lügner hiervon, und wo es doch zu offenbar ist, da schlüpfen sie mit den Worten „jüdisch oder judaisirend" darüber hinweg; da sind es denn nicht die Juden selbst, aber solche, welche von jüdischer Kost gespeist und jüdischer Art nachgegangen sind; es sind keine Juden, die es veranlaßt haben. Mit solcher Künstelei kann man nur die täuschen, die schon längst in der Täuschung begriffen sind und durch die dichten Schleier nicht, sehen können, die man ihnen über den Kopf geworfen. Alles Liberale, Freisinnige, Alles was dem Ultramontanismus widerspricht, was sich ihm nicht unterthan macht, ist jüdisch Und strebt mit aller Macht darnach, das „Christenthum" zu beseitigen. Hierzu muß aber doch ein Motiv vorhanden sein, und dieses finden die Ultramontanen indem unauslöschlichen Hasse der Juden gegen das Christenthum. Mit der schrankenlosesten Frechheit wird ein solcher Haß gegen das Christenthum den Juden insinuirt, und je weniger er thatsächlich nachgewiesen werden kann, mit desto größerer Zuversichtlichkeit wird er behauptet und überall aufgefunden. Auch dies ist ein altes Mannöver, das dadurch' erleichtert wird, daß die Menschen die sittliche Entartung, die sie selbst in ihrer Seele tragen, allen Anderen auch zutrauen und zuschreiben. Da die Geschichte gar keine Thatsachen für diese den Juden zugeschriebene Gehässigkeit gegen das Christenthum als Beweis ergiebt, so suchte man diesen immer in irgend welchen aus dem Zusammenhänge gerissenen, verstümmelten Und verfälschten Sätzen des Talmuds, die man zu einem Ganzen verwebte, selbstverständlich ohne Berücksichtigung dessen, was Gegentheiliges im Talmud ausgesprochen wird. Es gleicht dies einem chemischen Processe, durch welchen man aus einet großen zusammengesetzten Masse die in ihr zerstreuten geringfügigen bitteren Elemente herauszieht, zu einem eignen Körper verdichtet