Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1874)
- Date
- 1874-07-21
- Page
- Seite 508 (sequence 6)
- Language
- German
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" ' Hierüber entspann sich nun eine halbstündige Debatte, welcher schließlich Minister-Präsident Bitto ein Ende machte/inddm er erklärte, aus dieser Sackgasse gebe es keinen anderen Ausweg, als im Sinne des tz 150 der Geschäftsordnung die Verhandlung dieses Gegenstandes zu schließen. Die Regierung kenne nun die Stimmung des Hauses in dieser und werde derselben gemäß zu Beginn der nächsten Session dem Hause in dieser Angelegenheit eine neue Vorlage unterbreiten.' (Allgemeine Zustimmung.) v.;. -! : Unter großem Lärm enuncirte der Präsident endlich,-paß das Haus über diese Angelegenheit einfach zur Tagesordnung übergehe. ' - . -U Deutschland.! Aus Süddeutschland, im Juli. (Privatmittheil.) Eines derjenigen Blätterwelche, unberührt von der Zeit, den veraltetsten VorUrtheilen gegen die Juden huldigen, ist das in Augsburg erscheinende „Ausland", redigirt von einem Herrn von Hellwald. Obschon es sich sich überhaupt den jugendlichen Anstrich giebt, für die neuesten Producte, z. B. den Darvinismus und jedes negirenve System Propaganda zu machen, so ist dies doch nur eine Schminke, womit sich die alte Jungfrau im .Kreise unserer Zeit zu erhallen sucht, während sich doch in Form und Wesen verräth, daß sie sehr gealtert ist und nur noch vom-Ruhme ihrer Vergangenheit zehrt. Unter dem Vorwände ethnographischer Aufgaben läßt sie keine Gelegenheit vorüber, den Juden aller Länder das Uebelste nachzufagen, wobei sie den Firniß wissen- , schaftlichen• Charakters darüber breitet, der deutschen Wisienschaft just nicht zur Ehre. Denn immer und immer nur Verachtung erregende Fehler und Laster bei einer großen Volkselasse, welche bie Jahrtausende zu überstehen vermochte, finden zu wollen und darum zu finden, zeugt doch von keiner wissenschaftlichen, sondern hon-einer gehässigen und gemeinen Tendenz. Sie haben, Herr Redacteur, bereits mehrere Male Gelegenheit genommen, die verläumderischen Auslassungen des „Auslandes" zu rügen; gestatten Sie mir, ein Beispiel aus jüngster Zeit hinzuzusügen. In Nr. 44 d.' I. behauptet es, der Jude vermöge nirgends die Landessprache zu erlernen; so sei er in Deutschland an der lispelnden Sprache zu erkennen, er schmunzele das Arabische und thue dies auch in allen europäischen Sprachen. Man sieht, das „Ausland" spricht hier nicht von einem jüdischen-Jargon, entstanden hinter den Mauern eines Ghetto, sondern leugnet den gebildeten und Hervorragenden Juden die Fähigkeit einer richtigen Aussprache ab, um sie sämmtlich ^lächerliche zu machen, welches Wort es auch hierbei gebraucht. Daß die glänzendsten Beispiele eindrucksvoller Beredtsamkeit, wie sie von Judenaller Culturländer gegeben 'worden, solche Herren 1 Nicht verhindern, ihre absprechenden Urtheile in die -Welt zu schicken, kann kaum auffallen; doch müssen -sie uns gestatten, daß diese doch nur ein Gelispel und Geschmunzel eines widerwärtigen Hasses sind, wie eben jene Beispiele erweisen. 'Hier wird uns Herr von Hellwalderlauben, getaufte Juden ■ mit anzuführen, da doch das Taufwasser Organfehler nicht-abzustellen vermag. Wenn er nun einen Simson an der Spitze der deutschen Nationalversammlung als Präsidenten des Erfurter,, .des Norddeutschen und des deutschen Reichstages sieht und ihm eine classische Beredtsamkeit nachrühmen hört; wenn Gabriel Rießer als Bicepräsident der deutschen Nationalversammlung und als parlamentarischer Redner das höchste Lob erwarb;- wenn Stahl der Hauptführer und eigentliche Vertreter der konservativen Partei in Preußen war und sie in seiner Beredtsamkeit die unersetzliche Stütze verlor; wenn fast in den meisten deutschen Landtagen jüd. Redner einen Ehrenplatz einnehmen; wenn früher getaufte, jetzt auch ungetanste Juden aus vielen.akademischen Lehrstühlen sich des größten Beifalls erfreuen; wenn Cremieux eine lange ausgezeichnete advocatorische (selbst vor der ehemaligen französischen Pairskammer) und parlamentarische Laufbahn hinter sich und -noch nicht geschlossen hat; wenn Munk, sogar trotz seiner Blindheit, auf einen der bedeutendsten Lehrstühle an der pariser Universität erhoben worden — und die Franzosen werden von einer falschen Aussprache mehr betroffen und geärgert als die Deutschen und Söe, Oppert u. A. bedeutende Lehrstühle an derselben Universität inne haben; wenn im'englischen Parlamente, im holländischen Abgeordnetenhause, in der italienischen Deputirtenkammer sich jüdische Redner, zu denen auch D'Jsraeli gezählt werden kann — mit Beifall und nachhaltiger Wirkung hören lassen, an den Universitäten dieser Länder— in England freilich nur an der Londoner — Juden mit Erfolg lehren; ferner wenn auf den Bühnen aller europäischen Staaten Schauspieler, Tragöden wie Komiker, jüdischen Ursprungs zu den bedeutendsten und beliebtesten gehörten und gehören, wenn z. B. eine Rachel die französische Tragödie aus ihrem Grabe erstehen ließ, was sie gewiß nicht mit lispelnder oder schmunzelnder Sprache vermocht hätte; wenn wir von so vielen jüdischen Kanzelrednern schweigen, welche auch ihre christlichen Zuhörer befriedigen und ergreifen — so müßte Herr von Hellwald sich doch schämen, Auslassungen, wie sie seine Zeitschrift bringt, mit seinem Namen zu decken. Was nun durch eine so große Zahl ausgezeichneter Redner in weiten Kreisen geübt und erwiesen wird, das findet selbstverständlich bei zahllosen gebildeten Individuen in ihren Privätkreisen statt, und Herr v. Hellwald hat in feinem Redaetionsbureauwohl eben keine Gelegenheit dies zu beobachten, oder in seiner oft bewiesenen Gehässigkeit keine Lust,, sich vom Gegentheil überzeugen zu lasten.