Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1874)
- Date
- 1874-06-23
- Page
- Seite 445 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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445 Keim - des nationalen und religiösen Lebens in sich trug! Was Wunder, daß der ärmste jüdische Bettler in den Zeiten der mittelalterlichen Verfolgung, seinen -unwissenden rohen Unterdrückern gegenüber noch immer einen gewissen Stolz der Bildung empfand und alle, Martern und Verfolgungen ertrug, um nicht zu werden „wie die Völker des -Erdballs". In einem ähnlichen Verhältnisse.stehen noch Heute-Juden jener poln.-russisch. Gegenden zu ihrer Umgebung. Auf der einen Seite ein gieriger Beamtenstand und eine hochfahrende Aristokratie, unter dem Firniß europäischer Eivilisation und einer überfeinerten Bildung ihre innere Rohheit bergend, welche sie zum Sklaven ihrer Leidenschaften macht; auf der anderen Seite ein stupides in Armuth und Knechtschaft versunkenes Leibeigenthum; dem gegenüber repräsentirt diese rührige jüdische Bevölkerung , in deren Händen sich die gesammte gewerbliche und Handelsthätigkeit concentrirt, noch heute, trotz aller widerlichen Eigenschaften, eine höhere Intelligenz. Erwerb, gleich vi e l auf welchen schmutzigen Wegen, gleichviel durch welche Selbsterniedrigung erkauft, scheint zwar die einzige Triebfeder, das einzige Object dieses rastlos wimmelnden'Ameisenhaufens zu sein, und doch ist dem nicht so. Geld ist hier, wie im Mittelalter auch bei uns, die einzige Waffe, womit diese im Ganzen rechtlose Bevölkerung sich inmitten einer sie mit tiefster Abneigung betrachteten Umgebung und gegenüber einer bis vor Kurzem noch feindseligen Regierung die Möglichkeit ihrer Existenz erhalten kann. Der Besitz allein vermag ihr eine Genugthuung zu geben für alle die Erniedrigungen und Mißhandlungenwelche die rohe Leidenschaftlichkeit und Verachtung täglich, auf -sie häuft. Auf Geld geht naturgemäß ihr Sinnen und Arbeiten, aber die> Quellen der Intelligenz, vermöge derer es ihnen gelingt, ihr Ziel zu erreichen , liegen in der eifrigen Pflege ihrer überlieferten Wissenschaften und zum Theile auch in ihrem Gemeindeleben. Ein Renommöe in der Erforschung des Talmuds und der Thora steht meistens, heute noch bei jenen Juden hoher, als. der so viel erstrebte Besitz von Geld. Noch heute betrachtet es dort oft der reichste Millionär als ein Glück, seine Kinder dem Nachkommen irgend eines berühmten Rabbi vermählen zu können, und wem dies- Glück nicht zu Theil werden kann, sucht sich oft, wenn er mit Glücksgütern gesegnet ist,, einen armen, aber gelehrten Schwiegersohn, den er unterhält, damit er ungestört seinen Studien leben kann. Diese Werthschätzung des. Studiums, dem. mehr oder weniger fast jeder Jude dort obliegt, giebt ihnen jene bewunderungswürdige geistige Gewandtheit, durch die sie trotz aller materiellen Hindernisse sich zu einem so bedeutungsvollen Factor des Staatslebens entwickelt haben. Dazu kommt,* daß sie eine selbstständige, auf der ausgedehntesten Selbstregierung basirte Gemeindeverfassung,-wie sie-von unseren liberalen Parteien noch als unerreichbares Ideal erstrebt wird, Dank der Verachtung, mit der ihre Angelegenheiten betrachtet werden, vor allen Eingriffen des bevormundenden Polizeistaates gerettet haben. Dadurch erhalten sie eine schätzenswerthe-Habe - administrativer Geschicklichkeitvon der ihrer Umgebung geradezu jede Ahnung' fehlt und welche geeignet ist, ihre Stelle in der-fortschreitenden Entwickelung des russischen Reiches -zu einer noch bedeutungsvolleren zu machen. Der Werthschätzung des Studiums steht die Sekte - der Chasidim wenn auch nicht geradezu feindlich, doch ihrem Wesen nach uegirend, gegenüber. Im Gegensatz zu ihren übrigen Glaubensgenossen, welche das Forschen im Worte Gottes' als den idealsten Lebenszweck betrachten „ legen sie den Hauptwerth auf die Extase und das Uebernatürliche im Glauben. Ohne gerade abweichende Glaubenssätze zu haben, bilden sie doch besondere Gemeinden, welche sich durch einemißverständliche Interpretation des mystischen Theils des Talmuds, der sogenannten Kabala, einen durch zum Theilbizarre Aeußerlichkeiten verunstalteten Cultus gebildet haben,- in welchem die leidenschaftliche Extase des Gebetes das hervorstechendste Merkmal ist. Methodisten?! Nach ihrer Ansicht ist in der zum Theil ganz unverständlichen Kabala von Gott die Summe allesWissens und das Geheimniß der Schöpfung niedergelegt, dessen Erkenntniß dem heiligen Forscher die Herrschaft über das ganze Reich der Natur und der Geister giebt. Nur wer bis zu diesem Urquell der Erkenntniß vorgedrungen ist und den Beweis seiner Herrschaft über die natürliche und übernatürliche Welt durch Wunder bethätigt hat, wird als „Rabbi", oder wie der Titel in manchen Gegenden heißt, als „gutter Jüd" verehrt. Dieses Unwesen hat sich im Anfänge dieses Jahrhunderts von der Moldau aus, deren Juden früher ihrer Unwissenheit wegen von den russischen und polnischen Juden mit Recht verachtet waren, über ganz Polen und Rußland verbreitet und ist Dank dem Verdummung erzeugenden materiellen Drucke des Nikolaus'schen Regierungssystems schließlich in fast allen Gemeinden tonangebend geworden." Der Gberrabbiner Zakir Effendi. Wir entnehmen über diesen interessanten Mann dem 'Air!,, isr. folgenden Notizen. Der Oberrabbiner Iakir stammt aus einer alten Rabbinerfamilie zu Adrianopel (Türkei). Er zählt unter seinen Vorfahren den Gelehrten Abraham Giron, der 1710 daS im Oriente sehr verbreitete Werk ■ppn 7o verfaßte. (Wir kennen nur die Ausgabe Konstantinopel 1757. Redact.) Iakir war 1813 geboren und wurde in einem Alter von 22 Jahren zum Oberrabbiner von Adrianopel erwählt. So jung er war, erwarb er sich doch durch seinen Eifer und seine Thätigkeit eine hohe Achtung, auch bei den Würdenträgern der Pforte, wodurch er im Stande war, oft die Sache seiner Glaubensbrüder zu führen. Nicht durch literarische Werke, aber durch unermüdliches Streben für das Wohl^der ihm anvertrauten Heerde zeichnete er sich aus. Im Jahre 1846 wurde durch eine heftige Feuersbrünst die jüdische Bevölkerung Adrianopel's in großes Elend versenkt. Iakir .eilte