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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-07-28 · Heft 31 (28.7.1874) · p. Seite 529

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 31 (28.7.1874)
Date
1874-07-28
Page
Seite 529 (sequence 11)
Language
German
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Nachricht, daß dieses Gesetz laut Allerhöchstem Ukas schon am 1. Januar 1875 in Kraft tritt. In Folge dieses Gesetzes ist es den Juden untersagt, den Handel mit geistigen Getränken irgend anderswo, als in den ihnen'zum allgemeinen Wohnsitz angewiesenen Gouvernements zu betreiben, und auch da darf ein Jude nur im eigenen Hause eine Schankwirthschaft besitzen. Als Verkäufer darfsich ein Jude nur bei einem anderen Juden im Dienste befinden. Der ganze Gesetzentwurf besteht aus drei Punkten, von welchen die beiden anderen sich ebenfalls auf den Handel mit Getränken beziehen, in denen jedoch die Ausschließung, der Juden nicht hervortritt. Bemerkenswerth ist, daß die Bestimmung, nach welcher das Gesetz schon am 1. Jan. in Kraft treten soll, sich nur auf den einen Punkt erstreckt, welcher die Rechte der Juden beschränkt. — Natürlich — ein solch humanes Werk muß so schnell als möglich ausgesührt werden! Es ist doch merkwürdig, daß drückende Maßregeln gegen die f Juden im Innern Rußlands Hand in Hand mit der Ausführung wirklich humaner Ideen nach außen hin gehen. Als Rußland die Leibeigenschaft in Chiva aufheben ließ.— gerade zur selben Zeit wurden die Juden aus Kiew verbannt. Jetzt hat. Rußland ein humanes Programm für den Congreß zu Brüssel aufgestellt, und im Innern werden die Rechte der Juden wiederum beeinträchtigt.. Während also Rußland sich eine ehrenvolle .Zeile in der Geschichte seiner äußeren Politik, schreibt, macht es in der Geschichte seiner inneren Entwickelung einenso schwarzen Fleck/ der lange, lange nicht wegzuwischen sein wird. . . Wie beklagenswerth das erwähnte Gesetz auch ist, so ist noch viel trauriger der Umstand, daß es der Finanzminister war, welcher die Veranlassung zu dieser Bestimmung gab. Herr von Reutern, der von allen russischen Ministern der gerechteste ist, er,. der noch selbst nicht lange vorher für die Gleichberechtigung der Juden plaidirte, wie mochte er sich wohl zu einem solchen Gesetzentwurf bewegen lassen? Oder sind die Juden in Rußland wirklich so verdorben, so unverbesserlich verdorben, daß der russischen Regierung nichts Anderes übrig bleibt, als ihnen die drückendsten Ausnahmegesetze aufzuerlegen? —Für den fremden Zuschauer wird es beinahe schwer, über diese. Frage genaue Auskunft zu erlangen, namentlich wenn man bedenkt, daß seit einer Reihe von Monaten tagtäglich die allerschwärzesten Verleumdungen von der russischen Presse gegen die Juden geschleudert werben, während diese auch kein einziges Wort zu ihrer Verteidigung hervorzubringen wägen. Und doch ist die Beantwortung dieser Frage von unendlicher Wichtigkeit, beim im Reichsrathe ist die jüdische Frage seit längerer Zeit Gegenständ der Berathungen, und man kann vielleicht' in nicht allzuferner Zukunft neue Gesetze betreffs der Judenerwarten. Wie diese Gesetze ausfallen werden, wenn die Mitglieder des Reichsraths, wenn das ganze russische Volk' Tag i für Tagneue Anklagen gegen die Juden hört- und an den-Juden Nicht einmal einen schwachen Vertheidigungsversuch beckerkt, welche Ansichten sich unter solchen Umständen bilden, welche Vorurtheile entstehen und wie allgemein verhaßt die Juden werden müssen, das läßt sich leicht denken. Als ich im vergangenen Jahre in diesem Blatte meine Stimme zu Gunsten meiner Landsleute und Glaubensgenossen laut werden ließ, als ich es wagte, einige jüdische Millionäre in Rußland ihrer Unthätigkeit, oder richtiger gesagt, ihrer schlecht angebrachten Thätigkeit zu zeihen, da ließ sich aus Petersburg, dem Sitze dieser kleinlichen Großen, eine Stimme vernehmen, welche, in geheimnißvollen Worten große Verheißungen aussprechend und den Ruhm dieser Großen besingend, mir heilige Ehrfurcht vor ihnen einzuflößen suchte, den Vorwurf der Sentimentalität machte, um so vor den Augen der Leser mich tief, tief unter diese Geister hinunterzudonnen. Aber aus .der Tiefe lassen sich oft sehr sichere Beobachtungen anstellen, aus der Tiefe kann man selbst bei Tage die Sterne am Himmel beobachten, während sie dem Auge dessen, der der Sonne näher ist, ‘ ganz unsichtbar sind; nur erscheint die Größe und der Glanz der beobachteten Gegenstände, in Folge der größeren Entfernung, viel kleiner und schwächer, und ich muß gestehen, daß mir wirklich seit jener Zeit jene Großen viel kleiner, jene Leuchten viel finsterer erscheinen. Aber es ist nur Schein und Täuschung! Jene Größen sind nicht kleiner geworden, im Gegentheil, sie wuchsen und gediehen zum Heile und zum Frommen aller Derjenigen, die daran glauben; jene Leuchten sind nicht dunkler geworden, nein, sie leuchteten und verbreiteten ihr Licht und ihren Schein weit über ihre Umgebung hinaus. Ein Strahl dieses Lichtscheines drang auch zu mir in die Tiefe hinab. Da wurde es hell um'mich herum, und ich bemerkte neben mir den jüngst herausgegebenen zehnten Jahresbericht der Petersburger Gesellschaft zur Verbreitung von Aufklärung unter den Juden in Rußland für das Jahr 1873. Der Bericht enthält 60 Seiten. Das muß doch, dachte ich beim Betrachten des Berichtes, eine unermüdliche und segensreiche Thätigkeit sein, zu deren Beschreibung man 60 gedruckte Seiten nöthig hat, und wie großartig muß der Rückblick über das abgelaufene Decennium, wie tröstend die sich daran schließenden Hoffnung für die Zukunft sein! Ich fing an, die allgemeine Übersicht zu lesen. Aber da heißt es gleich am Anfang: „Von. der Thätigkeit der Gesellschaft während dieser ganzen Zeit (der zehn Jahre) zu sprechen, ist unnütz; sie ist aus den jährlich erschienenen Berichten ersichtlich." War das für mich schon eine Enttäuschung, so las ich doch den canzleimäßig-kalt gehaltenen Bericht muthig weiter , in der Hoffnung viel Gutes und Erfreuliches darin zu finden. Diese Hoffnung wurde mit jeder Seite immer größer, immer gespannter, bis ich schließlich bemerkte, daß ich den Bericht zu. Ende gelesen habe, bevor meine Hoffnungen in Erfüllung gegangen sind, und als ich den Bericht wieder weggelegt hatte und um mich schaute, da war der Lichtstrahl wieder verschwunden und tiefes Dunkel lagerte rings um mich. Ist es nicht ein 31*

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