Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1874)
- Date
- 1874-07-21
- Page
- Seite 505 (sequence 3)
- Language
- German
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5Q5 er sich besonders jüngst in Preußen und Ungarn darstellte, so drängt sich uns die Beobachtung auf, daß den Juden in ihrer Culturbewegung überall statt Hülfe und Förderung nur Schwierigkeiten bereitet wird, und daß man ihnen aus derselben ebenso einen Gegenstand des Ringens und Kämpfens macht, wie früher aus ihrer bürgerlichen Gleichstellung. Zu einer Zeit, wo man überall von Seiten der Regierungen wie der Parlamente den orthodoxen Kirchen entgegentritt, ihre Befugnisse beschränkt, ihre Vorrechte beseitigt, ihre Mittel vermindert, macht man den Juden, die nach einer besonnenen und gemäßigten Reform der Synagoge streben, das Leben recht sauer und schneidet ihnen den Lebensnerv, so weit dies, von außen her möglich ist, ab. Während man sie in keinerlei Weise unterstützt, verstopft man ihnen die Quellen, die ihnen zu Gebote stehen. Nun, der. Emancipationskampf ist den Juden nicht schlimm bekommen; er hat ihre Kräfte entwickelt und gestärkt und ihren Eifer erhöht. Hoffen wir, daß dies auch auf dem geistigen Gebiete der Fall sein werde. Sehen wir uns ganz auf uns selbst angewiesen, so werden wir um so mehr uns gereizt fühlen, das Unsrige zu thun und nicht still zu stehen. Selbstverständlich fließt hieraus keine Rechtfertigung derer, die uns hemmend , entgegentreten, so wenig wie sie den Gegnern der Emancipation zustand. Diese Culturbewegung in den Juden ist keine zufällige und keine von einzelnen Personen ausgegangene und ausgehende. Sie ist ein weltgeschichtliches Ergebniß,' das' unwiderstehlich kam und weiter geht. Man sage auch nicht, daß die im ungarischen Abgeordnetenhause ventilirte Frage ja nur ein religiöses Moment beträfe. In einer Volksmaffe, deren geistige Existenz, wie es bei der jüdischen der Fall ist, wesentlich innerhalb des religiösen Gebietes beruhet, kann die Culturbewegung von der religiösen nicht getrennt werden. Und so ist der Vorwurf, wie wir ihn ausgesprochen, vollständig berechtigt. Der israelitische Schulfond ist aus jüdischen Mitteln gefloffen; aber er ist in die Hände der nichtjüdifchen Verwaltung gelegt, und so jener Erscheinung unterworfen, die wir eben besprochen haben. Man sagt, die Gerechtigkeit erforderte, daß man einen so großen Theil der vorhandenen Geldmittel nicht der, von einer Partei zu gründenden Anstalt zuwende. Aber ist es denn Gerechtigkeit, dadurch, daß man dieser Anstalt die Mittel versagt, sie im Grunde allesammt der Gegenpartei zuzuwenden, welche nichts will, als jede Veranstaltung für eine Bessergestaltung der religiösen Institutionen zu verhindern? Wohlan , falls dieser Zustand ein dauernder wird, so tritt an Euch, Ihr ungarischen Glaubensgenoffen, die Mahnung heran, aus eigenen Mitteln ein Seminar zu schaffen, und wenn Ihr ein wahres und warmes Interesse dafür heget, so werdet Ihr es ebenso vermögen, wie es in Breslau und Berlin geschehen. Gut, mögen die Geldmittel, die einen so .ungerechten. Ursprung haben, wie der ungarisch-israelitische Schul-; fond, Euch verschlossen bleiben: so ist dies nur eine um so stärkere Aufforderung an Euch, die Anstalt dennoch zu gründen und so lange zu erhalten, bis die schwebende Frage entschieden, sein wird. Wir sprechen unsere Meinung offen aus und sagen : es wäre eine offenbare Schmach für Euch, wenn Ihr jetzt, wo die Localität erworben, der. Plan festgestellt, die Lehrer gewählt sind, die Anstalt nicht Herstelltet, sie nicht sofort iu's Leben träte, weil Euch eine Majorität von fünf Stimmen die Mittel des Schulfonds vorläufig versagt hat! , Man sieht,, wir erwägen hier durchaus nicht die. Frage, welches Recht den Protesten der sg. Orthodoxen einwohne; wie stichhaltig die Gründe seien, die sie gegen die Anstalt, wie-sie projectirt ist, Vorbringen. Die Dinge sind zu klar. Es ist kein wirklich religiöses Moment,. sondern nur ihre innerliche Befürchtung, daß jede geordnete Anstalt ihrer krassen Stabilität Abbruch thun könne. Diese Befürchtung mag richtig sein; nur daß durch die Behinderung einer solchen Anstalt die Religion selbst nur geschwächt, also nur ein antireligiöses Resultat erzielt wird, daß sie schließlich die Bewegung nicht verhindern können, sie aber zu Religionslosigkeit entarten machen. Jndeß neben diesen allgemeinen Motiven giebt es doch auch, wie dies bei solchen Veranlassungen immer der Fall - ist, noch besondere reale Ursachen, aus welchen die Abstimmung des ungarischen Abgeordnetenhauses hervorging, und diese wollen wir mit den Worten einer Correspondenz der „N. fr. Pr." wiedergeben. Es heißt da: „Die Frage ist klar und einfach, sie wurde aber theils durch die Agitation der orthodoxen Juden, theils durch die mangelhafte Orientirung vieler Abgeordneten sehr verwirrt. Der Monarch hat bereits vor einem: Jahre dem Wunsche des aufgeklärten Theiles der israelitischen Bevölkerung gemäß die Errichtung eines Rabbinerseminars angeordnet. Das ist nun ein Greuel in den Augen der Orthodoxen, welche aus Galizien unwissende Rabbiner und Lehrer importiren. Die Orthodoxen sind besonders in den nördlichen Comitaten sehr zahlreich; auch üben sie auf die Wahlen, da sie zumeist Gastwirthe, kleine Händler und Capitalisten sind, einen nicht zu unterschätzenden'Einfluß aus. Dieser Umstand erklärt die den Orthodoxen günstige Haltung vieler Abgeordneten. Die Abgeordneten werden von den orthodoxen Juden ihrer Wahlbezirke förmlich malträtin, damit sie die Errichtung eines Rabbinerseminars hintertreiben sollen." „Der erste Fehler der Regierung bestand darin, daß sie ,die Angelegenheit in der Form, wie es geschah , überhaupt vor das ' Abgeordnetenhaus brachte. Die Regierung wollte. hyperconstsiutionell sein und dem Abgeordnetenhaus nicht blos das Recht ver CoNtrole ungeschmälert lassen, sondern gewissermaßen auch dessen vorläufige Einwilligung zu einem rein administrativem Acte einholen'. Diese zaghafte und muthlose Haltung führte zur Verfchleppung der Angelegenheit." „Die gestrige Sitzung des Abgeordnetenhauses setzte diesem Meisterstück der Confusion und Halbheit die Krone auf.-- Nachdem die Deak-Partei sich schon früher für die Annahme des Regierungsvorschlages — mit einer unwesentlichen Modification 30*