Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1874)
- Date
- 1874-07-21
- Page
- Seite 514 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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514; Laut vernehmbare Rede, welche anzeigt, was in der Seele, vorgeht. „Bestelle es auf deinem Felde", — damit meint er das Auseinanderhallen der fünf (Rede-) Künste (nämlich die demonstrative, sophistische, dialectische, rhetorische und poetische Rede), damit wir nicht etwas Ungewisses für eine gangbare Ansicht halten, und damit wir ebenso ,Etwas, wobei sich die Seele nicht beruhigen kann, in der Form von Etwas, wobei die Seele sich beruhigen kann, darzustellen vermögen, der Art, daß wir uns in der Unterredung solcher Aussprüche bedienen können, welche glauben machen, daß sie Gewißheit oder eine vorwiegende Meinung oder eine Beruhigung des Gemüths Herstellen, während es nicht der Fall ist, ferner auch solcher Aussprüche, welche in der Seele das Gegentheil von diesen Dingen feststellen, so daß sie etwas Nichtsseiendes für seiend und etwas Seiendes für nichtseiend erachtet, endlich auch solcher Aussprüche, welche die bildliche Darstellung einer Sache geben, wie die bildlichen Darstellungen von Thieren, deren Nachahmung dadurch beabsichtigt wird. Wenn wir nun diese fünf Redekünste von einander zu unterscheiden wissen, so erlangen wir dabei Gewißheit in unserer Forschung, daß wir dann die Wahrheit anwenden können und nicht irren. — Und wenn wir bei unserer Forschung schlecht zu Werke gegangen und es scheint, daß wir im Irrthum sind, so werden wir die Sache sogleich untersuchen; ein Gleiches wird der Fall sein, wenn wir einem Andern etwas corrigiren wollen, oder wenn ein Anderer bei uns Anschauungen corrigirt, wodurch wir zu ähnlichen (d. i. den seinigen) bewogen werden, — wir wissen dann das Wahre an einem Ausspruche von dem Unwahren daran zu unterscheiden. Deswegen sagt Salomo: „Bestelle (r-nny) es auf deinem Felde" — d. h. ordne (nriV) sie (die fünf Redekünste) 'gesondert, die eine derselben von der anderen. Dann sagt er: „Hernach baue Dein Haus". Damit will er sagen: Schicke es (d. i. das Geschäft der Unterscheidung) allen speculativen Wissenschaften voraus! Dann beschreibt er die Schaube desjenigen, der nicht diese Fertigkeit auf dem Gebiete seiner inneren und äußeren Rede erlangt hat: „An dem Felde eines trägen Mannes ging ich vorbei und an dem Weinberge eines unverständigen Menschen." Er meint damit denjenigen, der diese Fertigkeit nicht in seinem Verstände (12^2) besitzt. Unter dem Felde (N"M) aber, das nicht befestigt ist, versteht er sein unklares, verworrenes Wissen. Weiter sagt er: „Und siehe, er (der Weinberg) ging ganz in Dornen auf." Damit will Salomo die Verwirrung anzeigen, in die Jener geräth ob der Zweifel, die ihm in seinen Wissenschaften aufstoßen. Er vergleicht seine mit Zweifeln verknüpften Ansichten den Dornen, die auf besäeten Feldern wachsen, und er belehrt uns, daß seine mannigfachen Zweifel und Schwankungen auch nicht eine von seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen verschonen. Deswegen sagt er: „Er ging ganz in Dornen auf; nicht eine wissenschaftliche Erkenntniß bleibt verschont." Dann sagt er uns, wie mit der Zeit die Zweifel und Verwirrungen in allen seinen wissenschaftlichen Beschäftigungen sich vermehren > daß das vermeinte Verständniß sich als eine Täuschung erweist. Darauf gehen die Worte: „Seine (des Weinberges) Fläche war bedeckt mit Nesseln." Alsdann belehrt er uns, wie er diese ihm begegnenden Zweifel und Unklarheiten nicht aufzulösen vermag, und wie die ganze Unmöglichkeit sie aufzulösen von der Schwäche seines Vermögens herrührt, seine Ansichten und Meinungen zu vertheidigen, da es (das Vermögen) an sich nur locker und gebrechlich ist; und besäße er auch die Kraft, sie aufzulösen, so sind sie (die Ansichten) an sich sehr schwierig, daß es für sie keine Auflösung und Entwirrung giebt. Deshalb sagt er: „Der Zaun seiner Steine wird niedergerissen." „Seine Steine" — das Fürwort geht auf das Feld, nicht auf den Herrn des Feldes. Auch in unserer heiligen' göttlichen Schrift, wird auf diese Ansicht hingedeutet, wenn es heißt: „Richtige Wage, richtige Steine, richtiges Efa und richtiges Hin soll bei euch sein." Damit soll gesagt sein, daß wir auf dieser Wage'unsere Meinungen und Handlungen abwägen sollen, damit wir nicht vom Rechten abweichen. Die (verschiedenen) Ausdrücke, „Wage" und „Gewichtstein e" deuten an, daß wir es mit den Syllogismen sowohl hinsichtlich ihrer formalen, wie ihrer materiellen. Seite genau nehmen sollen. Unter ihrer Form (Figur) ist zu verstehen: die Verbindung ihrer Prämissen und die Zusammenfügung der einen mit der anderen. Ihre Materie sind die Prämissen selbst. Eine jede aus Materie und Form zusammengesetzte Art muß aber nothwendig wieder Unterarten haben, sowohl von Seiten der Materie, wie von Seiten der Form — gleich einem Hause, das einestheils aus Materie besteht, nämlich aus dem Fundamente der Mauer und dem Dache, und anderntheils aus Form, d. i. seine Gestalt und die Verbindung eines Theiles mit dem andern, da es runde, dreieckige, viereckige und vieleckige giebt. Unterabtheilungen in Betreff der materiellen Bestandtheile kommen zur Erscheinung, je nachdem es Häuser giebt aus Rohr, aus Holz, aus Ziegeln und aus Stein. Er führt aber die Worte, „Wage (->278v)" und „Gewichtsteine (^un)" im Plural an, weil es mehrere Schlußfiguren (welche unter diesen Worten zu verstehen sind) als eine giebt, deren genaue Kenntniß und Unterscheidung er uns an's Herz legt. Denn, wenn auch der (demonstrative) Beweis der vorzüglichste an Bedeutung ist, so sind doch bei jedem einzelnen (von den Schlußformen) gewisse helfende und unterstützende Momente vorhanden, won denen das eine eine größere, das andere eine geringere Bedeutung hat, welche gleichsam ihre Instrumente sind. Deswegen drückt sich die Schrift im Plural aus. Mit dem Ausdruck „Richtiges Hin"*) sind die Worte gemeint, welche die Begriffe anzeigen, also die äußere Rede. Die Schrift aber drückt sich affirmativ aus und nicht negativ, weil' die Affirmation der Negation voransteht. Dazu *) Hier ist -pn im Sinne von yr> „Siehe" (als auf etwas Aeußeres hinweisend) genommen.