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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-07-14 · Heft 29 (14.7.1874) · p. Seite 486

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 29 (14.7.1874)
Date
1874-07-14
Page
Seite 486 (sequence 2)
Language
German
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darstellt, sich befindet, der geschichtlichen Bedingungen weniger inne wird, und deshalb das Specisische des Judenthums unrichtig beurtheilt. Das ganze Ceremonialgesetz ist ihm zuwider, befonders.so weit es eine Abschließung oder Sonderung zm bewirken scheint, namentlich die Speifegesetze. Er wergißt, daß,-wenn die Juden dürch das ganze Alterthum, das 'Mittelalter und selbst in unserer Zeit, die Höhenpunkte, die er dem Judenthume vindicirt und die ihm dessen Verdienst auszumachen scheinen, einer entgegengesetzten Welt gegenüber behaupten sollten/ dasselbe auch in bestimmten Formen und zwar solchen der Sonderung leben mußte. Eine Volksmasse der verschiedensten Bildungsstufen besteht nicht blos aus Principien- und Jdealmenschen, die um einiger Höchsten Ideen willen leben und sterben, die sich auf der Höhe zu erhalten vermögen, auf welcher sie für einige abstracte Ideen ihr Dasein führen, sich hingeben und die größten Opfer bringen. Diese Masse will concrete Gestaltung, gewisse Abgrenzung, und gebrauchen wir das altjüdische Wort für diesen begriff, gewisse Zäune (jpd) haben, um nicht auseinanderzufließen und in den allgemeinen Strom aufzugeheu. Was das Judenthum für die gesammte Menschheit retten, bis zur-Zeit einer höheren Entwickelung, bis, wie der Verfasser selbst sagt, zu einer „messianischen Zeit" erhalten sollte, das konnte es nur bewahren , und schützen in der eigenthümlichen Form, in welcher es dies seinen Bekennern übergab. Man sieht, wir gehen hierbei selbst vom allgemeinen Humanitären Standpunkt aus, und sehen noch davon ab, daß das Individuum innerhalb seiner Religion sich zu heiligen das Bedürfniß hat, und dies immer nur in specifischer Weise, wie sie sich geschichtlich herausbildet und in großen Phasen verändert , geschehen kann. In diesem, wie in jenem Momente liegt die große Bedeutung des traditionellen Gesetzes, das daher von ganz allgemeinem Standpunkte aus zu beurtheilen, nur zu Irrungen führt. Wir haben. dies in unseren „Vorlesungen" ausführlich dargethan. Gehen wir nun zu einer Analyse der angeführten Abhandlung über. Den Standpunkt des Verfassers kennzeichnen am besten seine einleitenden Worte, die wir deshalb hierherstellen: „Unter vorurtheilslosen Christen gilt es längst als eine nicht zu bestreitende Thatsache, d>ß das Christenthum, wie es in der Geschichte aufgetreten ist, schlechterdings das Recht nicht hat, im Unterschied von anderen Religionen sich ausnahmsweise, oder auch nur vorzugsweise die „Religion der Liebe" zu nennen. Am allerwenigsten hat es diese Liebe dem Judenthum gegenüber bethätigt, dessen Bekenner, zumal rn den Zeiten des Mittelalters, nicht wie gleichberechtigte Menschen, sondern wie die verworfensten Pariahs, wie das vernunftlose Vieh von den Bekennern des .Christenthums behandelt worden sind. Aber es wäre eine gefährliche Täuschung, sich einreden zu wollen, daß diese Zeilen und mit ihnen .der tiefgewurzelte Haß, die tiefgewurzelte Verachtung vollständig geschwunden; dienägliche Erfahrung lehrt uns vielmehr, daß trotz aller Fortschritte in Staat und Sitte, trotz der fast überall jetzt eingetrekeneü »Emäncipation'der Juden, und trotz der — im Gegensatz zum alten Kirchenglauben täglich mehr sich ausbreitenden freieren, vernünftigeren und humaneren Anschauungen^ bis zur Munde noch sich einwahrhaft häßlicher Rest, M/mnvertilgßav scheinen-' der Bodensatz: von^jenen Gefühlen ^des? Hasses und d^r^Verachtung selbst bdi solchen Christen erhalten hat) bei welchen ^man im Hinblick auf den sonstigen Bildungsgrad es geradezu für unmöglich halten sollte. - v ^UDaß wir an einem^schmutziges, betrügerischen Vieh- oder Schacherjuden kein besonderes Wohlgefallen haben, das versteht sich von selber, daraus kann uns kein Vorwurf erwachsen; aber daß wir, d. h. so viele unter uns, den Abscheu, welchen solche Juden in uns erregen, auf alle andern ohne Ausnahme übertragendaß wir allen übrigen dieselben schmutzigen Gesinnungen zuschreiben, oder wenigstens doch die Einzelner ihrer-Glaubensgenossen sie alle entgelten lassen, .daß wir vergessen, wie viel gemeine, schmutzige Gesinnung unter den Christen,- und oft. den scheinbar Frömmsten, anzutreffen, daß wir vergessen, wie viele schmutzige Betrüger als Vollblutchristen die höchsten Würden in Staat und Kirche begleitet, wie viele abgefeimte Schacherer und Wucherer sogar mit der päpstlichen Tiare geschmückt waren,, ja, daß wir ganz vergessen, wie der jahrhundertlange Druck und die jahrhundertlangd Verachtung, die auf -dem Judenthum lastete, wie also das Christenthum selbst .die Hauptschuld ist, daß wir solchen Erscheinungen im Judenthum -begegnen, — das ist es, was schlechterdings nicht zu rechtfertigen, was Angesichts unserer heutigen Bildung geradezu beschämend, und was sich zuletzt nur aus der ebenso gedankenals herzlosen Vererbung einer fast instinctmäßigen Abneigung einerseits, wie eines lächerlichen Hochmuths andrerseits erklären läßt. Dabei soll nicht geleugnet werden, daß das Judenthum von dem Vorwurf nicht freizusprechen ist, jener Abneigung selbst in gebildeten Kreisen dadurch, immer neue Nahrung, zuzuführen, daß bis zur Stunde der größere Theil seiner Bekenner mit fast fanatischer Zähigkeit und Hartnäckigkeit eine Menge vorsündfluthiger Ceremonialgesetze aufrecht erhält, die, wenn wir namentlich an die Speisegesetze denken, in der That nicht geeignet sind, eine innigere Annäherung zwischen Juden und Nichtjuden herbeizuführen, die im Gegentheil geradezu darauf berechnet sind, eine beständige Kluft oder Scheidewand jedem Nichtjuden gegenüber aufrecht zu erhalten, und zwar aufrecht zu erhaltenim Namen der Religion! Soll darum diesem socialen Mißstand gründlich abgeholfen, soll diese häßliche Scheidewand, die seit Jahrhunderten von konfessionellem Haß, Verachtung, Hochmuth. und starrem Festhalten an überlebten Gebräuchen zwischen Gliedern derselben Menschenfamilie aufgerichtet worden, ein für allemal niedergerissen und abgetragen werden , so bietet sich kein besseres Mittel dar, als die Verbreitung richtigerer, vorurtheils loserer Anschauungen über das eigentliche, innerste Wesen des

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