Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 27 (30.6.1874)
- Date
- 1874-06-30
- Page
- Seite 451 (sequence 3)
- Language
- German
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wirdie Resolution des Abgeordnetenhauses. so. dringend -zu be-. kämpfen uns veranlaßt.Men?., Wer unsere Anschauunge.uirnd Bestrebungen, kennt, der Miß, ..daß, auch wir zu aller..Zeit auf der Seite der. Freiheit standenuyd. jedenwirklichen Gewissenszwang perhorrescirten. Es ist dies keine.-bloße Phrase. Schon im Beginne unserer publicistischen Laufbahn halten wir Gelegenheit, den Zwang. zu bekämpfen, welchen damals z. B. im Großherzogthum Weimardie Reformpartei ausübte, Mährend wir bald darauf - den Zwang zu bestreiten versuchten,- den die orthodoxe Partei in London rn's Werkzu setzen beabsichtigte. Wir haben stets die Ansicht vertheidigt, daß, wo eine Gemeinde sich in entschiedener Weise auf die Reformseilestellt, es der orthodoxen Minorität gestattet,sein müsse, sich ihren Cultus herzustellen und sie von der Gemeinde hierzu eine angemessene Subvention zu erhalten habe. Nicht minder, wo das Gegentheil stattfindet.. Wir sprachen stets unsere Freüdeäüs, wenn ein solcher Ausgleich in einer'Gemeinde zu Stande kam, und gehörten zu den ersten, welche, einen solchen Ausweg in der jetzt' schwebenden Frage anriethen. Dagegen hegten wir immer die Ansicht, daß man eben so wenig im Staate, wie in irgend ejner größeren Gemeinschaft, deren Existenz ein Bedürfnis ja eine Nothwendigkeit ist, der individuellen Willkür so viel Raum und Freiheit gewähren darf, um den. Bestand und daS. Heil des Ganzen zu gefährden, daß vielmehr vom Individuum des Gemeinwohls - wegen, ein Opfer verlangt werden müsse, sei esdaß es seine Mittel oder seine persönlichen Ansichten, beträfe. Da wir uns nun fest überzeugt halten, daß in den preußischen jüdischen Gemeinden für das Individuum k ein e r l e i Gewissenszwang geübt wird und nach Lage der bisherigen Gesetzgebung geübt werden kann, insonders auch wenn gesetzlich festgestellt wird, daß, sei es eine -orthodoxe, sei es eine reformistische Minorität, diese ihre gottesdienstlichen Einrichtungen mit der-ihr zukommenden Unterstützung ausder Gemeindecasse herzustellen das Recht habe: so bestreiten wir. die Resolution mit allem Nachdruck, weil sie offenbar die nachtheiligsten Folgen für die jüdischen Gemeinden haben wird, Folgen, welche die Borkämpfer der Resolution mit allen ihren schönen Phrasen nicht zu. verhüllen vermögen. Man würde sich irren, wenn man annähme, wir fänden diese.schädlichen Folgen allein in der Gefährdung des Bestandes oder dochder Wirksamkeit, der Gemeinden. Ja, wir halten diese Gefährdung für gewiß.. Fast; in t jeder Gemeinde existiren Subjecte, die dahin streben, sich,-einen Anhang zu verschaffen, den sie leiten und-beherrschen können, und deren Wühlereien es nicht allzuschwer wird, Anhänger' zu finden, noch dazu wenn. sie im Namen religiöser Ansichten u auftreten, welche den Maßnahmen der Gemeinde zu .widerstreiten vorgegeben werden. Dies ist der Vorwand zu dem Konfessionellen Bedenken", welches die Grundlage des neuen Gesetzes werden soll. Daß auf diese Weise, die Gemeinden,gespalten, oder, doch aus steter Befürchtung davor in jedem Schritte -behindert werden, daß schließlich die treu bleibenden Mitglieder die ganze Last der Gemeindesteuern nicht werden tragen wollen, und die Unsicherhest jeder ^nachhaltigen .Entwickelungper Mryeindeinstitu te -entgegentreten. werde, dies , alles - ist fo^ apgenscheinlich, daß.mur..ein gegnerischer Eifer-.eS . leugnen..kann.-,- Und^ dennoch ist^..dieser-r^aden,^sajMmBbMEbrerttauch--ist, nicht das einzige Motiv unserer Opposition: gegen die -gedachte Resolution. . „Wer die Entwickelung des- Judenthums - in. j den - deutschen Gemeinden beobachtet hatder.weiß, d§st. dieselbe wederin ihren Instituten, noch.innerhalb^der WoskSmaffe^selbst einer der beiden Extreme, der- Reform- oder, der.Orthodoxie, sich, entschieden zugeneigl hat. jDie vorherrschende . Tendenz .lag stets5.und überall in der Erha ltung d e s -I udenthum^s, in de r E i nh e i t.< Mit geringer Ausnahme wollte man von einer Spaltung, von einer offenbaren.Zerklüftung-in Parteien nichts.wiffey..jDie Znpivibuen: gingen in religiöser.Beziehung frei, ihren- Weg, wie ihn Erziehung, Bildung, Anschauung, Gewohnheiten und: Lebensschicksale ihnen vorzeichneten, und gestalteten. Sie wollten einander, nicht zwingen-, aber -auchnicht sich von einander trennen- Verkehr, Familienverbindungen. und. die gemeinsamen Interessen des Judenthums und der; Juden wurden von der Verschiedenheit der religiösen Ansichten durchaus nicht, berührt, oder - alterirt. Aber auch die Gemeinden wurden von dieser Tendenz , geleitet. Sie ließen sich, im großen, Ganzen von -den - Forderungen, entschiedener Parteien nicht beherrschen; sie wollten-einheitlich bleibxn. Diesiß durch zahllose - Thalfachen - erwiesen. Alle Wühlereien orthodoxer Wortführer brachten es inkaum - vier Gemeinyen.-zu Stande, daß eine Spaltung sich, - verwirklichte. Wo., siean anderen -Orten. austauchte, wurde sie bald wieder ausgeglichen. - Der Beweis -liegt auch darindaß nur - in , wenigen Gemeinden die Institute einen extremen Charakter annahmen. .Die Entwickelung in den Gemeinden war daher auch nur. eine langsam fortschreitende, aber gerade darum auch eine gesunde.' Das Dasein der Reformer in der Gemeinde verhinderte, .die Orthodoxen, - den ewigen Stillstand zu gebieten, und. das Dasein .der Orthodoxen verhinderte die Reformer, die Religion .und den-.Cultus ihrer geschichtlichen Unterlage und Gestaltung-zu berauben. Wer aber sieht nicht ein, daß eine solche Entwickelung allem einer Gesammtheit, namentlich in einer Periode, wie sie das Judenthum jetzt durchzuarbeiten hat, zuträglich ist,., daß jede Zersplitterung der Kräfte diese nutzlos verschwenden läßt, daß auf religiösem Gebiete Spaltungen nur Religionskasten und. Kastenreligionen .hervoxbringen,-und die eine , oder die l andere Partei in ihre einmab ausgestellten;; Ansichten um so . fester hineinbannen .und 7 in ihnep dauernd festhalten? Die Beweise hierfür liegen-in per Geschichte aller -Religionen.hinlänglich vor. Kommt, hinzu, dast-es sich um kleine Körperschaften einer zerstreuten Minorität handelt,- so. giebt sich das Gefährliche um so leichter zuerkennen. Alles,dies wird durch ein Gesetz, -welches-den.Austritt aus der Gemeinde^vWig freigiebt,und tdie Gemeinde nur. auf .dM Standpunkt unbedingter Freiwilligkeit-, stellt, wie Mit einem ,Schlage-jmmgewandelt. .-. Mas .Principn der. Gemeinschaft,, wird.aufgehohen,.-per. Individualismus