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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-07-28 · Heft 31 (28.7.1874) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 31 (28.7.1874)
Date
1874-07-28
Page
Seite 520 (sequence 2)
Language
German
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520 vollständig ab. Das einzige Gegengift liegt aber dennoch in ihr selbst, nämlich in ihrer Uebertreibung, in ihrer alle Grenzen und alles Maß überschreitenden Bitterkeit, in dem Widerspruche, welchen das wirkliche Leben überall gegen ihre Auslassungen erhebt und so jedem ihrer Anhänger, der noch nicht ganz fanatisch verblendet ist, die Ueberzeugung des Gegentheils aufdrängt. Dies ist allerdings ein wirksamer Gehülfe der Wahrheit, wenn auch nicht gleich zur Zeit des entbrannten Kampfes, doch mit der Zeit, so bald sich die Leidenschaften nur etwas wieder abgekühlt haben. Wir Juden haben dies, so vielen furchtbaren Angriffen und Schmähungen gegenüber, im letzten halben Jahrhundert wiederholt erfahren, und können darauf vertrauen. - Wir unterschätzen diese Bosheiten nicht; wir haben sie aber auch nicht zu überschätzen. Wir dürfen die Abwehr-nicht ruhen lassen; wir brauchen aber auch alle diese giftigen Feinde nicht allzusehr zu fürchten. Es ist wahr, die Strömungen der Zeiten sind verschieden; aber aus ihnen bilden sich doch immer allmälig Ansichten und Zustände heraus, welche bleibend sind und nicht wieder zerstört werden können. Die Welt hängt niemals an einem Haare oder Seile, das durchschnitten werden könnte, sondern an einem festen Gewebe zahlloser Fäden, die verschlungen sind, und an denen auch die frechste Hand vergebens reißt. Die „Kölnische Volkszeitung" vom 6. Juli enthält unter der Rubrik „Culturbilder" einen Artikel, der sich in seiner zweiten Hälfte mit den Juden beschäftigt. In einem ersten Absätze bemüht sie sich nachzuweisen, daß Protestanten und Juden sich immer mehr näherten. Sie sagt da: r „Der durch die „Protestantische Kirchenzeitung" vertretene Protestantenverein verbrüdert sich allmälig immer mehr mit dem Judenthum. Was in dieser Hinsicht hier etH Rabbiner beim Jubiläum des Predigers Sydow ausgesprochen, geht in Erfüllung. Die von dem Rabbiner Philippson in Bonn herausgegebene „Allgemeine Kirchenzeitung des Judenthums" constatirt, daß sich die freisinnigen protestantischen Geistlichen den Grundanschauungen des Judenthums immer mehr näherten. Nachdem der Jude A. Kohut „Die goldenen Worte der Bibel" herausgegeben, veröffentlichte der Diacon I. Decke in Breslau als Seiten stück dazu „Die goldenen Worte des neuen Testaments". Daß die Coburger den Juden die alte Nicolaikirche eingeräumt, um dieselbe zur Synagoge zu benutzen, haben wir früher schon mitgetheilt, und ebenso daß der protestantenvereinliche Stadtpfarrer Schellenberg in Heidelberg einen Juden mit einer Katholikin getraut hat. Ferner: Professor Nippold in Bern erbaut sich an den Gebeten Philippsons und reicht demselben einen besonderen Kranz unter den Kämpfern gegen Strauß dar. Dafür ist Philippson erkenntlich und begrüßt „die Monotheisten" als liebe Verbündete, gesteht jedoch zugleich ein, daß sie die Grundlage des Christenthums verlassen hätten; denn das neue Testament identificire einmal Vater und Sohn, und die Gottheit Christi sei hier das Fundament. Deshalb sollten sie denn auch eingestehen, d.aß sie den Monotheismus nicht vom Christenthum, sondern vom Judenthum erhalten hätten." Mit diesemAbsätze haben wir uns niM wAter zuMsthäftigen. Die Art, wie er seine Bemerkungen macht, fordert keine besondere Entgegnung. Diese ultramontanen Schriftsteller können nun einmal auch nicht das geringste Verdienst an ihren Gegnern anerkennen, und Gegner ist ihnen Alles, was nicht für sie ist. Der zweite Absatz verherrlicht die oben angeführte Schrift von Constantin Frantz und stimmt ihr in allen Stücken bei; auch ihm ist die „Verjudung" allgemein und die „Judenschaft" constatirt. Aber wozu mit dem geringen Kanälchen befassen, wo wir an der aufbrausenden Quelle stehen? Nehmen wir lieber die Schrift des Herrn Constantin Frantz selbst zur Hand.*) (Schluß folgt.) Der israelitische Lchiüfsnd und das ungarische Mgeor-nrtenhaus. II. Für uns liegt in der ganzen Verhandlung als Hauptmoment die Frage zu Grunde: Soll eine vollständige Trennung zwischen den beiden Richtungen, der stabilen und der sich fortentwickelnden, innerhalb der Judenheit stattfinden, und so eine völlige Sectenbildüng vor sich gehen und durch den Staat anerkannt und sanctionirt werden oder nicht? Diese Frage ventilirt sich jetzt in Preußen durch die bekannte Lasker'sche Resolution in Ungarn betreffs des israelitischen Schulfonds, und wird sich auch fernerhin ' in anderen Ländern aufdrängen. Daß diese beiden Richtungen bestehen, seit langer Zeit und nicht ohne Kampf miteinander bestehen, kann und soll ja nicht geleugnet werden; daß jede dieser beiden Richtungen ihre innerliche Berechtigung hat, wurde niemals^ verkannt. Wio aber wurde diese an sich nothwendige Erscheinung bis jetzt behandelt, wo sie zum Vorschein kam? Dem Individuum wurde und wird für sich und seine religiöse Handlungsweise die völlige Freiheit zugestanden. Ob die Einen die Reformer schmäheten, und die Andere die Orthodoxen bespöttelten, war von keiner Bedeutung: die jüd. Volksmaffe im Ganzen ging darüber hinweg, und die Synagoge excommunicirte nicht. Erklärte sich eine Anzahl Rabbiner für oder gegen dieses oder jenes Vorgehen, so nahm davon Notiz wer da wollte. Das eigentliche Streilfeld blieb der öffentliche Gottesdienst, und da entschied, entweder die Majorität der Gemeinde und die Minorität fügte sich, oder sie stellte sich einen eigenen Gottesdienst her, alles dies ohne eine wirkliche, Separation in *) In diesen Tagen druckte die ultramonte „Fränkische Volkszeitung" eines gewissen Kittler eine Stelle dieser Schrift von Constantin Frantz nach, wird dafür gerichtlich verfolgt und ist vor das Schwurgericht gestellt worden. Dies allein charakterifirt schon die ganze Schrift. ■ V-

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