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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-06-23 · Heft 26 (23.6.1874) · p. Seite 444

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 26 (23.6.1874)
Date
1874-06-23
Page
Seite 444 (sequence 12)
Language
German
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feierten den Tag ihrer silbernen - Hochzeit' durch bedeutende Donationen.; So gedachten sie an diesem Freudentage, wie es besonders heißt, „aus Dankbarkeit , daß ihnen-Gott den Tag einer fünfundzwanzigjährigen glücklichen Ehe hat; erleben lassen" , der Psiegeanstalt der Kronprinzessin Louise zur Erweiterung - dieser Anstalt mit 5000 Kr., damit auch Kinder unter 2 Jahren dort untergebracht werden können. Zum Arbeiterverein in Stockholm spendeten sie 2000 Kr. und zu gleichem Vereine hier 500 Kr., an arme, mittellose Personen, welche von den Blattern genesen, 500 Kr., und an den Fond zur -Erinnerung der Krönung des Königs Oscar II. und der Königin Sophia 500 Kr., sowie an die „mosaische Versammlung^ in Stockholm 5000 Kronen, mit der Bedingung, daß die'Zinsen davon jährlich den 15. Mai an. ein oder mehrere Mädchen oder Jünglinge, welche dieser J e u i l Die polnisch-russischen Juden.? . Wir haben uns in letzter Zeit vielfach mit. diesem großen Theile unserer-Glaubensgenossenschaft . zu beschäftigen gehabt, und es wird daher ein kleines Charakterbild nicht ungern betrachtet, werden, welches .jüngst in der „Posener-Zeitung" (Nr..-187) bei Gelegenheit eines jüdischen Romans entworfen wird. Dieser.: letziere ist in jenem wunderlichen Dialect geschrieben, den wir im Allgemeinen mit Judendeutsch bezeichnen. Nur muß man sich darunter nicht jenes mit wunderlichen Redewendungen und einigen charakteristischen Fremdwörtern verzierte Deutsch vor stellen, welches wir von Gliedern des Volkes Gottes noch unter uns reden hören, und welches sich durch eine ganz berufene und unberufene Literatur des Spottes fast die Berechtigung eines Dialects unter uns erworben hat. Das Judendeutsch unseres Büchleins ist die wirkliche Umgangssprache der jüdischen Bevölkerung , welche die zahlreichen Städte Hinterpolens, Klein-Rußlands, Beffarabiens und zum Theil der Moldau fast ausschließlich bewohnt und noch bis vor wenigen Decennien ganz ungestört von dem Einflüsse der europ. Civilisationsich in Cultur, Sitte und Sprache ganz eigenartig entwickelt hat. Dieses Judendeutsch ist eine ganz eigenthümliche Verzerrung der deutschen Sprache, ebenso unverständlich durch die zahlreichen polnischen, russischen und hebräischen Beimengsel, als durch die oft ganz eigenartige Satz- und Wortbildung und Flexion des deutschen Stammes; ein Buch , mit 7 Siegeln für den Uneingeweihten , aber gewiß einst ein Schatz für den Etymologen, der sich die Mühe nicht wird verdrießen kaffen, die Entwickelung dieses wilden Schößlings unserer Muttersprache zu verfolgen. > Es-heißt dann weiter: „Uns haben bis jetzt die Zustände jener nach Millionen zählenden jüdischen-Bevölkerung Polens und Rußlands wenig interessirt; weniger, als sie es verdienen. Denn in jenen Gegenden hat dieses geistig so regsame Völkchen, welches eine große Anzahl znm Theil bedeutender Städte fast ausschließlich V e r fft M'Mrüng'angehöreü''Und" tvelihe wünschenein' Gewerbe zu erlernen'. oder '- literarische^ Kenntnisse sich 'züzueignen, ausgetheilt werden sollen," und 500 Kronen' zur Bertheilung an israeli Arme daselbst: ' - .; j - ■ -Ist auch dieser Wohlthätigkeitssinn und der -religiöse Gedanke dabei, für'Gottes .Segen' sich dankbar zu zeigen,- sehr lobens- und nachahmungswerth; denn durch Stiftungen und Barmherzigkeitswerke wird der Bestand Israeli Versammlungen bewahrt, - 'so haben erwähnte Donationen doch eine Schattenseite, daß mämlich/ während der Eine hier geboren ist, derAndere hier-15.Jahre wohnhaft war und sein Vermögen hier erworben hat, beide'dennoch auch nicht mit der ' geringsten Gabe der hiesigen israelitischen Gemeinde sich erinnert haben.- l e 1 o n. bevölkert, durch seine Religion .von jeder geistigen Beziehung zu seinen Umwohnern abgeschnitten, sich ganz eigenartig.entwickelt. Wir . finden hier eine im Vergleiche zu der auf einer viel niedrigeren Stufe stehenden Umgebung entwickeltere Cultur, aber bizarr und wunderlich in ihren Eigen thümlichkeiten und so außer allem Zusammenhänge .stehend mit-der Cultur und Entwickelung, die wir die europäische nennen,, wie. etwa die chinesische und indische. Und diese jüdische Cultur verdient unsere Aufmerksamkeit in eben so hohem Grade wie, jene durch Welttheile und Jahrtausende von uns getrennte, denn die Träger derselben sprechen unsere. Sprache und denken in ihr und sind -berufen, in der Entwickelung des gewaltigen, dem Zuge der europäischen Bildung, wenn auch langsam folgenden Reichs,-dem - sie angehören-und^ mittelbar durch dieses in unserer Entwickelung eine Rolle zu spielen. Das große Räthsel, wie es den Juden möglich geworden ist, sich trotz ihrer geringen Anzahl undihrer Zerstreutheit, den blutigsten- Verfolgungen gegenüber -in ihrer nationalen und religiösen Eigenthümlichkeit zu erhalten, findet in den Charakter - Eigenschaften der Race. keine genügende Erklärung. Weder die Mauren in Spanien noch die Czechen haben ihre Religion, deren Entwickelung mit ihrer ruhmreichen nationalen Geschichte so eng verwachsen war, gegenüber dem Drucke einer rücksichtslosen concentrirten Staatsgewalt behaupten können. Das Geheimniß der Unvertilgbarkeit des Judenthums lag darin, daß die geistige Ausbildung bei ihnen eine religiöse Vorschrift war, die als ein wichtiger Glaubensartikel heilig gehaltenwurde. Schon in einer Zeit, als noch große-Kaiser die Kunst des Lesens als.eine schätzenswerthe Kenntniß.sich zu erwerben suchten/ gab es wohl" kaum einen Juden, der nicht? die Geschichte seiner Religion und Nation aus den Urquellen lesen , der nicht «mit hebräischen Lettern in der Sprache des Landes seines zeitigen Aufenthaltes schreiben konnte. Was Wunder, daß dieseRation sich als unausrottbar erwies, wo jeder ver versprengten armseligsten Ueberreste in seinen Kenntnissen den

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