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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-07-21 · Heft 30 (21.7.1874) · p. Seite 511

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 30 (21.7.1874)
Date
1874-07-21
Page
Seite 511 (sequence 9)
Language
German
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5ii Gebäude (dasselbe diente vor Errichtung des Rothschild-Spitales als, Krankenhaus für Israeliten) auf eigene Kosten auf das Zweckmäßigste adaptiren ließen. Von der Leiterin der Anstalt, Frau Flora Bruck, und der Kindergärtnerin Fräulein Julie Pick wurden nun die ganz gleich gekleideten Waisenmädchen in den Saal geführt, und eines derselben trug ein von Dr. Kompert verfaßtes sehr ansprechendes Gelegenheitsgedicht vor; dasselbe führt den Titel ,;Das Waisenkind". Es folgte dann eine religiöse Feier, und die anwesenden Honoratioren besichtigten hierauf das zweckmäßig eingerichtete Gebäude. Prag, im Mai. (Privatmitth.) Am 1. d. M. wurde in den Räumen der „Josephstädter Hauptschule" in Gegenwart des Bürgermeisters von Prag das 92. Gründungsfest dieser Anstalt auf eine festliche Weise begangen. Gestiftet von Joseph II. im Jahre 1782 in dem von Meist, dem Begründer der Meislsynagoge, gestifteten Armenhause bildete diese Anstalt, mit der auch eine Lehramtsvorbereitungsschule speciell für Angehörige der jüdischen Confession verbunden war, lange Zeit hindurch die einzige Stätte, wo die jüdische Jugend Prags und theilweise auch die des flachen Landes die Grundlagen des allgemeinen Wissens und die weitere wiffenschaftliche Ausbildung erhielt; denn, wenn auch durch einen gleichzeitigen Erlaß Joseph II. den Juden der Besuch aller öffentlichen wissenschaftlichen Anstalten gestattet wurde, so wurde doch von diesem Rechte in einer Zeit, wo Joseph's freiheitliche Reformen bei der großen Masse nicht nur keinen Anklang , sondern sogar offenen Widerspruch fanden, aus sehrnaheliegenden Gründen ein ziemlich beschränkter und schüchterner Gebrauch gemacht, in der nachjosephinischen Zeit aber hat die Reaction die Juden zu sehr wieder in die enggezogenen Grenzen des Ghettolebens und der Ghettofreiheit (!) zurückgedrängt und dieselben rein auf sich selbst und auf die wenigen Ueberresie der josephinischen Institute angewiesen, die man ihnen noch gelassen. Ausgezeichnete Männer standen zu dieser Zeit, einer Zeit der Knechtung und der ärgsten Bedrückung der Juden in Böhmen, an der Spitze der Anstalt, die gerade damals in ihrer Glanzperiode stand. Wir erwähnen in dieser Richtung nur die Namen: Herz Homberg, k. k. Schulrath und Verfasser eines Lehrbuches der mosaischen Religion unter dem Titel „Bne Zion", den ausgezeichneten Grammatiker Wolf Mayer, den bedeutenden Linguisten Peter Beer. Auch Profesior Dr. Wolfgang Wessely, der später zwei Professorstellen an der Prager Universität inne hatte, bekleidete seit dem Jahre 1837 durch einige Jahre die Stelle eines Religionslehrers an der israelitischen Hauptschule zu Prag, die auch tüchtige Mathematiker, wie z. B. Koreff, den Verfasser eines mathematischen Werkes, zu ihren Lehrkräften zählte. In dem Maße jedoch , als sich mit jedem Decennium die sociale Stellung der Juden in Böhmen besserte und der Verkehr mit der nichtjüdischen Bevölkerung ein immer engerer, festerer und sichererer wurde, und in Folge dessen, besonders der wohlhabendere ^heil der Prager Judenschaft, die „Josephstadt" verließ und sich in den übrigen Stadttheilen ansiedelte, verlor Joseph II; Schöpfung immer mehr an Bedeutung und versank allmälig in so regellose Zustände und in eine solche Disciplin'losigkeit, daß der chzechische Stadtrath Prags darin endlich einen geeigneten Vorwand gefunden zu haben glaubte, diese deutsche Anstalt als „weder den Bedürfnissen, noch ihrem Zwecke mehr entsprechend" aufzulösen, um auf diese Weise zugleich das deutsche Element in Prag zu verkürzen. Doch Dank dem energischen Einschreiten des böhmischen Landesschulrathes wurde dieses Auflösungsproject vereitelt, die Schule jedoch aus einer „israelitischen deutschen Hauptschule" in eine „allgemeine deutsche Hauptschule" verwandelt, der Lehrplan reorganisirt und jüngere Lehrkräfte angestellt. Doch gehört auch jetzt noch die größte Zahl der Schüler und Schülerinnen der jüdischen Confession an. Neben dem öffentlich bestellten israelitischen Religionslehrer ertheilen daselbst noch auf Kosten des „israelischen Fortbildungsvereins" bewährte Fachmänner alltäglich zwei Stunden Unterricht in der hebräischen Sprache. In dem neu constituirten Landesschulrathe von Böhmen, dem auch die Vertreter der drei hier bestehenden Glaubensbekenntnisse als Mitglieder angehören, sitzt als Vertreter der jüdischen Confession der Präsident der böhmischen Advocatenkammer und böhmischer Landtagsabgeordneter Advocat Dr. Friedrich Ritter v. Wiener. — Vom k; k. Ministerium für Eultus und Unterricht wurde abermals einer Anzahl jüdischer Privatschulen, die — nebenbei gesagt — auch von Kindern nichtjüdischen Glaubens sehr stark besucht werden, das Oeffentlichkeitsrecht verliehen. Die leitenden Journale der Altczechen, der Schleppträger der klerikalen und feudalen Partei, führen seit einiger Zeit, wahrscheinlich verstimmt über die Niederlage ihrer Verbündeten bei Gelegenheit der Berathung über die confessionellen Gesetze eine sehr gereizte Sprache gegen die Juden und benützen alles Mögliche zu Auslassungen über dieselben. Bald ist es die Ernennung des Dr. Fischel, dessen Designirung zum Professor ich in meinem letzten Berichte gemeldet habe, zum Director der Prager Irrenanstalt — eine Stelle, die der genannte, hochverdiente Arzt übrigens bereits vor 30 Jahren provisorisch bekleidete und damals nur deshalb nicht defiinitiv erhielt, weil er— ein Jude war, — die dem altczechischen Organe „Politik" Anlaß zu den rohesten Angriffen gegen den erwähnten Doctor, sowie gegen die Juden überhaupt giebt, bald wieder das famose Spirituosengesetz, - welches das genannte Blatt mit bewunderungswürdiger Wärme vertheidigt und sich hierbei Verhöhnungen und Anschuldigungen gegen die Juden erlaubt, wie man sie nur in den Spalten eines solchen Blattes,-bei dem der Zweck allein die Mittel bestimmt, finden kann. Trotzdem unterläßt es das besagte Organ und - dessen Consorten nie, so oft es zu den Landtags- oder Reichsrathswahlen kommt, den Juden auf alle mögliche Weise zuschmeicheln und „die tiefe Kluft zu bedauern, die noch immer zwischen der nationalen Sache und den Juden in Böhmen bestehe." Daß das . 30

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