Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 29 (14.7.1874)
- Date
- 1874-07-14
- Page
- Seite 488 (sequence 4)
- Language
- German
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Die Armen- und Wohlthätigkeitsgesetze .sind ed, nun,, die er in Betracht zieht und. mit-wahrhafter Begeisterung - schildert. Er stellt die Vorschriften über, das Pfand und das- Verbot des Zinses -dar und wirft Luthervor, irrthümlicher Weise das hebräische Wort mit „Wucher" übersetzt 311 haben, wodurch so viele falsche Urtheile bewirkt worden. Er zeigt nun, daß derselbe- Geist in vielen talmudischen Aussprüchen sich kundgiebt. Es versteht sich , daß der.Verfasser alles dies; nur in allgemeinen Zügen zeichnet und namentlich die großartige Durcharbeitung des Wohlthätigk'eitsgesetzes im rabbimschen Iudenthume nicht kennt. In. dem Capitel über, die allgemeine Menschenliebe we.ist; er auch nach, wie schon in den Büchern des alten Testaments die Feindesliebe gelehrt und in ganz^ bestimmten Vorschriften ausgedrückt wird, und wie falsch daher die bekannte Stelle Matth. 5, 43 ist. Zum Schlüsse wollen wir noch eine prägnante Stelle aus dem zweiten Theile der Abhandlung wiedergeben : h „Wir wissen wohldaß gerade dieser Punkt bis zur Stunde noch am meisten bestritten; wird,.. daß , es in christlichen-; Kreisen gang und gäbe ist,; dem Iudenthum gerade seine Engherzigkeit und seinen confessionellen Fanatismus, als den. eigentlich unterscheidenden- Charakterzug seiner Religion und - feiner Sittenlehrezum Vorwurf zu machen, und wir; sind weit entfernt, leugnen zu wollen, daß sich.in den ältesten wie in den späteren Schriften,, in der ältesten wie späteren Geschichte des Judenthums Beweise; für diese Engherzigkeit und diesen Fanatismus vorfinden. Der- Glaube, allein das auserwählte Volk zu sein, das stolze, hochmüthige Herabsehen -auf alle andern, .zumal die heidnischen Völker, die Gojim, der wahrhaft barbarische,Fanatismus, mit welchem die Bekämpfung und theilweise Ausrottung solcher Völker im allen Testament als ein Beweis der Hingebung an deneinzig wahren Gott dargestellt ist, das Verbot'der Che mit Nichtjuden, die Absonderung, wie sie sogar zur heutigen Stunde, noch durch das Festhalten ein?s Theils der Juden namentlich an den alten .Speisegesetzen aufrecht erhalten-wird, dieses und anderes sind Thatsachen, welche durch keine. Kunst der Deutung und Auslegungkönnen .bestritten udergar. ungeschehen gemacht werden. Amallerwenigsten aber hat das Christenthum ein Recht, sich in die. Brust zu werfen und dem Iudenthum wegen dieser Thatsachen einen Vorwurf zu machen, das Christenthum, welches, wie wir wiederholt erinnert, die Liebe auf sein Banner geschrieben, und aus lauten Liebe oder richtiger gesagt, aus konfessionellem Hochmuth und konfessioneller Lieblosigkeit nicht nur Tausende-. seinereigenen Bekenner, sondern, ganz besonders auch von Bekennern des Iudenthums,/ in Noch und-;Tod getrieben, excommunicirt, verflucht, geächtet, verfolgt, beraubt, eingekerkert, gefoltert nnd gemartertaufdem Schaffott hingerichtet, in den Flammen des Scheiterhaufens-, erstickt und. verbrannt,, oder . in-; den' blutigstenoft Jahre /.lang; dauernden- - Alles verheerenden und zerstörenden Religionskriegen hingeschlachtet und hingewürgt. hat! Von unserm Standpunkt außerhalb - aller: Confessionen / ergiebt sich die Lösung , dieses-Widerspruchs, und zwar ebenso-fiir Christenthum wie Iudenthum, aus. der ' doppelten Betrachtung, einmal daß wir diesen- Zeugnissen der- Engherzigkeit und -des; Fanatismus je mehr begegnen, je weiter wir in die ersten Zeiten des Sturmes und Dranges beider Religionen zurückgehen, jeweiter-sie also in -ihrer eigentlichen 'Entwickelungnoch zurück - waren; und - dann aus der.Thatsache, daß in beiden Religionen zwei sich bekämpfende Richtungen oder:Strömungen neben einander hergehen, die vorzugsweise p riest er li che oder hierar chis che, deren Lebenselement eben jener engherzige Fanatismus-ist-- und die prophetische oder demokratische, deren weitherzigere, humanere Grundsätze in stetem Kampf, langsam, aber Schritt für- Schritt dem Ziele näher, über jene andern den Sieg zu gewinnen bestimmt sind. Wenn wir darum auf-diese humaneren Grundsätze hier vorzugsweise aufmerksam machen, so geschieht es nicht, weil wir die entgegengesetzten leugnen, sondern . es geschieht, weil man von nichtjüdischer Seite über diesen letzteren die ersteren soviel wie ganz vergessen, oder übersehen hat, und. weil wir es für unsere Pflicht halten, - zur Ehrenrettung, d. h . zur vollen, gerechten Würdigung des zu lange verkannten unp. verleumdeten- -Iudenthums durch Erinnerung an jene wahrhaft humanen Grundsätze Pas Unsrige beizutragen." - ■ ~ - ' Den ersten Erklärungsgrund des Verfasiers, nämlich, daß ..wir die Spuren des Fanatismus mehr in den ältesten Zeiten beider Religionen, in der Zeit ihres Aufstrebend,-wo sie sich ihren Platz erst erringen mußten, finden, sehen wir allerdings - in der Geschichte des Judenthums bestätigt,, nicht - aber in der des Christenthums, wo der dreißigjährige-Krieg und die Scheiterhaufen der Inquisition der neuesten Zeit noch zu nahe sind, Destomehr stimmen wir. dem Verfasser hinsichtlich des zweiten Grundesbei. Hier sind es aber oft geschichtliche Bedingungen-, welche-der Entwickelung- und Herrschaft der Humanität entgegentreten-; -bisweilen auch die- Oberflächlichkeit derer die sie lehreni und allzuwenig die mannigfaltigen Triebfedern des - menschlichen -Herzens und die Beschränktheit, des menschlichen Geistes -innerhalb des; gewöhnlichen Lebens überschauen. In solchen Rechtfertigungen, in solcher unparteiischem Würdigung des geschichtlich Gegebenen besteht-eine der schönsten.Aufgaben; unserer Zeit. Nichts ist, leichter, aber auch thörichter, * als / seine. Gegenwart hoch über aller Vergangenheit stehend zu glauben, und mit Selbstüberschätzung und Verachtung anf-die große Geistesarbeit der Jahrtausende zu blicken, während es doch, die.-Sicherheit.-und den Triumph--der menschlichen Erkenntniß bildet, da.s Wahre- Gute und Heilige aus den ältesten Zeilen des . geschichtlichen Bewußtseins fort und. fort durch die. Zeiträume aufwachsen, sich-enthalten und festigen-zu sehen. - -