Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1874)
- Date
- 1874-07-21
- Page
- Seite 506 (sequence 4)
- Language
- German
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erklärt hatte, fiel es am Samstag unmittelbar vor der Debatte über den israelitischen Schulfond den Herren Csengery und Tiszsa ein, mit einem „vermittelnden" Anträge aufzutreten, wonach das Abgeordnetenhaus nur die „provisorische" Verwendung eines Theiles der Revenüen des Fonds zur Errichtung des Rabbinerseminars ausgesprochen haben würde. Diese Herren hatten nicht den Muth, pur et simple für die Orthodoxen und Obscuranten Partei zu nehmen, daher traten sie mit jenem Vorschläge auf, der scheinbar die Idee des Rabbinerseminars acceptirt, in Wirklichkeit aber gleichbedeutend ist mit einer Vertagung desselben ad graecas calendas. Denn es herrscht unter Juden und Nichtjuden nur eine Meinung darüber, daß, wenn, das Rabbinerseminar einen provisorischen Charakter haben würde, die Organisirung eines geeigneten Profefforenkörpers eine pure Unmöglichkeit wäre." „Der erwähnte schlaue Antrag wurde gestern während der Sitzung von Herrn Csengery formulirt. Er und Herr Tisza conferirten während der Debatte mit dem Minister Trefort und überredeten diesen, von seinem eigenen Anträge abzustehen und den Antrag Tisza's zu acceptiren, da ja dieser mit dem seinigen eigentlich gleichbedeutend sei. Es war eine unbegreifliche Schwäche seitens des Cultusministers Trefort, daß er diesen Verlockungen nachgab, .und nachdem Tisza seinen verfänglichen Antrag eingebracht und motivirt hatte, erklärte der Minister, er sei bereit, demselben beizutreten. Eine ungeheure Ueberraschung in den Reihen der Regierungspartei — dann eine fast allgemeine Aufregung gegen den Minister, der seine eigene Partei in dieser Weise düpirte, indem er hinter ihrem Rücken mit der Opposition pactirte. Die Scene, welche hierauf folgte, kann man kaum beschreiben. Ja, man könnte die ungeheure Aufregung der Deakisten nicht "einmal begreifen, wenn man nicht wüßte, wie sehr diese Partei seit langer Zeit dadurch erbittert wurde, daß das Cabinet in jeder wichtigen Frage zuerst mit dem Führer der Opposition zu unterhandeln pflegte. Herr v. Tisza möchte sich zu einem' zweiten Deak aufwerfen, die Regierung im Geheimen leiten, dabei die oppositionelle Führerschaft behalten, heute die Regierung und ihre Partei mit maßlosen Ausfällen tractiren, morgen das Vaterland gegen die serbischen Ultras retten, dann wieder in kritischen Augenblicken durch „vermittelnde" Anträge als weiser parlamentarischer Führer glänzen. Mir ist nur das eine unbegreiflich, wie eine Regierung diesem Manne gegenüber eine so tief erniedrigende, Rolle zu spielen im Stande ist." Nach dem Schluffe der tumultuarischen Sitzung, die noch ein höchste charakteristisches Ende hatte, war Herr von Trefort entschlossen, seine Entlassung einzureichen, welche wahrscheinlich eine totale Ministerkrise zur Folge gehabt hätte. Nur durch das Zureden seiner Zollegen und Freunde und durch ein förmliches Vertrauensvotum des Deakclubs wurde er in der Erwägung der gegenwärtigen schwierigen Lage des Vaterlandes von seinem Entschlüsse zurückgebrachl. Man ersieht hieraus, wie sehr diese einfache, innere Angelegenheit des Iudenthums, die mit den Staatsangelegenheiten gar keine Verbindung hat, durch die- Parteizwistigkeiten im Abgeordnetenhause in eine so üble Lage gekommen ist. Da ihr aber einmal nun eine so hohe Bedeutung als Staatsangelegenheit gegeben worden,.so müssen wir auch in das Detail der Verhandlungen eingehen. Der Bericht ist völlig objectiv gegeben. In der Sitzung vom 4. Juli kam das Haus zur Verhandlung über die Verwendung des israelitischen Lanvesschulfo.nds, beziehungsweise über die Errichtung eines Landes- Rabbinerseminars. Bekanntlich agitiren die orthodoxen Juden schon seit Langem gegen die. Ausführung der Idee 'eines Rabbinerseminars und für die Theilung dieses Fonds zwischen der liberalen und orthodoxen-Partei des ungarischen Iudenthums. Auch im Hause hatten beide Parteien ihre Fürsprecher, und eigenthümlicherweise berührten sich gerade die Extreme: die Redner der äußersten Linken und die der äußersten Rechten lConservative und Ultramontane) unterstützten das Verlangen der orthodoxen Juden. Der Cultusminister Trefort, welcher dem Hause schon früher einen umfaffenden Bericht über diese Angelegenheit unterbreitet hatte, widerlegte mit kräftigen Worten die Scheingründe der orthodoxen Juden, 'welche behaupten, daß es zwei jüdische Confessionen gebe und sie darum mit den Neologen kein gemeinsames Seminar haben wollen. Minister Trefort bewies, daß Se. Majestät selber diesen Fond als untheilbar bezeichnet und für Unterrichtszwecke, besonders aber für die Errichtung eines Rabbinerseminars bestimmt habe. Die Judenin Ungarn seien an Zahl und Bedeutung so maßgebende Factoren des Staates, daß ihr Bildungsgrad dem Parlamente nicht gleichgültig sein könne. Die Nothwendigkeit eines Rabbinerseminars in Ungarn werde allgemein gefühlt; gegenwärtig.seien ungarische Judengemeinden, welche den Anforderungen des Zeitalters entsprechend ausgebildete Rabbiner haben wollen, gezwungen, dieselben im Auslande zu suchen oder bilden zu lassen. Und wenn sie solche bekommen, so seien dieselben nicht der Staatssprache mächtig. Schon der Patriotismus müsse daher das Haus bewegen, das Ansinnen der Orthodoxen zurückzuweisen. Redner bringt daher den Beschlußantrag ein, das Haus möge ihn beauftragen, den israelitischen Landesschulfond für Unterrichtszwecke, besonders für die Errichtung eines Landes-Räbbinerseminars, und den etwaigen Rest ausschließlich zur Unterstützung orthodox-israelitischer Volksschulen zu verwenden. Dem gegenüber wollte Eduard Zsedenyi beweisen, daß die orthodoxen und neologen Juden zwei verschiedene Körperschaften bilden, daß man daher den ihnen gemeinsam gehörigen Fond theilen müsse, da die Orthodoxen kein Rabbinerseminar haben wollen. ' Redner beantragte daher, es möge die Entscheidung dieser Frage den Gerichten überlassen werden. Franz Pulszky plaidirte für den ministeriellen Beschluß-