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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-07-21 · Heft 30 (21.7.1874) · p. Seite 507

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 30 (21.7.1874)
Date
1874-07-21
Page
Seite 507 (sequence 5)
Language
German
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antrag. Vor Allem machte er der jüdischen Nationalität im Allgemeinen Complimente; jahrtausendelange Knechtung habe sie nicht beugen können; sie sei eine edle, kräftige Nationalität, alsderen großer Verehrer er sich bekennt. Die Juden seien überall Patrioten, in England echte Engländer, in Frankreich echte Franzosen, in Ungarn echte' Ungarn. Auch im ungarischen Abgeordnetenhause gebe es Juden, welche Ungarn zur Zierde gereichen in jeder Hinsicht. «Lebhafte Zustimmung.) Jede Partei habe da ihren Juden. (Stürmische Heiterkeit.) Die Orthodoxen wollen deshalb kein Rabbinerseminar, weil sie sich vor der Cültur fürchten. In den meisten Schulen der orthodoxen Juden gebe es nicht nur keinen magyarischen, sondern überhaupt gar keinen Geist. Es müsse verhindert werden, daß die Juden gezwungen seien, sich ihre Rabbiner aus dem Auslande zu holen. Im Interesse der allgemeinen Bildung empfiehlt Redner die Annahme der vom Minister gemachten Proposition. (Lebhafte Zustimmung.) Es sprächen dann noch Daniel Jranyi; Julius Olah und Valentin Solymossy für den Ziedenyi'schen, JosephJusth, Karl P. Szathmary, Anton Zichy und Jacob Rannicher für den ministeriellen Antrag. 'Diese Frage konnte heute nicht entschieden werden. Die Sonntagssitzung am 5. Juli war eine der stürmischesten dieser Session. Die erregte Debatte über den israelitischen Schulfond endete mit/einer Niederlage Trefort's, aber nicht mit einem Siege seiner Gegner. Unter allgemeiner Spannung erhob sich Koloman Tisza, welcher gegenüber den „orthodoxen" Abgeordneten anführte, dieser Fond werde von der Regierung verwaltet, daher könne das Abgeordnetenhaus über diese, wie über jede andere Frage verfügen. Trotzdem hat Redner gegen den Beschlußantrag des Ministers manche Einwendung. Da die gesummte Judenschaft zu diesem Fond beigetragen hat, fo fei es auch billig, daß beide Parteien die Benesicien dieses Fonds genießen sollen. Da aber das Abgeordnetenhaus gegenwärtig nicht envgiltig entscheiden könne, ob es zwei jüdische Confessionen gebe, so stellt Redner den Beschlußantrag, das Haus möge aussprechen, daß es über die rechtliche Natur des Fonds gegenwärtig keine meritorische Entscheidung treffen will, und nur bezüglich der zeitweiligen Verwendung des Einkommens dieses Fonds den Minister anweise, einen Theil für die Errichtung eines Rabbinerseminars zu verwenden, den anderen Theil aber — um auch der anderen Partei gegenüber billig zu sein — zur Unterstützung bedürftiger Volksschulen zu verwenden, wobei aber das Aufsichtsrecht der Regierung intact bleiben soll.. (Lebhafte Zustimmung.) Nun. erklärt T re fo r t, dieser Beschlußantrag unterscheide sich im Wesentlichen nicht von dem seinigen, weshalb er denselbm annehme. (Allgemeine Bewegung.) Wahrmann fragt den Minister, ob er denn glaube, aus diesem Einkommen die Kosten für die Errichtung eines Rabbinerseminars bestreiten zu können. Trefort antwortete, wenn ■ er kein besonderes Gebäude für das Seminar werde errichten können, so werde er eines miethen. - Es entstand nun ein solcher Tumult und Lärm, daß der Präsident Percze l gezwungen war, die Sitzung auf 15 Minuten zu suspendiren. Nach Ablauf dieser Frist ging die Debatte von neuem nur noch heftiger los. Minister Trefort fühlte, daß er sich eine Blöße gegeben und erklärte nachträglich, er habe den Tisza'schen Antrag so verstanden, daß er hierdurch nicht verhindert werde, ein Rabbinerseminar zu errichten. Koloman Tisza replicirte, es wundere ihn, daß der Minister diese Erklärung abgebe, da es ihm doch nur recht sein sollte, wenn ihm das Parlament keine detaillirte Weisung ertheilt. (Lebhafte Zustimmung.) Karl Eötvös erklärte, daß der Tisza'sche Antrag die Sache nur auf die lange Bank schiebe, und da der Minister seinen Beschlußantrag zurückgezogen hat, so macht ihn Redner sich zu eigen. (Lebhafte Zustimmung, Lärm.) Nachdem sich Joseps Polya in derselben Weise geäußert hatte, erhob sich Minister Trefort nochmals, um zu erklären, er habe seinen Beschlußantrag formell noch nicht zurückgezogen. Da er sich überzeugt habe, daß er im Sinne des Tisza'schen Antrages das Capital des Fonds nicht für die Errichtung des Seminars verwenden dürfte, erklärt er. zu seinem ursprünglichen Beschlußantrage zurückkehren zu müssen. (Lärm, höhnisches Gelächter.) Geza Rem ete warf dem Minister vor, er habe sein Wort zurückgezogen und sich compromittirt, indem er erklärt habe, den Tisza'schen Beschlußantrag selbst nach zweimaliger Lesung nicht verstanden zu haben. (Ungeheurer Lärm.) Julius Horvath fragt den Minister, was er denn eigentlich unter formeller Erklärung verstehe. Der Minister antwortete nicht. ... Endlich kam es hieraus zur A b st i m m u n g. Es lagen acht Beschlußanträge vor, aber blos bezüglich der beiden Beschlußanträge des Ministers und Koloman Tisza's wurde ernstlich abgestimmt, da die anderen Anträge nur wenig Unterstützung fanden. Und nun ereignete sich das Unerhörte: der Beschlußantrag des Ministers Trefort wurde mir 11 & . gegen 110 Stimmen zurückgewiesen. Minister Trefort verließ mit niedergeschlagener Miene.schleunigst den Saal. Hierauf wurde über-den Beschlußantrag Koloman Tisza's abgestimmt, und .derselbe wurde mit 112 gegen 1 1 0 Stimmen gleichfalls abgelehnt. Hiermit waren alle vorliegenden Beschlußanträge verworfen, und die Abgeordneten blickten einander rathlos an. Präsident Perczel erklärte, daß dieser Gegenstand, da kein anderer Beschlußantrag mehr vorliege , erledigt sei und daß das Haus zum zweiten Gegen stände der Tagesordnung, zur Wahlnovelle übergehe. :

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